truppen.info: Interview mit dem Vorsitzenden des Deutschen Bundeswehr Verbandes
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 DBwV: Klare Führung, klare Sprache
 Soldatengewerkschaft fordert Generalstab und bessere Ausrüstung

Oberst Bernhard Gertz
Foto: DBwV
Berlin (lb) [22.01.08]. Auch nach 15 Jahren bewaffneter Auslandseinsätze der Bundeswehr sind die deutschen Streitkräfte noch immer nicht richtig aufgestellt, es fehlt an einer strukturierten Planung, an Ausrüstung und politischem Weitblick. Zu dieser Erkenntnis ist nun auch eine mit hochrangigen Ex-Generalen besetzte Expertenkommission gelangt. Der Bericht liegt zwar schon seit einem halben Jahr im Verteidigungsministerium vor, wurde aber erst jetzt öffentlich bekannt. Eine zentrale Forderung: die (Wieder-) Einführung eines Generalstabes. Lars Bessel sprach für truppen.info auch darüber mit dem Vorsitzenden des Deutschen Bundeswehrverbandes, Oberst Bernhard Gertz, in Berlin.

truppen.info: Herr Gertz, auch Sie sehen einen „Optimierungsbedarf in der Einsatzführung“. Von einem Generalstab will der Minister jedoch nichts hören, statt dessen soll es ab Sommer 2008 einen weiterer “Einsatzführungsstab“ geben. Ist das nur ein anderes Wort für Generalstab?

Oberst Bernhard Gertz: Ich würde es einen Nukleus nennen. Das ist natürlich nicht der berühmte Generalstab, also so ein großer Generalstab wie er zu Zeiten der Reichswehr oder der Wehrmacht bestanden hat. Aber auf jeden Fall ist es ein Schritt in die Richtung, aus der ministeriellen Gliederung einer Bundesbehörde heraus etwas zu entwickeln, was in der Arbeitsweise mehr einem Generalstab vergleichbar ist.
Sterne gesucht: Ein Generalstab könnte Entscheidungen beschleunigen.
Foto: Zeitter
truppen.info: Wenn ich Sie richtig verstehe, brauchen wir aber eigentlich genau so einen „echten“ Generalstab?

Oberst Bernhard Gertz: Ich denke wir brauchen in der Tat eine solche Abteilung, ob wir sie nun Operationsabteilung oder Einatzführungsstab nennen ist nicht wirklich entscheidend. Man kann Einsätze nicht nach dem ministeriellen Konsensprinzip führen, sondern es müssen relativ rasch Lagebeurteilungen angestellt werden, da müssen Entscheidungen getroffen werden. Das kann man nicht im Mitzeichnungsgang machen bis 56 Referate nach zweieinhalb Jahren alle ihr Plazet gegeben haben nachdem 81 Änderungen in das Papier eingebaut sind. Da braucht man andere Entscheidungsgänge.

truppen.info: Und warum wollen sie das nicht Generalstab nennen?

Oberst Bernhard Gertz: Ich habe mit dem Wort Generalstab kein Problem, ich hätte auch kein Problem damit, den Generalinspekteur umzutaufen in Generalstabschef. Aber ganz offensichtlich gibt es da in unserer Politik große Probleme, weil viele immer noch dem Missverständnis erliegen, dass die alleinige Ursache für die Fehlentwicklungen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Militarismus gewesen sei. Ich sehe die Entwicklung im Dritten Reich eher als eine fehlgeleitete politische Führung. Natürlich hat der Militarismus Wurzeln dafür gesetzt, was sich dann entwickelt hat, daran kann man nicht zweifeln, aber eigentlich kennzeichnet das Dritte Reich eher eine Perversion des Primats von Politik, als eine Perversion des Militärs.

truppen.info: Abgesehen von der Planung der Auslandseinsätze, gibt es aus Ihrer Sicht auch nach wie vor Probleme bei Ausbildung und Ausrüstung? Immerhin wird derzeit über eine weitere deutsche Kampfeinheit für den Norden Afghanistans diskutiert …

Oberst Bernhard Gertz: Da haben wir nach wie vor erhebliche Defizite, das muss man ganz deutlich sagen. Wenn Sie sich zum Beispiel die Frage stellen, wie rüsten wir eigentlich jetzt so eine „Quick Reaction Force“ für Afghanistan aus, dann stoßen wir schon an Grenzen. Wir haben unsere CH-53, das ist der Hubschrauber mit dem wir da fliegen können. Erstens ist die Nachtflugfähigkeit bekanntlich eingeschränkt, was keine gute Voraussetzung ist, zweitens können wir in die CH-53 nicht einfach die passenden Gefechtsfahrzeuge reinschieben, mit denen die „Quick Reaction Force“ unterwegs ist. Der „Dingo“ passt nicht in die CH-53, den trägt die nicht. Man müsste also aus dem „Dingo“ einen „Dingo „kurz““ entwickeln - das hat der Hersteller schon getan, ob das Geld dafür reicht, muss sich dann wieder herausstellen. Auch da leben wir wieder von der Hand in den Mund, wir sind nicht wirklich auf solche Situationen vorbereitet. Wir übernehmen eine Aufgabe oder sie zeichnet sich am Horizont ab und dann versuchen wir die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie auch erfüllt werden kann. Manchmal erst nachdem wir uns schon im Einsatzland befinden – und dieser Zustand ist unbefriedigend.

truppen.info: Wenn der politische Vorlauf so knapp ist, dann müssten doch eigentlich die in Frage kommenden Einheiten für diesen neuen Kampfverband in Nord-Afghanistan schon heute ausgebildet werden?

Oberst Bernhard Gertz: Wenn wir nicht schon mit der Ausbildung begonnen hätten, dann könnten wir gar nicht verantworten, wohlmöglich ab Mitte des Jahres Soldaten in Marsch zu setzen. Das ist ein Prozess, der muss einfach stattfinden: das heißt, wenn sich so etwas am Horizont abzeichnet, dann muss es schon Überlegungen geben, wie man das eigentlich macht - auch wenn das Parlament noch nicht entschieden hat.
Mangelnde Luftbeweglichkeit: Der Dingo könnte für künftige Missionen unbrauchbar sein.
Foto: Zeitter
truppen.info: Auch bei dieser Debatte windet sich die Politik wieder, die Dinge beim Namen zu nennen. Stört Sie das?

Oberst Bernhard Gertz: Ich glaube, es beginnt auch in der Politik langsam, dass die Sprache jetzt klarer wird. Aber die Bundesregierung muss sich da noch ein Stück nach vorne begeben, damit man ihr nicht nachsagt, sie eiert rum. Im Moment kann man sagen, sie eiert rum.

truppen.info: Das gilt erst recht, wenn es um gefallene Soldaten geht. Oder gibt es gar keine Toten?

Oberst Bernhard Gertz: Aber natürlich hat es Tote gegeben in Afghanistan, aus ganz unterschiedlichen Gründen: es gibt ab und zu einen Suizid, es gibt Leute, die einfach einem Herzschlag erliegen und dann gibt es auch Leute, die in die Luft gesprengt werden. Und es gibt Leute, die bei Unfällen ums Leben kommen. Also insgesamt ist das schon eine erhebliche Zahl. Wenn uns irgendjemand nachsagt, wir seien nur zum Kaffeetrinken in Afghanistan, dann würde ich ihn mal freundlich bitten, sich die lange Liste derjenigen anzugucken, die in der Tat schon im Sarg aus Afghanistan zurück gekommen sind. Da muss man ehrlich sein, dass ist ein gefährlicher Beruf, und das ist eine Herausforderung in ein solches Land zu gehen und da für die Bundesrepublik die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Das kann man den Menschen in Deutschland gar nicht deutlich genug sagen.

truppen.info: Wenn ein deutscher Soldat im Krieg fällt, wird aber trotzdem nach wie vor offiziell von einem „Dienstunfall“ gesprochen …

Oberst Bernhard Gertz: Das ist nun wirklich der Schwachsinn in Reinkultur, dass man von einem, der von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt und dabei getötet wird, das man dessen Witwe dann erzählt, ihr Mann sei einem Einsatzunfall erlegen. Das ist, finde ich, eine Verhohnepipelung der Betroffenen. Hier muss eine klare Sprache her. Ins Soldatenversorgungsgesetz müssen Begriffe wie Kampf, Krieg, wie Angriff, Verwundung und wie Gefallene Einzug halten.

truppen.info: Mit Blick auf eben diese Gefahren: wie attraktiv ist Beruf des Soldaten noch?

Oberst Bernhard Gertz: Ich finde ihn bei weitem nicht attraktiv genug. Gerade die Masse unserer qualifizierten Feldwebel ist viel zu schlecht bezahlt. Dieser Zustand muss sich ändern. Wir werden heute noch strukturell so besoldet wie in den 50er Jahren und diese Entwicklung ist nicht in Ordnung. Da ist die Bundesregierung im Obligo, da haben wir noch einiges zu tun, sonst werden uns eines Tages die Männer und Frauen wegbleiben, weil sie sagen, dieser Arbeitgeber ist für uns absolut uninteressant, der bietet uns nur Risiken und Belastungen aber kein angemessenes Äquivalent.

truppen.info: Über Afghanistan sprachen wir bereits, aber auch auf dem Balkan ist die Bundeswehr noch immer mit mehreren tausend Mann stationiert. Was wird eigentlich aus dem KFOR-Einsatz, wenn sich das Kosovo erwartungsgemäß zu einem unabhängigen Staat erklären wird?

Oberst Bernhard Gertz: Ich erwarte das auch mit einiger Spannung. Ganz sicher wird man mit der dann möglicherweise auch von der Bundesrepublik Deutschland anerkannten Regierung des Kosovo Verträge schließen müssen, nach denen die Stationierung europäischer Soldaten in diesem Land dann fortgeführt werden kann. Wenn es darüber Konsens gibt, dann wird es auch keine weitere Stationierung geben.

truppen.info: Sie gehen aber davon aus, dass es diesen Konsens geben wird?

Oberst Bernhard Gertz: Ich sehe die Perspektive, dass wir aus dem Land abziehen, noch nicht wirklich, denn auch im Kosovo gibt es noch keine „selbsttragende Sicherheitsstruktur“. Und solange die nicht da ist, solange fürchte ich, wird die europäische Union Präsenz zeigen müssen.

truppen.info: Aber die Linksfraktion im Bundestag hat schon mit Klage vorm Verfassungsgericht gedroht, wenn deutsche Soldaten ohne UN-Mandat im Kosovo blieben …

Oberst Bernhard Gertz: Das kann hilfreich sein. Ich kann die Damen und Herren von der Linksfraktion nur ermuntern, das zu tun - vielleicht trägt das ja zur Klarheit bei. Also ich lege wert darauf, dass wir für den Einsatz deutscher Soldaten eine tragfähige Rechtsgrundlage haben.
Ich hätte auch nichts dagegen, wenn wir die Soldaten abziehen, nur müssen wir uns möglicherweise darauf einrichten, dass wir dann wieder ein paar Millionen Flüchtlinge in Mitteleuropa haben und das will ganz sicher auch niemand. Die meisten Parlamentarier wissen, dass es billiger ist, Soldaten im Kosovo zu stationieren, als Flüchtlinge in Mitteleuropa zu versorgen.

truppen.info: Und was ist mit dem EUFOR-Mandat in Bosnien-Herzegowina?

Oberst Bernhard Gertz: Auch in Bosnien ist das Thema nicht wirklich gelöst. Auch da ist nicht unbedingt die Perspektive, das man das Land sich selbst überlassen kann. Nur in Bosnien ist möglicherweise ein Polizeieinsatz wichtiger als ein Einsatz von Militär und deswegen glaube in der Tat, dass wir da die militärische Präsenz weiter zurückbauen können. Eine Art „Quick Reaction Force“ wird man aber sicher weiterhin brauchen.
Zunehmende Einsätze mit schwindendem Personal strapazieren die Truppe.
Foto: Zeitter
truppen.info: EUFOR, KFOR, ISAF, OEF, UNIFIL, Kongo … Was kann die Bundeswehr in Zukunft eigentlich noch an Einsätzen bewerkstelligen?

Oberst Bernhard Gertz: In unserem jetzigen „Transformationszustand“ sollten wir sehr sorgfältig darauf achten, dass wir uns nicht noch weitere Bürgerkriegsschauplätze anlachen, insbesondere wenn sie wie Afghanistan oder Kongo auch noch mehr als 5000 Kilometer weit von Deutschland entfernt sind. Das stellt uns eben auch vor riesige logistische Probleme und da sind wir in Teilbereichen unserer militärischen Fähigkeiten bereits überstrapaziert. Das betrifft nicht alle, die in dieser Bundeswehr Dienst leisten, aber es gibt Spezialtätigkeiten unter Soldaten, in denen eine hohe Auslastung besteht - zum Beispiel Feldjäger, Fernmeldepersonal aber auch Pioniere und insbesondere das Sanitätspersonal. Da gibt es Teilbereiche, in denen wir schon sehr strapaziert sind. Zur Zeit würde ich die Bundesregierung eher davor warnen, die Zahl unserer Gastspiele im Ausland zu erhöhen. Und wenn es denn noch eines gäbe, müsste es möglichst so befristet sein, wie es im Kongo gelungen ist - wobei ich damit nicht sagen will, dass ich das Kongo-Abenteuer für erfolgreich gehalten habe. Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Kräfte nicht überstrapazieren.
 
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