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 Kein übereilter Abzug aus Afghanistan!
 Scholl-Latour fordert Exit-Strategie
Hamburg (eb) [07.12.08]. Zur Rolle der Bundeswehr und der NATO in Afghanistan trug Peter Scholl-Latour vor mehr als 1.200 Zuhörern an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg vor.
Auf studentische Initiative lud der Verein der Freunde und Förderer der Helmut-Schmidt-Universität, Deutschlands erfahrensten Kommentator weltpolitischer Krisen und Bestsellerautor, Peter Scholl-Latour, als Vortragenden ein. Mehr als 400 Gäste und etwa 800 studierende Offiziere folgten den Ausführungen.
Der Präsident der Helmut-Schmidt-Universität, Prof. Dr.-Ing. Hans Christoph Zeidler (64), begrüßte den 84-jährigen im Namen aller Professoren und Studenten der Universität. Prof. Dr. Michael Staack, Institut für Internationale Politik, moderierte die Veranstaltung.
Durch die laufende Debatte zum Afghanistanmandat der Bundeswehr angeregt, schrieben die studierenden Leutnante Dominic Seidelmeier (24) und Daniel Utsch (23), Peter Scholl-Latour an und baten, unterstützt durch die Leitung der Helmut-Schmidt-Universität, den weit gereisten Journalisten und Publizisten um einen Vortrag zum Thema. Der Verein der Freunde und Förderer der Helmut-Schmidt-Universität unterstützte die Veranstaltung offiziell.
„Liebe Kameraden!“, so richtete sich Peter Scholl-Latour direkt an die studierenden jungen Offiziere der Helmut-Schmidt-Universität, von denen viele nach ihrem erfolgreichen Studienabschluss in Führungsverantwortung in Afghanistan stehen werden. Scholl-Latour stellte den Konflikt in Afghanistan in einen historischen Kontext und beleuchtete die besonderen Zusammenhänge in der Region.

Staack (li) und Scholl-Latour (re) im Gespräch.
Foto: Scheiblich
Das internationale Engagement habe Hoffnungen geweckt, aber an den bestehenden Lebensverhältnissen vieler Afghanen noch zu wenig geändert. Enttäuschung und Wut seien die Folge. Ressentiments würden durch die „bloße Anwesenheit ungläubiger Soldaten“ geschürt.
Scholl-Latour sprach sich dennoch gegen einen übereilten Abzug der ISAF aus; allerdings sei dringend eine überlegte Exit-Strategie zu entwickeln. So könnten beispielsweise Kon-tingente islamischer Länder einen langfristigen Abzug aus dem Land sichern.
Verhandlungen mit gemäßigten Taliban oder Warlords von vornherein auszuschließen, sei falsch. Scholl-Latour wies auf erste Gespräche der Regierung Karsai mit Vertretern der Talibanfraktionen hin, die unlängst in Mekka geführt wurden.
Die Kriegsbilder und Konfliktformen verlangten ein Umdenken bei Politik und Militär. „Die Bundeswehr muss eine Reform von scharnhorstschen Ausmaßen vornehmen; die großen schwerfälligen Verbände machen keinen Sinn mehr.“, so der langjährige Beobachter des weltweiten Kriegsgeschehens zur Ausgestaltung der deutschen Streitkräfte auf künftige Einsatzszenarien.
Den Schwerpunkt deutscher Außen- und Sicherheitspolitik müsse sich, auf Europa und das europäische Umfeld konzentrieren, so Scholl-Latour weiter.
Hier wiederholte er seine Forderung nach Atomwaffen für Europa. Im Angesicht zuneh-mender Proliferation dürfe Europa nicht auf das Abschreckungspotenzial von Nuklearwaffen verzichten. Nicht umsonst verzichtete Frankreich auch weiterhin nicht auf das Arsenal der Force de Frappe.
Scholl-Latour bezeichnete den Namensgeber der Hamburger Bundeswehruniversität, den früheren Verteidigungsminister und Bundeskanzler, Helmut Schmidt, als den einzigen deutschen Staatsmann, der die derzeitige weltpolitische und auch strategische Situation wirklich erkenne.
Auf Bestreben des damaligen Bundesverteidigungsministers, Helmut Schmidt, wurden 1973 zwei Hochschulen der Bundeswehr, später Universitäten, eingerichtet. Sie dienen seitdem der Weiterbildung und akademischen Ausbildung des Offiziernachwuchses. Im Dezember 2003 wurde die Hamburger Universität der Bundeswehr in Helmut-Schmidt-Universität umbenannt.
Text: Markus Schlenker
Foto: Reinhard Scheiblich, HSU
 
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