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 Interview mit dem Kommandeur der Task Group "Open Spirit"
 Fregattenkapitän Andreas Stricker im Gespräch mit truppen.info
Wie muss man sich, in aller Kürze, als „Laie in Sachen Marine” den Ablauf und den Inhalt einer Operation wie „Open Spirit” vorstellen?
Auch hier gilt: Der Operation gehen umfassende Vorbereitungen voraus, die sich über Monate hinziehen und an denen neben der Deutschen Marine auch die verschiedenen ausländischen Marinen teilnehmen. Man könnte auch sagen: Nach dem Open Spirit ist vor dem Open Spirit. In Kürze werden nämlich die Vorbereitungen zur Operation 2006 laufen, die vor der estnischen Küste stattfinden wird. Die eigentliche Operation läuft in mehreren Teilschritten ab: dem Transit der Marineeinheiten zum gemeinsamen Sammelpunkt, einer feierlichen Eröffnung der Operation, dem gemeinsamen Briefing vor Ort, dem Marsch der einzelnen „Task Units" (TU), also Kleinverbände, in das ihnen zugewiesene Seegebiet, die eigentliche

Fregattenkapitän Stricker
Foto: Arndt/PIZ Marine
Minenjagd, der Rückmarsch zu einem gemeinsamen Hafen und die gemeinsame Auswertung und Bewertung der Operation in einer Abschlussbesprechung. Für Open Spirit 2005 hieß das: Der Aufakt fand in Riga, der Abschluss in Ventspils statt. Wichtig ist bei einer solchen Operation mit immerhin 20 Marineeinheiten aus 13 Nationen, dass es eine klare, einheitliche Führung gibt. Die Fäden laufen daher alle bei „Commander Task Group" (CTG), in diesem Falle als bei mir, zusammen. Der deutsche Tender Rhein diente ja als so genanntes Flaggschiff für den Gesamtverband. Einzelne TU´s setzen sich aus mehreren Einheiten zusammen und werden von einem „Commander Task Unit" (CTU) geführt. Sie stehen in regelmäßigem Kontakt mit dem CTG auf dem Flaggschiff. Dabei hat jeder CTU durchaus gewisse Entscheidungsfreiräume, denn in der Marine gilt: Die Vor-Ort-Entscheidung ist und bleibt unersetzbar.
Sie nehmen jetzt mit dem Verband wieder Kurs auf den Heimathafen Olpenitz/Ostsee. Der Abschluss einer solchen Operation fordert die Frage nach dem Erreichen des Übungsziels heraus. Welches Resümee ziehen Sie für sich ganz persönlich und für die Ihnen unterstellten Soldaten an Bord der deutschen Einheiten?
Hier fällt die Antwort denkbar kurz aus: Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf des diesjährigen Open Spirit, die wir ja, die Vorgänger-Operationen eingeschlossen, inzwischen seit neun Jahren durchführen. Wir haben ein Gebiet als sicher für die Schifffahrt und Fischerei melden können, das die kaum vorstellbare Größe von knapp 15 000 Fußballfeldern hat. Sie müssen sich vorstellen, dass die Einheiten hier quasi jeden Meter Meeresboden kontrolliert haben. Alle Boote zusammen verblieben in dem Operationsgebiet fast 1600 Einsatzstunden. Das sind Zahlen, die für sich sprechen. Wir haben 31 Minen und 2 Torpedos vernichtet – die richten keinen Schaden mehr an. Wir haben viel für das gegenseitige Verständnis und Kennenlernen getan. Und wir haben, und das freut mich als Menschenführer immer wieder, keinen Unfall gehabt. Unser Motto ist und bleibt: „Safety first – Sicherheit ist das A und O... Was ich in den vielen Einzelgesprächen mit den Besatzungsangehörigen vernommen habe, weiß ich: Auch die Soldaten sind zufrieden.
Eine Operation, der ein realer Auftrag zu Grunde liegt, wie in diesem Falle das Aufspüren von Seekampfmitteln, stellt für die Soldaten oft eine Gratwanderung zwischen Motivation auf der einen und Enttäuschung auf der anderen Seite dar. Welchen Eindruck haben Sie?
Ich muss Ihnen da gleich widersprechen. Speziell bei den Soldaten, die an Open Spirit teilnehmen, ist die Frage nach der Motivation nicht das Problem. Denn: Sie machen ja nichts anderes als das, wofür sie an Bord von Minenjagd und -suchbooten ausgebildet werden: nämlich das Aufspüren und am Ende das Vernichten von Minen und anderen Munitions-Altlasten. Dabei wissen sie: Auch, wenn sie nichts finden, ist das ein Erfolg. Denn dann kann die Meldung abgegeben werden: Das verdächtige Gebiet ist frei von Minen. Das hört sich für Außenstehende vielleicht etwas zu einfach an. Aber: So sieht unser Geschäft aus. Dabei will ich nicht verhehlen, dass natürlich das Finden einer scharfen Mine und deren Vernichtung für die Soldaten wichtig ist, weil es ihnen ein erkennbares Erfolgserlebnis verschafft und ihren Eifer beflügelt.
Die internationale Zusammenarbeit, insbesondere mit den Verbänden aus relativ jungen Partnernationen, ist immer etwas Besonderes. Was machte den sprichwörtlichen „Spiri", den Geist, dieser Operation aus?
Der gute Geist, der „Spirit", dieser Operation liegt im Wesentlichen darin: Die Soldaten aller an diesem Vorhaben teilnehmenden Nationen freuen sich darauf, zusammen zu arbeiten. Die internationale Kooperation ist etwas, was besonders bei der Marine einen extrem hohen Stellenwert hat. Die Menschen an Bord sind von Haus aus neugierig auf ihren Nachbarn. Sie wollen wissen: Wie sind die? Gibt es Parallelen in den Charakteren, gibt es Unterschiede und wenn ja, welche? Neben dem Bestreben, ein gemeinsames Ziel zu erreichen, gibt es natürlich so etwas wie eine Art sportlichen Wettkampf zwischen den Nationen. Jedes Boot, das ja immerhin auch eine Nation repräsentiert, möchte natürlich besonders gut abschneiden. Dieser Wettbewerb ist gut, er ist gesund und er gefährdet nicht das Erreichen des gemeinsamen Ziels. Noch eine Schlussbemerkung: Den Abschluss einer solchen, internationalen Operation bildet traditionell der so genannte „Steampass". Heißt: Alle Einheiten ziehen am Flaggschiff vorbei und verabschieden sich offiziell. Das klingt nach viel Ernst, aber ich kann Ihnen versichern: Ein solcher Steampass ist für alle Beteiligten eine große Freude. Ja, man kann sagen, Freunde sagen „tschüss" in ihrer jeweiligen Sprache. Da wird gewunken, die Typhone erklingen und vieles mehr. Die Marine verbindet – ein tolles Gefühl.
Gastgeberland für diese Operation war Lettland. Welcher Wind wehte den deutschen Soldaten beim Landgang entgegen?
Man kann sagen, ein guter Wind, ein Wind, der beflügelt. Ich meine, dass wir Deutschen bei den Letten ein sehr hohes Ansehen genießen. Im Gespräch mit Bürgern des Landes ist immer wieder zu vernehmen, dass Letten und Deutsche auch eine sehr lange, gemeinsame Geschichte haben. Denken Sie zum Beispiel an die Hanse. Eine Stadt wie Riga, die immer schöner und lebensfroher wird, ist stolz auf ihre deutschen Marksteine, den Beitrag Deutscher zur jahrhundertealten Stadtgeschichte. Deutsch ist eine wichtige Fremdsprache. Man spürt die Lebensfreude in dem Land, man bekommt immer wieder zu hören, wie wichtig die Mitgliedschaft in der Nato und seit einem Jahr auch in der EU ist. Wo Sie auch hinschauen: Es wird intensiv gebaut, und zwar nach einem Standard, der sich mit unserem westlichen messen kann. Kurzum: Wir sind prima aufgenommen worden, und auch darüber freue ich mich als Mensch und als Führer der Task Group „Open Spirit 2005".
Einheiten aus 13 Nationen waren an dieser Operation beteiligt. Worin liegen die Gemeinsamkeiten, worin die größten Unterschiede bei den Verbandsbeteiligten?
Die Nationen steuerten eine oder auch mehrere Einheiten – wie etwa das Nicht-NATO-Mitglied Schweden oder Deutschland – zum Gesamtverband bei. Soviel dazu. Jetzt zu den vermeintlichen Unterschieden: Innerhalb der NATO, zumal bei den Staaten, die seit Jahrzehnten dem westlichen Verteidigungsbündnis angehören, sind heute kaum noch Unterschiede wahrnehmbar. Wir arbeiten nach NATO-einheitlichen Verfahren, wir haben Englisch als gemeinsame Arbeitssprache, die Ausrüstung ist praktisch identisch und so weiter. Natürlich gibt es noch Unterschiede genau zu den letztgenannten Punkten bei den jungen Nato-Marinen wie etwa aus Lettland, Litauen, Estland oder Polen. Bedenken Sie: Die Baltischen Staaten sind gerade seit gut zehn Jahren wieder souverän. Das Schwergewicht beim Wiederaufbau lag nicht bei den Streitkräften, sondern in anderen Bereichen. Und dennoch: Der Ehrgeiz, mit dem diese Marinen an den westlichen Standard aufschließen wollen, ist beeindruckend. Ich merke in diesem Zusammenhang mit einem gewissen Stolz an, dass auch Deutschland gerade beim Aufbau der Marinen in den Baltischen Staaten sehr wertvolle Hilfe geleistet hat und weiterhin leistet. Übrigens: Dafür wird uns auch immer wieder viel Anerkennung gezollt.
Die Zusammenarbeit mit russischen Marineeinheiten wäre vor zwei Jahrzehnten noch völlig undenkbar. Inzwischen kann man vielleicht von einer alltäglichen Situation sprechen. Wie zeigte sich aus der Kommandeurs-Perspektive die Zusammenarbeit mit den Angehörigen der russischen Einheiten?
 
Ich denke, es ist generell noch zu früh, von einer „Alltagssituation" zu sprechen, wenn es um die Zusammenarbeit beispielsweise der Deutschen Marine mit der Russischen Marine geht. Richtig ist, dass es auf der Arbeitsebene bereits gute, viel versprechende Kontakte gibt. Im konkreten Fall dieser Operation „Open Spirit": Es gibt weiterhin deutliche Unterschiede, die sich im Kleinen, aber auch im Großen offenbaren. Es gibt weiterhin das Sprachenproblem, denn die russischen Soldaten, den einen oder anderen Offizier einmal ausgenommen, beherrschen kaum Fremdsprachen. Übrigens: Die Tatsache, dass wir in der Deutschen Marine inzwischen einige Soldaten haben, die mit ihren Eltern als so genannte Russlanddeutsche zu uns kamen, macht sich hier, auf der Arbeitsebene, sehr positiv bemerkbar. Dank ihrer Russischkenntnisse leisten sie wertvolle Hilfe bei der Sprachmittlung. Die Russen üben sich in einer gewissen Zurückhaltung auf der einen und einer vorsichtigen Öffnung auf der anderen Seite. Letztere findet immer dann statt, wenn sich persönliche Gespräche ergeben. Dazu bot Open Spirit zahlreiche Gelegenheiten, die wir, was die Deutsche Marine angeht, intensiv genutzt haben. Die guten politischen Beziehungen gerade zwischen Deutschland und Russland machen sich auch in der Zusammenarbeit zwischen den beiden Marine bemerkbar. Ich bin da recht hoffnungsfroh, was die Zukunft betrifft.
(Das Gespräch führte Uwe Zeitter)
13 Nationen sorgen für Sicherheit
 
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