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 Exklusiv-Interview
 Generalmajor Bernd Diepenhorst im Gespräch mit truppen.info
Herr General, auch Ihr Wehrbereichskommando hat vor kurzem den sicheren und reibungslosen Ablauf des größten Gottesdienstes in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, der Papstmesse in Köln, gewährleistet. Der Aufwand war enorm – aber gehören solche „Einsätze“ tatsächlich auch zum „erweiterten Aufgabenspektrum der Bundeswehr “?
Der Begriff „Erweitertes Aufgabenspektrum der Bundeswehr“ bezieht sich zunächst auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr, die seit Mitte der 90`er Jahre zu dem Auftrag der klassischen Landesverteidigung hinzugekommen sind. Die Hilfeleistung im Inneren, wie etwa bei dem Weltjugendtag, ist ganz klar geregelt und vollzieht sich auf dem Boden unseres Grundgesetzes. Wenn dann ein Bundesland die Amtshilfe durch die Bundeswehr anfordert, erfüllen wir unsere Pflicht. Wir sind natürlich froh, dass nichts passiert ist, aber trotzdem hat es für uns einen enormen Zugewinn an Erfahrung und Kenntnis im Umgang mit Landesbehörden auf allen Ebenen und den zivilen Hilfsorganisationen gebracht.

Das "Marienfeld": Eine wichtige Rolle im Hintergrund spielte die Bundeswehr, vor allem Soldaten aus dem Wehrbereich II, beim Weltjugendtag in Köln.
Foto: Weltjugendtag GmbH -
David Boucherie
Während des letzten Irak-Krieges haben auch Soldaten des Wehrbereichskommandos II amerikanische Liegenschaften in Deutschland bewacht. Während der Fußball WM 2006 wird kein anderes WBK so stark gefordert sein wie Ihres, Ihre Männer und Frauen werden in Frankfurt/Main, Gelsenkirchen, Kaiserslautern, Dortmund und Köln im Dienst sein. Ist das nicht bereits faktisch der vieldiskutierte „Einsatz der Bundeswehr im Inneren “?
Zunächst einmal gilt festzuhalten, dass der Einsatz der Soldaten bei der Fußball-WM im nächsten Jahr bisher keineswegs angeordnet ist. Wenn allerdings Forderungen kommen sollten, gilt das Gleiche wie beim Weltjugendtag: Die Einsätze der Bundeswehr im Inneren sind im Artikel 35 unseres Grundgesetzes klar geregelt. Danach fordern Landesregierungen Soldaten zur Hilfeleistung an und wenn der Bundesminister der Verteidigung dieses nach rechtlicher Prüfung anordnet, wird daraus für uns ein Auftrag, den wir bestmöglich ausführen.
In Deutschland den Papst beschützen, im Kosovo den Frieden stabilisieren, in Afghanistan den Wiederaufbau unterstützen, im Sudan humanitäre Katastrophen abwenden, im Mittelmeer Terroristen jagen, in Litauen den Luftraum sichern …
Nicht überall ist das WBK II an vorderster Front, aber ´mal Hand aufs Herz, Herr General: wie hoch ist angesichts dieser zahlreichen Belastungen noch die vielgepriesene Motivation Ihrer Soldaten, beziehungsweise, wann ist „Schluss mit lustig“?
Soldaten im Auslandseinsatz. Foto: Lars Bessel
Unsere Soldaten im Wehrbereichskommando II, von denen eine Vielzahl im Ausland Dienst geleistet hat und leistet, sind sehr gut ausgebildet und hoch motiviert., Davon konnte ich mich oft vor Ort überzeugen. Aus eigenem Erleben, während meiner Auslandseinsätze im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina, weiß ich: Jeder Soldat, der im Einsatz ist, erlebt persönlich und kann sich deshalb so sicher sein, dass er dort sinnvolle Arbeit und unersetzlichen Dienst leistet, um den Menschen vor Ort zu helfen und den Frieden zu sichern.
Sie selbst kennen die Einsatzbedingungen nur zu gut, unter anderem waren Sie Chef des Stabes im SFOR-Hauptquartier in Bosnien-Herzegowina. Waren Sie zufrieden mit dem, was Sie dort an Ausrüstung vorfanden?
Für meine Verwendungen in den Hauptquartieren sage ich ein deutliches JA. Aber noch wichtiger ist mir, dass die Truppe, die Tag für Tag, rund um die Uhr, im harten Einsatz stark gefordert ist, über die bestmögliche Schutzausrüstung verfügt.
Stichwort Wehrpflicht. Wer, wenn nicht der Befehlshaber eines Wehrbereichskommandos, fühlt den „Puls an Truppe“ … Ist dieses Urgestein unserer „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ noch länger aufrecht zu erhalten, oder brauchen wir doch eine Berufsarmee? Anders gefragt: können Sie Ihre Wehrpflichtigen im WBK II tatsächlich gebrauchen, oder ginge es ohne die „Frischlinge“ viel besser?
Zunächst einmal gilt festzuhalten, dass die Entscheidung für oder gegen Wehrpflicht der Politik vorbehalten ist. Ich selbst habe in meiner Dienstzeit, und das sind nun auch schon 38 Jahre, hervorragende Erfahrungen mit unseren Grundwehrdienstleistenden gemacht und bin überzeugter Anhänger der Wehrpflicht. Nur sie ermöglicht uns den Zugriff auf alle Qualifikationen des Zivillebens, die wir bei uns nutzen können. Ich erlebe die Wehrpflichtigen übrigens als junge kritische Menschen, die sich nicht mit einfachen, möglicherweise zu wenig reflektierten Antworten zufrieden geben, sie zwingen uns Ältere dadurch, fit und „auf Ballhöhe“ zu bleiben. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass ein Großteil unseres Nachwuchses aus dem Kreis der Grundwehrdienstleistenden gewonnen wird. Außerdem garantiert die Wehrpflicht eine feste Anbindung an Staat und vor allem die Gesellschaft.

Junge Wehrpflichtige legen ihr Gelöbnis ab. Foto: Uwe Zeitter
In Ihrem Zuständigkeitsbereich sollen bis 2010 zig Bundeswehrstandorte geschlossen werden. „Konversion“ lautet der harmlose Fachbegriff – für viele Gemeinden bedeutet das schlicht den wirtschaftlichen Kollaps und tausende an Arbeitslosen mehr. Was tun Sie dagegen? Wie sieht Ihre Hilfe aus?
Das Schließen von Bundeswehrstandorten ist die logische Konsequenz des Transformationsprozesses, in dem sich die Bundeswehr befindet. Die Reduzierung der Bundeswehr und ihre Fokussierung auf die Auslandseinsätze verlangt erhebliche Veränderungen in der Struktur der Streitkräfte und damit auch in der Stationierung.
Innerhalb der Bundeswehr versuchen wir dies für Soldaten und zivile Mitarbeiter so wenig belastend wie möglich zu gestalten. Aber einen dadurch herbeigeführten wirtschaftlichen Kollaps von Städten und Gemeinden im Wehrbereich sehe ich nicht. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass die Länder die Umgestaltung aktiv planen und sich auftuende Chancen zukunftsorientiert nutzen.
Sie haben gerade in Nordrhein-Westfahlen Ihre ersten Erfahrungen mit einer neuen (Landes-)Regierung gemacht. Hört man in der Politik ausreichend auf die Fachkompetenz eines deutschen Generals?
Im Rahmen der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit, aber auch bei vielen anderen Ereignissen, habe ich häufige Kontakte mit den politisch Verantwortlichen der vier Bundesländer, die im Wehrbereich II liegen, also Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein Westfalen. In allen Bereichen klappt die Zusammenarbeit hervorragend, es geht um Sachfragen und kompetente Beratung sowie gegenseitige Hilfe, aber auch um ausgezeichnete menschliche Kontakte, die das Zusammenarbeiten auf allen Ebenen erleichtern.
Und was wünschen Sie sich in diesen Zeiten ganz persönlich?

Generalmajor Bernd Diepenhorst
Selbstverständlich eine friedliche Zukunft für unser Vaterland, aber auch für alle Regionen, in denen Menschen zur Zeit noch nicht die Kraft finden, im Frieden miteinander zu leben. Die Bundeswehr feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Wir können mit Stolz auf diese Periode zurückblicken und das Motto des Geburtstags „50 Jahre Bundeswehr-Entschieden für Frieden!“ sagt uns warum. Ich hoffe, dass wir auch in der Zukunft zur Friedenssicherung beitragen können und wünsche mir natürlich ganz besonders, dass alle unsere Kameraden unversehrt aus ihren Einsätzen zurückkommen.
(Das Gespräch führte Lars Bessel)
Lebenslauf
 
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