Einem
gütigen Geschick und einer klugen Politik verdankt unser neutraler
Kleinstaat, dass er seit 1815 mit allen Staaten der Welt ohne Unterbruch
im Frieden gelebt hat und dass es seit 1847 auch zu keinen Bürgerkriegen
im Inneren gekommen ist. Gott gebe, dass es lange so bleibe!
An die Toten der alten Kriege (und zwar an alle Toten, eigene und
fremde, Freund und Feind, Soldaten und Zivilisten) erinnern wir uns
sehr wohl,
zum Beispiel an traditionellen Schlachtgedenkfeiern wie der Näfelser
Fahrt (geregelt im Gesetz betreffend die Feier der Näfelser Fahrt
des Kantons Glarus, die heute gültige Fassung stammt aus dem Jahr
1835 und ist von der Landsgemeinde, den unter freiem Himmel versammelten
stimmberechtigten Bürgern, erlassen worden). Denkmäler an
die Gefallenen sind viele zu finden, so zum Beispiel Namenssteine für
702 Tote von 1798 her (Männer und Frauen, Franzoseneinfall) im
Münster der Bundesstadt Bern.
Auch haben zahlreiche Orte - meist in der Nähe der Kirche, auf
einem zentralen oder besonders schönen Platz oder bei einem Schloss
- Denkmäler an die Toten der Aktivdienstzeit 1914-1918 (viele
Tote, primär wegen der so genannten spanischen Grippe von 1918)
und 1939 bis 1945 (primär Unfälle, aber auch Tote aus den
Luftkämpfen gegen Neutralitätsverletzungen über dem
Jura und so weiter) aufgestellt, unterhalten diese und pflegen sie.
Fahren Sie nach Spiez im Kanton Bern, so finden Sie dort auf dem Friedhof
die 1921 errichtete Gedenkstätte des Berner Oberlandes!
Zentralistische oder grosse Manifestationen sind uns föderalistischen
und republikanisch nüchternen Eidgenossen auch heute eher fremd,
die Trauer ist hierzulande primär eine Sache der Familie, allenfalls
der Gemeinde oder der Region, und für Soldaten nicht anders als
für Zivilisten, denn in der Regel ist der Schweizer beides, wenigstens
im Wechsel des Lebens. Wir respektieren aber jede Form der Erinnerung
diesseits und jenseits der Landesgrenzen, denn die Erinnerung an die
Toten ist eine nicht wegzubedingende Pflicht der Lebenden, wenn Kultur
nicht ein Wort ohne Sinn sein soll. Seit 1330, also seit - örtlich
gesehen - voreidgenössischer Zeit, ist in Windisch im Kanton Aargau
täglich 07.00 Uhr, 11.00 Uhr und 15.00 Uhr die Königsfelder
Glocke zu hören. Sie trägt die Inschrift: Ich rufe die Lebendigen,
ich beklage die Toten, ich breche die Blitze. Die Inschrift ist für
uns alle hier noch immer und jeden Tag relevant und ich schliesse
deshalb diesen elektronischen Brief mit dem lateinischen Original:
VIVOS VOCO MORTUOS PLANGO FULGURA FRANGO.
(Jürg Stüssi-Lauterburg, Historiker) |