Kapitän zur See Wolfgang Hett im Gespräch mit truppen.info
Hamburg (uz) [30.10.07]. Seine
Dienststelle war gerade einmal ein paar Minuten alt, als
er das Kommando übernahm. Die Aufstellung des Landeskommandos
Hamburg, das aus dem bisherigen Verteidigungsbezirkskommando
10 hervorging, und die Übergabe des Kommandos fielen auf
den selben Termin.
Im Gespräch mit truppen.info erzählt der Kommandeur über
die Besonderheiten des Kommandos in der Hafenstadt, seine
Aufgaben und Schwerpunkte und über diese "Chance der Stunde
Null".
Wolfgang
Hett begrüßt HSV-Fußballprofi Anis Ben Hatira.
Fotos: Landeskommando Hamburg
Herr Kapitän, Sie haben
unterschiedlichste Verwendungen hinter sich, die aber alle in direktem
Zusammenhang mit der Marine standen, wie groß war die Umstellung
für Sie?
Zur letzten Verwendung
sind die Unterschiede natürlich sehr groß, denn diese
Verwendung war sehr zielgerichtet auf Logistik und
auf Beschaffung, überwiegend
für Uboote und alles was zur Ubootflottille gehört, ausgerichtet.
In sofern ist das eine Kehrtwendung um, ich sag mal
720°, also
mehrfach gedreht. Das ist etwas völlig Anderes und hat mit
einander nichts zu tun.
Es gibt aber zwei Dinge die mir hier den Einstieg leichter
machten:
Erstens ich bin schon an der Führungsakademie gewesen, sowohl
als Lehrgangsteilnehmer als auch Lehrgangsleiter wo man im Rahmen
der Ausbildung einen unglaublich weiten Einblick in die Bundeswehr
bekommt, letztlich in alle Facetten. Zudem habe ich Hamburg kennen
und lieben gelernt.
Zweiter Punkt: Das hier ist meine dritte Kommandeursverwendung.
Das heißt, das was man eben als Kommandeur machen muss, ich
fang mal mit so grundsätzlichen Aufgaben an, wie Beurteilungen
schreiben, einen Stab führen, die Gelder verwalten, das ist alles
schon ein gewohntes Terrain. Was ungewohnt ist, ist
eben das neue Aufgabenfeld, das man sich erst einmal
erarbeiten muss. Aber man ist
hier kein Einzelkämpfer, das ist eine Teamleistung – ich
bin dann zwar sicherlich das Aushängeschild dieses Teams aber
alles wird einem so aufbereitet damit man „nur“ noch eine
Entscheidung treffen muss. Letztendlich ist das die
Aufgabe eines Kommandeurs zu entscheiden. Von daher
ist das nicht so schwer gewesen.
Sie haben bei der Übernahme ein wenige Minuten altes Kommando übernommen.
In wieweit trägt das Landeskommando wirklich Ihre Handschrift?
Ich denke, dass wir in der Zeit das eine oder andere
schon umgesetzt haben. Allein die personellen Veränderungen führen
dazu, dass man Akzente setzen konnte. Wir haben nahezu
die Hälfte
der Dienstposten verloren durch diese Umstrukturierung.
Dazu kommt dass bei ausgesprochen vielen Soldaten auch ein Wechsel
der Teilstreitkraft
erfolgte, auch wenn die Dotierung gleich geblieben
ist: Es sind einige Dienstposten, die vorher von Heeressoldaten wahrgenommen
wurden , von
der Luftwaffe besetzt worden, einige von der Luftwaffe
von der Marine und und und... Dadurch haben wir also insgesamt eine
sehr große
Fluktuation. Aber ob ich in fünf Monaten meines Wirkens bereits
große Veränderungen bewirkt habe ist von mir schwer zu beantworten,
da ist es wahrscheinlich einfacher, wenn Sie da jemanden
anderes fragen, ob ich Akzente gesetzt habe. Denn wenn ich sage: „Ich
habe hier schon unendlich viel gemacht!“ Dann haue ich meinen
Vorgänger
in die Pfanne, als ob er nichts getan hätte. So war es ja nicht.
Aber man setzt seine Duftmarken schon in fünf Monaten , denke
ich.
Ist es etwas anderes ein Kommando exakt zum Beginn
einer Umstrukturierung zu übernehmen, als wenn alles schon eingespielt
ist?
Es gibt eine
begnadete Chance der Stunde Null. Gerade in entscheidenden Dingen,
wo noch nicht alles in so festgefahrenen Bahnen ist, kann man mehr
in kürzerer Zeit umsetzen. Wenn sie auf einen fahrenden Zug
aufspringen, dann fahren sie erst einmal - wenn sie hier aber so
einen kurzen Zwischenstopp machen, wo viele Dinge sich schütteln,
dann hat man schon mehr Möglichkeiten. Es läuft einfach
nicht so weiter wie vorher. Auch die Mitarbeiter müssen ja
in Teilbereichen umdenken. Allerdings, was hat sich bei uns im Großen
und Ganzen geändert? Die regionale Zuständigkeit hat sich
geändert. Ansonsten: Die originäre Tätigkeit ist
ja letztlich die selbe geblieben. Aber es sind eben andere Leute,
weil wir wirklich eine hohe Personalfluktuation hatten. Dabei kam
es mir zunächst darauf an, dass wir das Wissen, das einfach
in so einer Institution da ist, nicht verlieren und, dass wir die
guten Kontakte, die wir vorher gepflegt hatten, beibehalten.
Hamburg bietet von Elbe und Hafen bis hin zu unterschiedlichsten
Wirtschaftszweigen unterschiedlichste Facetten auf engem Raum. Was
unterscheidet Ihre Arbeit von der anderer Kommandeure?
Dazu
muss ich natürlich sagen, ich weiß natürlich nicht so
ganz genau, was andere Kommandeure machen. Was hier in Hamburg augenfällig
ist, für mich, ist die ausgesprochen intensive Öffentlichkeitsarbeit,
die man hier betreibt. Man steht also wirklich in vielen Dingen im Fokus.
Die Anzahl der Einladungen der abendlichen Veranstaltungen als Repräsentant
der Bundeswehr sind schon ordentlich zeitraubend. Ich hatte einen Abend,
das ist wirklich wahr, am 26. Juni mit sechs Abendeinladungen. Einer
der Hauptgründe warum das in Hamburg so ist, das ist der gravierende
Unterschied zu den meisten anderen Flächenländern, dass wir
103 Konsule haben und wenn nur jeder Konsul einmal im Jahr seinen Nationalfeiertag
zelebriert und vielleicht noch einen weiteren Event hat, dann sind es
schon auf diese Art und Weise 200 Einladungen die man bekommt, denn als
Repräsentant der Bundeswehr ist man dabei.
Das ist der eine Punkt, die Öffentlichkeitsarbeit, wo wir uns unterscheiden
von anderen Landeskommandos, zumindest von denen, die ich ein bißchen
besser kenne. Der zweite Punkte ist allerdings zeitentlastend, das muss
ich ganz, ganz deutlich sagen, nämlich die Tatsache, dass wir durch
die zentrale Steuerung des zivilen Katastrophendienstes hier in Hamburg,
nur einen Ansprechpartner besitzen. Während ansonsten die Hoheit
für große Unfälle und Katastrophenschutz in der Verantwortung
unserer Kreistage oder Landräte liegt. Daher hat man ja in der Fläche
die Kreisverbindungskommandos (KVK) geschaffen. Hier sind Reservisten
als Ansprechpartner für die Landräte verfügbar. Sie sollen
die Informationen verdichten und diese dann an die Landeskommandos weitergeben.
Diese Abstimmungserfordernisse entfallen aber in Hamburg .
Müssen Sie bei der Hilfeleistung im Katastrophenfall,
die sie eben ansprachen, dadurch dass die Bundeswehr in Hamburg personell
sehr stark geschrumpft ist, Einschränkungen berücksichtigen?
Der Punkt ist der: Manpower haben wir schon eine ganze
Menge hier: Am Standort ist ja die Bundeswehr Universität, wir haben
das Bundeswehrkrankenhaus, das natürlich gerade bei Katastrophen
oder Unfällen intensiv mit genutzt werden kann, und die Führungsakademie.
Was wir nicht haben ist schweres Gerät, was üblicher Weise
oft genutzt wird. Da sind wir Mittler zwischen der Behörde für
Inneres und dem Wehrbereichskommando I in Kiel. Wir sagen, wir haben
dringenden Bedarf an schwerem Gerät, was man sich darunter auch
immer vorstellen kann. So treten wir dann an unsere vorgesetzte Dienststelle
heran und im gesamten Wehrbereich haben wir natürlich alles, was
die Bundeswehr so liefern kann. So dass wir da als Anlaufstelle der Forderungen
einerseits des Landes Hamburg dastehen und auf anderen Seite auch unsere
Fachexpertise einbringen, denn wir wissen ja was die Bundeswehr hat,
und anbieten kann.
Gibt der Hafen, mit zahlreichen Besuchen ausländischer
Einheiten für Sie eine besondere Abwechslung?
Ja! Hamburg ist ein unheimlich attraktiver Hafen.
Außerdem werden die Besucher hier im Hafen, auch durch die Hansestadt,
durch die Senatskanzlei, sehr intensiv betreut. In Hamburg haben die
Schiffe aus meiner Sicht, den besten Liegeplatz, den man ganz sicher
in Deutschland haben kann: Direkt an den Landungsbrücken, ich denke
mal das sucht weltweit seines Gleichen. Einen interessanteren Liegeplatz
kann man kaum haben. Es fahren unglaublich viele und zunehmend mehr Schiffe
hierher, weil sie mittlerweile, das war nicht immer so, in der Stadt
ausgesprochen freundlich begrüßt werden und zwar von allen.
Sei es von der Politik, den Behörden, sei es von der Bevölkerung.
Wenn Tag der offenen Tür ist, strömen die Hamburger herbei,
um diese Schiffe zu sehen.
Wo sehen Sie sich in ihrer aktuellen Aufgabe am wichtigsten
gefordert?
Hauptaufgabe ist natürlich: Die Zusammenarbeit
mit den zivilen Dienststellen in der Unfallhilfe oder bei Naturkatastrophen:
wie, Sturmfluten und großen Unfällen. Da steht aber auch schon
alles, das heißt: die Zusammenarbeit mit dem Senator des Inneren
läuft vorzüglich. Da muss man weiter nur die guten Kontakte
pflegen. Ich musste mich in diesem Bereich mit meinem Wissen auf Ballhöhe
bringen, das war aber zunächst einmal meine persönliche Aufgabe.
Weitere Aufgabe ist es, hier im Hause die, durch die Umstrukturierung erforderlichen,
personellen Fluktuationen einigermaßen erträglich zu halten. Durch
die Tatsache dass wir nahezu 50% der Dienstposten verloren haben und noch ein
großer Anteil von Teilstreitkraft-Wechseln gemäß Organisationsvorgaben
zu erfüllen war, haben wir einen unglaublichen Aderlaß an Personal
gehabt. Da galt es zunächst einmal dieses Wissen bestmöglichst zu transferieren
und die Kontakte, die einfach durch so einen personellen Wechsel sonst leicht
verloren gehen, schnellstmöglich wieder aufzubauen.
Das war natürlich auch ein großer Schwerpunkt meiner Tätigkeit.
Und ansonsten ist es eben die Aufgabe, in der Öffentlichkeit als Bundeswehr
präsent zu sein und zusätzlich ist es auch die Reservistenpflege. Auch
das ist ein wesentlicher Punkt, an dem wir arbeiten: Den guten Kontakt zu den
Reservisten zu halten.
Wie muss man sich die Übernahme der Kontakte,
beispielsweise in den Senat vorstellen?
Das fängt ganz einfach an, in dem man einen sogenannten „Office-Call“ beantragt.
Ich bin also beim Bürgermeister von Beust gewesen, ich bin beim
Innensenator Nagel gewesen und ich bin Staatsrat Ahlhaus gewesen. Das
waren die ganz offiziellen Kontakte. Darüber hinaus hatten wir schon
Planübungen, an denen eben auch Mitarbeiter der Behörde des
Inneren dabei waren. Initiiert vom Wehrbereichskommando I - Küste
haben wir eine große Planübung durchgeführt, wo wir hier
Hochwasser hatten, wo wir eine Sturmflut hatten, wo wir einen hohen Anfall
von Verletzten durch einen Unfall hatten. Dort haben wir intensiv, nicht
nur auf meiner Ebene sondern auch auf der Arbeitsebene, mit den zentralen
Katastrophendienst geübt.
Darüber hinaus gab es Phasen, da habe ich unter anderem den Innensenator,
den Polizeipräsidenten und den Leiter der Feuerwehr mindestens drei mal
pro Woche gesehen, hier bei einem Empfang, bei der Einladung der Bürgerschaft
oder des Senators oder bei Einladungen von der Polizei. Auf diese Art und Weise
trifft man sich eben ausgesprochen häufig und tauscht sich aus. So lernt
man seinen Counterpart auch sehr gut auf einer menschlichen Ebene kennen, was
später bei einer echten Krise von unschätzbarem Vorteil ist.
Kapitän zur See mit Vertretern des Konsularischen
Korps auf der Gorch Fock.
Das Gespräch führte Uwe Zeitter
Fotos: Landeskommando Hamburg