Manching
(mp) [29.10.05]. „Ein
Wettlauf gegen die Zeit.“ So lautete die Schlagzeile
der vergangenen Woche. Am 8. Oktober ereignete sich in Pakistan eines
der schrecklichsten Erdbeben der vergangenen Jahre. Über 800.000
Menschen warten bei Minusgraden in der Kaschmir-Region auf humanitäre
Hilfe. Die Bundeswehr reagierte umgehend. Schon zwei Tage später
wurden zwei Transporthubschrauber vom deutschen Einsatzkontingent
aus Afghanistan in die Erdbebengebiete entsandt. 70 Soldaten kamen
dort bis zum 22. Oktober zum Einsatz.
Wenig später startete auch die NATO eine Hilfsmission zur Rettung der Überlebenden
in der Region Kaschmir. Die Bundeswehr wird mit ungefähr 80 Soldaten und
vier
Transporthubschraubern vom Typ CH-53 G zum Erfolg dieser Mission beitragen.
Während zahllose Neugierige am Morgen dem Besuch des Airbus A380 auf dem Frankfurter
Airport entgegenfieberten, bereiteten sich im bayerischen Manching eine Handvoll
Soldaten und Mitarbeiter auf die Ankunft eines nahezu genauso großen Luftriesen
vor. Auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) 61 in der Nähe von
Ingolstadt erwartete man mit der Antonow 124 das zweitgrößte Luftfrachtflugzeug
der Welt.
Bereits am Morgen wurden 55 Soldaten aus Köln/Wahn nach Islamabad geflogen. Jetzt
fehlt noch ihr Arbeitsgerät. „Zwei Tage haben wir gebraucht, um den Hubschrauber
zu zerlegen, damit er überhaupt in die Antonow passt“, erklärt Stabsunteroffizier
K. Der Techniker kommt vom Heeresfliegerregiment 25 aus Laupheim und wird mit
drei Kameraden aus Laupheim und vom Mittleren Transporthubschrauberregiment 15
aus Rheine-Bentlage die CH auf ihrer Reise mit der Antonow begleiten. Sie sind
im Einsatzland für das Zusammensetzen des Hubschraubers, wie für seine Wartung
und Instandsetzung zuständig. K. war schon mit den Heeresfliegern in Bosnien
und Kabul. Trotzdem ist er aufgeregt: „Das Einsatzland und der Grund, warum wir
hinfliegen, sind neu. Hilfseinsätze zu unterstützen, also anderen
zu helfen, das ist schon etwas Besonderes. Auch wenn wir wissen, dass uns schlimme
Sachen
erwarten könnten.“
Endlich kommt der Funkspruch aus dem Tower: „Antonow 124-100 im Landeanflug“.
Jürgen Wohlrab nickt bestätigend und schaut in den dichten Nebel über der
Landebahn.
Für den stellvertretenden Dienststellenleiter ist die Ankunft des Cargofliegers „nichts
Neues, aber dennoch immer wieder etwas Einzigartiges.“ Erst Ende vergangener
Woche wurde den Mitarbeitern in Manching der definitive Termin mitgeteilt. Größere
Hektik löste das aber nicht aus: „Wir sind da sehr flexibel hier und scheuen
uns nicht, den Flugplatz auch mal samstags aufzumachen“, sagt Wohlrab ruhig und
erklärt weiter, „dass ja schon die Hubschrauber für das ISAF-Kontingent
in Afghanistan
von der WTD 61 verlegt wurden.“
Dann scheinen Lichter durch den Nebel und kurz darauf setzt das ukrainische Luftschiff
auf. Wie in Zeitlupe rollt das Ungetüm vor die Halle der Werft 2, an der der „CH-53-Bausatz“ schon
zur Verladung bereit steht. Es ist dunkel: Den Soldaten und Mitarbeitern steht
eine sprichwörtliche Nacht- und Nebelaktion bevor: Schon in wenigen Stunden
soll die Antonow wieder abheben.
Die „Nase“ des beinahe 70 Meter langen Flugzeugs beginnt sich zu öffnen und klappt
nach oben. Dahinter gähnt die Leere des gigantischen Laderaums. Auch die Heckklappe
öffnet
sich. Hier sollen die in Kisten gelagerten Rotorblätter eingeladen werden. Stabsunteroffizier
K. dirigiert den Stapler. Das Personal der Antonow erledigt mit seinen beiden
im Laderaum angebrachten Schiebekränen routiniert den Rest. Als nächstes fährt
ein Kranwagen in den Bauch der Maschine. Dieser wird benötigt, um den
abgebauten Hauptantrieb wieder auf den Hubschrauber zu setzen.
Unter dem Kran verlaufen
die Stahldrähte, die nun die CH-53 in die Frachtkabine ziehen müssen. Langsam
werden sie gespannt. Der Hubschrauber rollt die Rampe hinauf. Auf dem Dach sitzen
Soldaten und kontrollieren den Abstand zur Decke. Zentimeterarbeit: Ein lautes „Stopp!“ hallt
durch den Frachtraum. Eine Hand breit ist der Abstand zwischen den Aufbauten
der CH und der Decke des Laderraums. Die Techniker lassen den Stickstoff aus
den Stoßdämpfern des Helikopters und gewinnen so die nötigen Zentimeter. „Es
würde
wohl passen, aber wir gehen besser auf Nummer sicher“, erklärt Stabsunteroffizier
R. und klettert vom Heck der Maschine. Jetzt werden noch das Getriebe und anderes
Zubehör eingeladen. Alles findet im Riesenvogel letztlich seinen Platz. Die Antonow
ist abflugbereit.
Nach über 9500 Kilometern und knapp sieben Stunden Flug wird der Hubschrauber
in Islamabad eintreffen. In vier Tagen werden ihn die Techniker und Mechaniker
wieder zusammengesetzt haben, damit er ab dem 10. November für Hilfsflüge ins
Katastrophengebiet einsatzbereit ist. Ungefähr 60 Tage soll der Einsatz dauern.
Drei weitere Maschinen folgen dem Transport: Sie werden im Laufe der kommenden
Woche mit derselben, bewährten Prozedur von Manching aus verlegt.“
(Marco Pfohl)
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