Sehr geehrte
Damen und Herren,
es ist November, der stille, der traurige Monat im Jahr. Ein Monat,
in dem ein teil der Natur stirbt und auch der Mensch nicht umhin kommt,
sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst zu werden.
Ich stehe heute vor Ihnen teils als Soldat, der seine Pflichten treu
zu erfüllen versucht, teils aber auch als Mensch, der versucht
aus den Geschehnissen der Vergangenheit seine Lehren zu ziehen.
Wir begehen Mitte November eines jeden Jahres den Volkstrauertag. Aus
diesem Anlass haben wir uns heute hier versammelt.
Wir gedenken an diesem Tag der Opfer der Kriege, der Opfer der Gewaltherrschaft.
Wir gedenken der zahllosen Soldaten, mehrere Millionen, die im Kampf
ihr Leben gelassen haben, innerhalb und außerhalb der deutschen
Grenzen.
Wir gedenken der Opfer des Bomben- und Luftkrieges.
Wir gedenken auch der Opfer unter den Flüchtlingen und Vertriebenen
aus Ostdeutschland, die mit den Folgen eines verbrecherischen Krieges
belastet wurden.
Wir gedenken auch der Opfer unter der einheimischen Bevölkerung
der anderen Staaten, die vom Kriegsgeschehen betroffen wurden.
Wir gedenken der Opfer politischer Verfolgung, die ein Regime durchführte,
dass verbrecherisch war – sie starben in Konzentrationslagern oder
Gefängnissen oder wurden dort ermordet.
Schließlich gedenken wir der Opfer des Massenmordes an den europäischen
Juden, auch der Sinti und Roma, an ihnen wurde ein entsetzliches, unvorstellbares
Verbrechen begangen, auch und gerade an den deutschen Juden, die deutsche
Staatsbürger und unsere Mitbürger waren.
Nicht zuletzt gedenken wir der Behinderten, der Geisteskranken und allen
anderen vom Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Menschen.
Wir trauern um diese Menschen als Opfer des Krieges, als Opfer von
Gewalt und Verbrechen. Wir denken an das unendliche Leid und den Schmerz,
die
dadurch entstanden sind. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht
unmittelbar, weil der Vater, der Großvater, der Ehegatte oder ein
sonstiger Verwandter zu diesen Opfern gehörte. Wir alle sind aber
davon betroffen, einesteils, weil es Angehörige unseres Volkes waren,
die auf diese Weise umgekommen sind, anderenteils, weil diese Menschen
von Angehörigen auch im Namen unseres Volkes getötet oder
gar ermordet wurden.
Mit Recht sprechen wir daher vom Volkstrauertag.
Aber ist es noch an der Zeit, rund 60 Jahre danach an dieses Geschehen
und an die Opfer zu gedenken, sich an all dieses in Mittrauer zu erinnern?
Gehört dies nicht der Vergangenheit an, einer Epoche, die Gott sei
Dank überwunden ist? Muss unser Blick nicht nach vorne in die Zukunft
gehen und deren Herausforderung aufnehmen? Einige Jüngere unter
uns werden das vielleicht so fragen.
Zukunft und Vergangenheit sind jedoch, so denke ich, eng miteinander
verknüpft.
Millionen von Toten und Verwundeten, Trümmer und Zerstörung,
Hunger, Not und Elend waren Ergebnisse der Weltkriege. Aber als Erkenntnis
daraus folgte nicht der Friede.
Noch immer werden Menschenrechte missachtet, noch immer werden Bomben
geworfen und Gewalttaten aus politischen Gründen verübt. Traurige,
aktuelle Beispiele aus den letzten Jahren sind die Balkankriege, Kriege
in Afrika, die Nichtbewältigung der Konfliktsituation zwischen Israelis
und Palästinensern, sowie der unvergessene Terrorakt am 11. September
2001 in den USA und der anschließende Krieg im Irak.
Wir sollten deshalb den Volkstrauertag als Gedenk- und Mahntag aller
Gewaltopfer, der Opfer von Tyrannei und Gewaltherrschaft in aller Welt
bis in unsere heutige Zeit verstehen.
Unsere Erinnerung an die Opfer des Krieges, die Opfer von Gewalt und
Verbrechen hat auch noch eine andere Bedeutung. Eine alte jüdische
Weisheit sagt: Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung!
Nicht verschweigen oder verdrängen, sondern die Erinnerung an das
Geschehene bereitet den Weg zur Versöhnung, die Erinnerung an das,
was an Unheilvollem geschehen ist, die Erinnerung auch an das, was nie
hätte geschehen dürfen.
Es ist einmal gesagt worden, dass nur derjenige eine Gegenwart, vor
allem aber eine Zukunft hat, der auch eine Vergangenheit hat und aus
dieser Vergangenheit lernt. Und vor allem darin sehe ich den aktuellen
Sinn des Volkstrauertages:
Nur wenn wir aus den Fehlern unsrer Geschichte lernen, werden wir diese
Fehler heute und morgen nicht wiederholen. So schlägt der Volkstrauertag,
dieser besondere Tag zum Gedenken an die Opfer menschlichen und staatlichen
Fehlverhaltens, einen weiten Bogen. Er steht für die ganz persönliche
Trauer von Hinterbliebenen, er steht für die Erinnerung an fürchterliche
Greuel, er bietet aber auch die Chance, Geschichte aufzuarbeiten, aus
ihr zu lernen und insofern – nach vorne gerichtet – die einzig
mögliche Schlussfolgerung zu ziehen, die da heißen muss:
Nie wieder Krieg, nie wieder Gewaltherrschaft, sondern Versöhnung,
Verständigung und Frieden!
Wir brauchen gar nicht über die Grenzen schauen. Auch in unserem
eigenen Land zeigt sich, dass das Gedenken an unsere Toten mit ihrer
Mahnung, Frieden zu halten, noch längst nicht überholt ist.
Mit Sorge beobachten wir, dass die Gewalt auch in unserer Gesellschaft
zunimmt, vor allem unter jungen Menschen.
Auch wir brauchen immer wieder den Anstoß, zur Vernunft zu kommen.
Das fängt bei jedem von uns an: Wie wir mit unserer Familie umgehen,
mit unseren Nachbarn, mit denen, die als Flüchtlinge in der Not
zu uns kommen.
Auch wir müssen uns immer wieder selbst mahnen: Abzulassen von
Vorurteilen, die blind machen für die Wirklichkeit und taub für
den Aufschrei des Nächsten.
Es muss heißen: Feindbilder abzubauen und uns klarzumachen, dass
im Grunde alle Menschen, egal wo sie leben nur ein wenig Glück
verwirklichen wollen.
Verpflichten wir uns, uns gegen Gewalt zu wehren.
Verpflichten wir uns, Toleranz zu üben, gegenüber anderen,
auch wenn sie verschieden sind von uns, aber keine Toleranz gegen Gewalt
und Intoleranz.
Helfen Sie alle mit, durch Achtung der Menschenrechte und durch Erfüllung
der Menschenpflichten eine bessere, friedlichere Welt zu schaffen und
zu sichern.
Ich möchte abschließen mit einem Satz von Martin Luther
King, der einfach und doch richtig ist:
„Wir haben gelernt,
wie die Vögel zu fliegen,
wie die Fische
zu schwimmen,
doch haben wir die Kunst verlernt,
wie Brüder zu
leben.
Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
Hauptgefreite (UA) Martina Meyer
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