Vor seinem Umzug nach Deutschland konnte
Lavisse kein Deutsch.
"Das habe ich in einem dreimonatigen Kursus beim französischen
Außenministerium gelernt - zusammen mit drei anderen Kameraden.
Das war beinahe Einzelunterricht", sagt der gebürtige
Mann aus Divion in Nordfrankreich. Seit 1986 ist Paul-Henry Lavisse
Marinesoldat - genauer: Marineflieger, Pilot des Luftüberwachungsflugzeugs
E-2 C Hawkeye, das von Flugzeugträgern aus eingesetzt wird. "Ich
habe viele Einsätze hinter mir - über Jugoslawien und
Afghanistan", sagt er. Auch im Ausland sei er schon gewesen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika prägten ihn während
der Pilotenausbildung sowie als Verbindungsoffizier in Tampa (Florida).
Deshalb spricht Lavisse ein gutes Englisch, wechselt manchmal in
diese Sprache, die auch die meisten Deutschen gut sprechen. Im
deutschen Gespräch mit Muttersprachlern behilft er sich in
Zweifelsfällen mit dem Internet. Seine Lieblingsseite ist
dort leo.org, ein Wörterbuch im World Wide Web. Das schult
ihn bei der stetigen Verbesserung seines Wortschatzes und zeichnet
ihn als lernbegierigen Franzosen aus, was ihn für manchen
Deutschen zusätzlich sympathisch macht.
Und nicht nur das: Er spricht gerne über seine Erfahrungen in Deutschland, über
das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen. Lavisse ist offen und neugierig,
sieht nach links und rechts bei seinen Entdeckungstouren durch Deutschland. Deshalb
will er auch darüber sprechen, wie er die Deutschen im zurückliegenden
Jahr kennen und schätzen gelernt hat. "In Frankreich sagt man, dass
die Deutschen sehr direkt, strikt und ordentlich sind. Sie seien sehr taktvoll
doch gelegentlich auch scheu gegenüber Franzosen. Meine Erfahrung ist: Das
alles ist tatsächlich so", sagt er, macht eine Pause, schiebt nach: " Nur
nicht so intensiv, wie erzählt wird." Lavisse lobt die Deutschen vor
allem für ihre Kompromissfähigkeit. "Hier finden immer viele Gespräche
statt und Entscheidungsprozesse dauern deutlich länger als bei uns in Frankreich.
Aber wenn eine Entscheidung oder ein Kompromiss getroffen wurde, dann stehen
alle dazu und setzen das mit Engagement um." Besonders lobend äußert
sich der Franzose über die Zuverlässigkeit und den Wert von Absprachen.
Dazu erzählt er von einem prägenden Erlebnis gleich zu Beginn seines
Deutschlandaufenthalts: "Ich hatte von Frankreich aus ein Haus in Flensburg
gesucht. Alles ging über Telefon und Internet. Ich hatte nichts schriftliches
in Händen. In Frankreich bedeutet dies oft nichts, darauf kann man sich
nicht verlassen. Deshalb war meine Sorge, ob das denn klar geht mit dem Haus.
Doch es klappte alles perfekt. Das mündliche Versprechen, die Zusage wurde
eingehalten." Und auch im Tagesdienst hatte Lavisse viele positive Erlebnisse.
Im Flottenkommando nahmen ihn die Kameraden freundlich auf. Ein deutscher Fregattenkapitän
wurde ihm als Mentor zur Seite gestellt - führte ihn überall ein, steht
ihm jederzeit auch privat als Ratgeber zur Seite. "Ich habe jedoch viel
selber entdeckt und herausfinden wollen - das ist viel spannender, wenn auch
schwieriger", sagt er. |