truppen.info: Truppe: Ein mulmiges Gefühl bleibt - Einsatzausbildung in Wildflecken
jüngste Beiträge
Aus den Einsätzen
Sicherheitspolitik
Wir suchen Ihre Fotos
Linkliste
Link eintragen
Laufbahnportraits
Der Weg zum Offizier
Der Weg zum Unteroffizier
Dienstgradabzeichen
truppen.info-Quiz
Spiele
Downloads
Buchtipps
Für Webmaster
 
Die Druckklinik


 "Ein mulmiges Gefühl bleibt"
 Einsatztraining in Bayern - Soldaten gut ausgebildet - Mängel beim Schießen

Anspruchsvoll: Verhalten gegen Aggressoren ohne Schild und Schlagstock
Wildflecken (lb) [18.12.05]. Nebel zieht auf über dem deutschen Feldlager, der Wind pfeift und treibt Schneeflocken durch die gespenstische Abenddämmerung. Von weiter weg hört man Männergeschrei und Autohupen. Eine Kulisse, die Gänsehaut nahezu garantiert. Während sich die Demonstranten hörbar nähern, ziehen Soldaten mit Schutzschilden und Schlagstöcken am Kasernentor auf. Spürbar verändert sich die Stimmung, das Übungsszenario wird für die Ausbildungsteilnehmer zusehends zur Realität. Mittendrin der 22jährige Andrew aus Schwerin.
Für den Obergefreiten und die anderen Männer und Frauen lautet der Auftrag schlicht: ein Eindringen der aufgebrachten Menge um jeden Preis verhindern. Und das ist gar nicht so einfach, denn die Demonstranten auf der „Hawk Site“, dem nachgestellten Feldlager, spielen ihre Rolle ausgesprochen authentisch. Für Andrew, dessen Nachnamen wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen dürfen, ist allein das schon ein „Erlebnis“.
Mit voller Wucht springen der Hauptgefreite Klaus-Dieter Pavelt aus Adelebsen bei Göttingen und der Gefreite Sebastian Tietz aus Demen bei Schwerin gegen die Kette aus Schutzschilden und schreien dabei etwas wie „Shit ISAF“ – doch die Kette hält. „Es geht darum, den Leuten zu zeigen, dass das hier kein Spaß ist“, so Tietz. Für Ausbilder Maik Kühnel, ebenfalls in Demen stationiert, ein Erfolg. Der Feldwebel ist seit Mitte September mit seinen „Demonstranten“ im bayerischen Wildflecken für die „Stock-/Schild-Ausbildung“ im Zuge der Auslandsvorbereitung verantwortlich.
Sein derzeitiger Chef vom Ausbildungszentrum, Hauptmann Heiko Weiner, legt Wert auf die Feststellung, dass die gestellten Übungsbilder durchaus den Erfahrungen aus den Einsätzen entsprechen. „Wer diese Ausbildung durchlaufen hat, den kann man guten Gewissens in den Einsatz schicken“, so Weiner, „obwohl der eine oder andere immer noch Mängel aufzeigt, die wir hier nicht mehr abstellen können – vor allem beim Schießen.“
Insgesamt gehen erneut rund 6.300 deutsche Soldaten zwischen Januar und April kommenden Jahres in den Auslandseinsatz – mit Schwerpunkt auf den Balkan oder nach Afghanistan. Unter ihnen sind allerdings auch rund 400 Reservisten und etwa 100 Verwaltungsbeamte der Bundeswehr, die für die Dauer des Einsatzes eine Wehrübung in Uniform absolvieren.
Zu letzteren gehören auch Janine und Kai von der Standortverwaltung Kiel beziehungsweise Hamburg. Anders als viele Zeit- und Berufssoldaten gehen die beiden vollkommen freiwillig. Nach einer auf vier Wochen gekürzten Grundausbildung mit Formaldienst, Sanitäts- und Minenausbildung sowie Schießen steht die 30jährige Janine nun als Frau Oberleutnant im bayerischen Wildflecken in der Abschlussausbildung für ihren ersten Auslandseinsatz – und schwärmt: „Es gibt hier unter den Soldaten noch so richtige Teamarbeit und der Zusammenhalt ist viel größer als im Büro.“ Auch Regierungsoberinspektor Kai schwärmt vom Dasein als Oberleutnant: „Eine solche Auslandsverwendung kann mir sonst keine andere Verwaltung bieten.“
Älter als beide zusammen ist Manfred aus Stralsund, der Fregattenkapitän der Reserve ist immerhin bereits 58. „Es ist eine Herausforderung – man merkt schon gar kein Zipperlein mehr, selbst als älterer begegnet man hier den jüngeren Kameraden auf Augenhöhe.“ Zu denen zählt auch Hauptgefreiter Paul (23) aus Schwerin. Er geht als „freiwillig längerdienender“ Wehrpflichtiger zwar ebenfalls freiwillig in den Einsatz, aber seine Hauptmotivation ist das zusätzliche Geld per „Auslandsverwendungszuschlag“. Dafür sieht Obergefreiter Ronny, ebenso aus Schwerin, allerdings auch die Gefahr – „aber man lernt hier mit Verwundung und Tod umzugehen“.
An der nächsten Ausbildungsstation wird denn auch ein entsprechender Massenanfall von Verwundeten simuliert: einem Soldaten ist bei der Explosion der Unterarm abgerissen worden, ein Zivilist zeigt überhaupt keine Letalfunktionen mehr und muss mit Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung behandelt werden – ohne Erfolg. Szenen, die sich bei den Soldaten ins Gedächtnis brennen. Sollen sie auch, meint Oberstleutnant Jürgen Baumer – je realitätsnäher, umso besser, ist die Devise des Chefausbilders. „Wir spielen diese blutigen Szenarien, damit die Männern und Frauen im Ernstfall nicht paralysiert sind, sondern ein gelerntes Schema abarbeiten können.“
Die Angehörigen der meisten Soldaten sind denn auch nicht sonderlich begeistert von deren Entscheidung, für vier Monate in den Auslandseinsatz zu gehen. Aber „das ist mein Auftrag – ich wurde dafür ausgebildet, die Sicherheitsinteressen meines Landes zu vertreten“, sagt der 27jährige Oberleutnant Holger aus Husum. Hinzu kommen für Andrew auch die neuen Erfahrungen, außerdem „sehen wir dann, wie gut es uns geht, obwohl hier alle jammern, während es den Leuten im Kosovo viel schlechter geht und die trotzdem glücklich sind“.
Postenkette
Freimachen von Marschstraßen
Verhalten bei Marschpausen
Räumen von Sitzblockaden
Nicht jeder ist der Truppe positiv gesinnt
Bergen von Verschütteten
Erste Hilfe
Lebensrettende Sofortmaßnahme: Mund-zu-Mund-Beatmung
Auch der richtige Umgang mit Frauen in islamischen Ländern will gelernt sein
Dass aber auch das nicht immer so ist, erleben die Männer an der nächsten Ausbildungsstation: wütende „Kosovaren“ versperren der KFOR-Patrouille den Weg. Nachdem die Soldaten mit Worten nicht weiterkommen, wird es handgreiflich, sogar Warnschüsse fallen. Zweifelsohne der „worst case“, wie die Ausbilder sagen, doch sei im Einsatz immer mit dem schlimmsten Fall zu rechnen.
Das macht auch Florian: „Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass mir da unten nichts passieren kann“, so der Oberfeldwebel aus Kappeln. Und Stefan, Obergefreiter aus Flensburg, ergänzt: „Es bleibt schon ein mulmiges Gefühl.“
(Lars Bessel)

Stress pur: Einsatz gegen Menschenmengen mit Schild und Schlagstock um ein Eindringen in das Feldlager zu verhindern. Fotos: Lars Bessel
 
Anzeigen
Racheshop - Europas witzigster Online-Shop!
Ihre Werbung hier?
Anzeigen
Der
   Diese Seite empfehlen      Sitemap    Archiv    Impressum    Kontakt 
(c) 2005 by www.truppen.info