Das internationale Engagement
habe Hoffnungen geweckt, aber an den bestehenden
Lebensverhältnissen vieler Afghanen noch zu wenig geändert. Enttäuschung
und Wut seien die Folge. Ressentiments würden durch die „bloße
Anwesenheit ungläubiger Soldaten“ geschürt.
Scholl-Latour sprach sich dennoch gegen einen übereilten Abzug der ISAF
aus; allerdings sei dringend eine überlegte Exit-Strategie zu entwickeln.
So könnten beispielsweise Kon-tingente islamischer Länder einen langfristigen
Abzug aus dem Land sichern.
Verhandlungen mit gemäßigten Taliban oder Warlords von vornherein
auszuschließen, sei falsch. Scholl-Latour wies auf erste Gespräche
der Regierung Karsai mit Vertretern der Talibanfraktionen hin, die unlängst
in Mekka geführt wurden.
Die Kriegsbilder und Konfliktformen verlangten ein Umdenken bei Politik und
Militär. „Die
Bundeswehr muss eine Reform von scharnhorstschen Ausmaßen vornehmen;
die großen schwerfälligen Verbände machen keinen Sinn mehr.“,
so der langjährige Beobachter des weltweiten Kriegsgeschehens zur Ausgestaltung
der deutschen Streitkräfte auf künftige Einsatzszenarien.
Den Schwerpunkt deutscher Außen- und Sicherheitspolitik müsse sich,
auf Europa und das europäische Umfeld konzentrieren, so Scholl-Latour
weiter.
Hier wiederholte er seine Forderung nach Atomwaffen für Europa. Im Angesicht
zuneh-mender Proliferation dürfe Europa nicht auf das Abschreckungspotenzial
von Nuklearwaffen verzichten. Nicht umsonst verzichtete Frankreich auch weiterhin
nicht auf das Arsenal der Force de Frappe.
Scholl-Latour bezeichnete den Namensgeber der Hamburger Bundeswehruniversität,
den früheren Verteidigungsminister und Bundeskanzler, Helmut Schmidt,
als den einzigen deutschen Staatsmann, der die derzeitige weltpolitische und
auch
strategische Situation wirklich erkenne.
Auf Bestreben des damaligen Bundesverteidigungsministers, Helmut Schmidt, wurden
1973 zwei Hochschulen der Bundeswehr, später Universitäten, eingerichtet.
Sie dienen seitdem der Weiterbildung und akademischen Ausbildung des Offiziernachwuchses.
Im Dezember 2003 wurde die Hamburger Universität der Bundeswehr in Helmut-Schmidt-Universität
umbenannt. |