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"Die Leistungen der Bundewehr werden breit anerkannt" |
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Interview mit Jörn Thießen, MdB |
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Itzehoe [12.11.05] "50 Jahre Bundeswehr", eine Armee im
Wandel. truppen.info sprach über dieses Thema
Jörn Thießen. Jetzt für
die SPD in den Bundestag eingezogen, war Jörn
Thießen Büroleiter des damaligen
Verteidigungsministers Rudolf Scharping und hat
den Wandel der Bundeswehr aus politischer Sichthautnah miterlebt. Von 2002 bis 2005 war er
Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts
der Bundeswehr. |
Herr Thießen, „50 Jahre Bundeswehr“. Was
fällt Ihnen spontan dazu ein?
Die Bundeswehr ist seit 50 Jahren Garant
eines Friedens in Freiheit für
Deutschland. Sie steht auch für die
längste Friedensphase, die Deutschland
jemals in seiner Geschichte erlebt hat.
Das immer wieder in Erinnerung zu rufen,
ist in einer unsicheren Welt von heute
von großer Bedeutung. Soldatinnen und Soldaten sind seit 50
Jahren „Staatsbürger in Uniform“, die
Demokratie unserer Republik spiegelt
sich in allen Teilen der Bundeswehr. Das
ist eine dauernde Aufgabe an
Streitkräfte und Gesellschaft und muss
von beiden Seiten ernst genommen werden.
Von der Diskussion um die
Wiederbewaffnung Deutschlands nach dem
Zweiten Weltkrieg bis hin zu weltweiten
(Friedens-)Einsätzen im dritten
Jahrtausend – wie hat sich die
Wahrnehmung der Bundeswehr im
vergangenen halben Jahrhundert innerhalb
der deutschen wie internationalen
Bevölkerung verändert? Die 50 Jahre von 1955 bis heute spannen den
Bogen von einer weitgehenden Ablehnung –
bestenfalls Ambivalenz – am Anfang, sowohl
in der deutschen Bevölkerung als auch bei
unseren europäischen Nachbarn, zur
Normalität heute. Im Kontext Ihrer Frage würde ich gern die
deutsche und die internationale Komponente
auseinander halten, da die Entwicklungen
nicht synchron verliefen. Am Beginn stand
zwar ein gemeinsames Misstrauen gegenüber
deutschen Streitkräften und einer
wiederbewaffneten Bundesrepublik
Deutschland, jedoch war das Tempo zur
Normalität sehr unterschiedlich. International waren die später gescheiterten
Pläne zur EVG und der danach durch
Frankreich und Großbritannien forcierte
Beitritt zur WEU, die bis dahin ein Bündnis
gegen Deutschland war, natürlich ein
Ausdruck des Misstrauens und der Absicht,
die neuen deutschen Streitkräfte zu
kontrollieren. Nicht umsonst waren die
meisten die neue Bundeswehr limitierenden
Faktoren im Beitrittsprotokoll zum
WEU-Vertrag geregelt (Obergrenze 500.000,
keine Flugzeuge und Flugkörper strategischer
Reichweite, keine Bombenflugzeuge,
Höchsttonnage für Schiffe, Höchstkaliber für
Artillerie, Verzicht auf Entwicklung, Erwerb
oder Besitz von A-, B-, C-Waffen etc.) Hier
wurde ein Gegengewicht zu der durch die
Amerikaner forcierte gleichberechtigte
Mitgliedschaft Deutschlands in der Nato
gesetzt. Wenn Sie von hier aus die Linie zum
November 1987 ziehen, in dem der damalige
Bundeskanzler die Aufstellung einer
deutsch-französischen Brigade beschlossen,
welche dann im Oktober 1990 in Dienst
gestellt wurde und wenn Sie sich
vergegenwärtigen, dass deutsche Truppenteile
dieser Brigade am 14. Juli 1994, also am
französischen Nationalfeiertag im Rahmen der
traditionellen Militärparade die Champs
Elysées entlang marschierten und den Beifall
der Pariser Bevölkerung erhielten, dann
haben Sie ein überzeugendes Beispiel für die
veränderte Wahrnehmung der Bundeswehr durch
die Bevölkerung von Nachbarstaaten. In Deutschland und in der deutschen
Bevölkerung verlief das Verhältnis zur
Bundeswehr eher in Wellen. Es bedurfte einer
Katastrophe größten Ausmaßes, nämlich der
Flutkatastrophe von 1962 in Hamburg und
Niedersachen und dem Hilfseinsatz der
Bundeswehr, bis der größere teil der
Bevölkerung seinen Frieden mit den
Streitkräften machte oder zumindest begann,
sie zu akzeptieren. Und es waren immer
wieder Katastrophen, wie Waldbrand in
Niedersachsen, Schneekatastrophe, Oderflut,
Elbeflut, die auch eine emotionale Akzeptanz
der Bundeswehr förderten; keine originären
Militäraufgaben also. Und umgekehrt führten
NATO-Doppelbeschluss und Nachrüstungsdebatte
zu Beginn der 80er Jahre dazu, dass die
Bundeswehr für Friedensbewegung und
sogenannte Pazifisten als Sündenbock für
politische Entscheidungen herhalten mussten.
Demonstrationen fanden vor Kasernen statt,
Kasernen wurden blockiert, nicht der
Deutsche Bundestag. Und viele, zu viele
empfanden eine stillschweigende oder offene
Sympathie für diese Aktionen. Zur Normalität
fand das Verhältnis eigentlich erst in den
90ern. Die Bundeswehr wird auch heute nicht
geliebt – muss sie auch nicht – aber
akzeptiert. Sie wird als effiziente und
wichtige Organisation angesehen, sie wird
als ein Mittel deutscher Außen- und
Sicherheitspolitik akzeptiert und ihre
Leistungen in den internationalen Einsätzen
werden breit anerkannt.
Herr Thießen, sie waren Büroleiter des
Verteidigungsministers Rudolf Scharping.
Danach waren Sie über drei Jahre lang Leiter
des Sozialwissen-schaftlichen Instituts der
Bundeswehr. Diese beiden „Verwendungen“
fielen in die größte Umbruchsphase, die die
Bundeswehr erlebt hat. Wie hat sich in
dieser Zeit die Bundeswehr gewandelt? Nachdem schon unter Bundeskanzler Kohl und
Bundesminister Rühe in der ersten Hälfte der
90er die Weichen für eine schrittweise
Beteiligung Deutschlands unter anderem mit
der Bundeswehr an internationalen
Friedenseinsätzen gestellt wurde –
Deutschland also begann, Verantwortung
wahrzunehmen, die es eigentlich schon viel
früher durch seine Mitgliedschaft in
Systemen kollektiver Sicherheit übernommen
hatte – war es notwendig geworden, nun auch
die dafür geeigneten Strukturen zu schaffen;
Die Bundeswehr von einer reinen
Landesverteidigungsstreitkraft zu einer
Armee, die auch (nicht nur!) zu
internationalen Kriseneinsätzen fähig ist,
umzugestalten.
Dabei ist der Gesamtumfang drastisch
reduziert worden, ist die Bundeswehr in
allen Bereichen für Frauen geöffnet, ist
der Anteil an Zeit- und Berufssoldaten
gesteigert worden, hat die
Weizsäcker-Kommission wesentliche Anregungen
zur Transformation gegeben, die von den
Ministern Scharping und Struck aufgenommen
wurden. Ein Ergebnis der Transformation
war die Reduzierung von schweren Waffen und
mechanisierten Verbänden zugunsten leichter,
flexibler und agiler Einheiten, die stärkere
Einbindung in multinationale Strukturen und
die Beschleunigung des Modernisierungstempos – nicht
nur bezogen auf Waffensysteme, sondern auch
in Ausbildungskonzepten, Kommunikationssystemen,
Aufklärungsfähigkeit, Laufbahnmodellen. Eine
gewaltige und Kräfte zehrende Aufgabe für
alle Bereiche der Bundeswehr. |
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Jörn Thießen, MdB
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Zur Person |
Jörn Thießen wurde 1961 in
Kellinghusen geboren und wuchs in
Itzehoe Sude-West auf. Nach der
Grundschule in Sude und später
Sude-West, besuchte er die
Kaiser-Karl-Schule (KKS) in
Itzehoe. Seine Familie stammt aus
Itzehoe und Brunsbüttelkoog, aus
Hademarschen und aus Marne.
In Itzehoe, Wilster und Schenefeld
hat Jörn Thießen evangelische
Jugendgruppen geleitet und
Konfirmanden-Unterricht gegeben.
Daneben engagierte er sich gegen
das Atomkraftwerk Brokdorf.
Nach dem Abitur ging er zum
Studium der evangelischen
Theologie nach Kiel und spielte
nebenher am Kieler Schauspielhaus
Theater.
Viele Jahre war er
stellver-tretender
Landesvorsitzender der Jusos in
Schleswig-Holstein und begann nach
einem Studienaufenthalt in Berlin
1986 seine Arbeit für Björn
Engholm als Referent und
Redenschreiber – ihm folgte er in
die Staatskanzlei als
persönlicher Referent.
1992 ging Jörn Thießen nach
Hamburg ins Vikariat und wurde
nach zwei Jahren Leiter der
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
des Kirchentages 1995 in Hamburg
und anschließend Pastor in
Barmbek.
Vor der Bundestagswahl 1998 wurde
er Mitarbeiter der
SPD-Bundestagsfraktion in Bonn
und ging dann mit Rudolf Scharping
nach der gewonnenen Wahl in das
Bundesministerium der
Verteidigung. Hier arbeitete er
als Persönlicher Referent des
Ministers und später als Leiter
des Ministerbüros in Bonn und
Berlin. Insbesondere der Krieg im Kosovo
hatt seine Überzeugung gefestigt,
dass Deutschlands Rolle in der
Welt die einer
friedenserhaltenden, einer
friedensstiftenden Macht sein
muss.
Nach fast vier Jahren im
Leitungsbereich des Ministeriums
wechselte er als Direktor und
Professor in das
Sozialwissen-schaftliche Institut
der Bundeswehr, da sich mit dem
Verhältnis der deutschen und
euro-päischen Gesellschaft mit den
Streitkräften, mit der Rolle der
Frauen, der Wehrpflicht und der
Vereinbarkeit von Familie und
Beruf beschäftigt. |
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Die Neuausrichtung der Bundeswehr von der
reinen Landesverteidigung hin zu weltweiten
Einsätzen hat sich still und leise
vollzogen. Eine breite öffentliche
Diskussion über die künftigen Aufgaben der
Bundeswehr hat es nie gegeben. Halten Sie
das für gut? Es ist zwar nicht ganz so, dass alles leise,
quasi heimlich ablief- im Parlament, in den
Parteien und in einer relativ kleinen Gruppe
gab und gibt es durchaus kontroverse
Diskussionen – aber im Prinzip haben Sie
Recht. Eine ausreichend Diskussion findet
nicht statt. Ich sage aber deutlich, dass
hier Medien, Bildungspolitik,
gesellschaftliche Institutionen, auch die
Politik in einer unteilbaren Verantwortung
stehen. So wie sich die Instrumente einer
aktiven Außen- und Sicherheitspolitik
schärfen und die Einsatzszenarien breiter
werden, so muss die Bevölkerung nicht nur
„mitgenommen“ werden, sondern sich stärker
denn je an dieser Debatte beteiligen.
Was bedeuten die weltweiten Einsätze für die
Soldaten und Ihre Familien? Auf einen einfachen Nenner gebracht zunächst
mal Herausforderung und Belastung.
Für die Soldaten sind sie aber auch eine
neue Form des beruflichen
Selbstverständnisses und internationale
Anerkennung; nicht mehr von ihren
internationalen Kameraden so quasi als
„Heimatschutztruppe“ belächelt zu werden
(wie noch zu Zeiten des UNPROFOR-Einsatzes
in Ex-JUG), sondern Gleiche unter Gleichen
zu sein. Für die Soldaten(innen) und ihre Familien
oder Partner(innen) bedeutet dies partiell
(insbesondere für das Heer) häufigere
Abwesenheiten von zu Hause durch Einsätze,
einsatzvorbereitende Ausbildung; für
bestimmte Spezialisten und für Teile des
Sanitätsdienstes auch nach wie vor eine
relativ hohe Einsatzfrequenz, da der
strukturelle Umbau noch im Gange ist und die
angestrebte 2jährige Einsatzpause nach einem
Einsatz noch nicht zu verwirklichen ist. Zusätzlich belastend ist, wenn dann
ungeplante ad hoc Einsätze dazu kommen:
Tsunami-Katastrophe in Süd-Ost Asien;
Erdbeben in Pakistan; Luftbrücke im Sudan.
Aber gerade diese humanitären Einsätze aus
dem Stand und die Möglichkeit, schnell
relativ große Kontingente dafür verfügbar zu
machen. Aber wäre das ein Argument, sich
hier zu entziehen? Doch wohl kaum.
Die Zahl der nicht-verheirateten Soldaten
sowie die der Scheidungen nimmt in den
letzten Jahren stetig zu. Wie kann man
diesem Trend begegnen und was muss die
Politik tun, um die Vereinbarkeit von Beruf
und Familie zu erhöhen? Dies ist keine Frage, die sich speziell auf
die Bundeswehr und ihre Soldaten und
Soldatinnen bezieht, sondern einen
gesamtgesellschaftlichen Prozess beschreibt. Tatsächlich ist der Anteil relativ junger
verheirateter Soldaten (unter 30) im
Verhältnis zur gleichen Altersgruppe in der
Gesellschaft signifikant höher (Grund ist
u.a. eine relativ hohe materielle Sicherheit
für einen längeren Zeitraum bei den
Zeitsoldaten). Aber der zunehmende Trend zu
einer auf Zeit angelegten Partnerschaft
anstelle einer Ehe ist eben auch unter
Soldaten feststellbar, insofern ist die
Bundeswehr eben ein Abbild der Gesellschaft. Auch ist die Anzahl der Scheidungen nicht
monokausal auf eine Unvereinbarkeit von
Beruf und Familie zurückzuführen – weder bei
Soldaten noch im zivilen Bereich – sondern
dieser ist nur ein Aspekt unter vielen. Eher
scheint es, dass Ehe und Familie im
geänderten Wertegefüge der deutschen
Gesellschaft nicht mehr den hohen
fundamentalen Stellenwert haben und daher
auch öfter und schneller zur Disposition
gestellt werden, als es noch vor 20 Jahren
der Fall war. Das habe ich auch als Pastor
oft, zu oft, erlebt. Ich gebe Ihnen auch Recht, dass
grundsätzlich in Deutschland die Bedingungen
für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie
verbesserungsbedürftig sind. Aber dies ist
nicht allein durch die Politik zu leisten.
Politik kann Rahmenbedingungen schaffen und
verbessern, aber nicht zum Beispiel
innerbetriebliche Abläufe und Bedingungen
verbessern, Strukturen und
Arbeitszeitmodelle familienfreundlicher
machen und auch nicht Eigeninitiative
ersetzen. Zu erwarten, das Politik alles
regeln könnte („Staat mach mal“), wäre
blauäugig.
Halten Sie die Bundeswehr für attraktiv?
Würden Sie als junger Mensch den Beruf eines
Soldaten wählen? Die Bundeswehr bietet Frauen und Männern ein
sehr breites Spektrum an Aufgaben und
eigenen Entwicklungsmöglichkeiten. Die
Personalführung in der Bundeswehr ist in
vielen Bereichen erheblich professioneller
als anderswo. Ja, ich werde meinen Kindern
dazu raten, sich die verschiedenen Bereiche
genau anzusehen und offen dafür zu sein,
sich hier zu engagieren. Der Prozess der
Transformation braucht an allen Ecken
Menschen mit guter Ausbildung, neuen Ideen,
internationalen Netzwerken und
organisatorischen Fähigkeiten.
Stichwort „Attraktivität“: In den letzten
Jahren haben die Soldaten immer mehr
finanzielle Einbußen hinnehmen müssen obwohl
die persönlichen Belastungen weiter steigen:
Zuschläge wurden versteuert, die
Dienstaltersstufen verlängert um dann ganz
abgeschafft zu werden, Pensionen wurden
gekürzt. Ist es noch sinnvoll, die Soldaten
nach Beamtenrecht zu bezahlen und sie somit
z.B. einem Finanzbeamten gleichzustellen? Die Einschnitte und Verschlechterungen sind
eine Tatsache, sie werden sicherlich nicht
einhellig positiv aufgenommen, sind aber
nicht speziell auf Soldaten bezogen. Aber: hätten 190.000 Zeit- und
Berufssoldaten eine Lobby, wenn man sie
besoldungsrechtlich entkoppeln würde und
eine eigene Linie „Soldatenbesoldungsgesetz,
Soldatenversorgungsgesetz, ...“ aufbauen
würde? Ich befürchte, eher nicht. In Teilen versucht man ja schon, Sonderwege
zu gehen. So werden Teile des neuen
Tarifrechts im Öffentlichen Dienst wohl
nicht eins zu eins auf die Soldaten
übertragen werden. Viel wichtiger wäre es,
in anderen Bereichen schneller mit der
„Entrümpelung“ voranzukommen und große Teile
von Verwaltungsrichtlinien,
Ausführungsbestimmungen und Erlassen, die
alle auf zivile Verwaltungen und/oder den
Normalfriedensbetrieb ausgelegt sind, den
Bedingungen der Bundeswehr im Einsatz
anzupassen.
Am 11.01.2000 hat der Europäische
Gerichtshof entschieden, dass Deutschland
Frauen den Dienst an der Waffe nicht
verweigern darf. Wie ist diese Entscheidung
damals im Ministerium aufgenommen worden und
was hat dies für die Bundeswehr bedeutet?
Für die Bundeswehr bedeutet dies eine
produktive Auseinandersetzung mit neuen
Herausforderungen. Sie muss Gleichstellung,
Mutterschutz, Teilzeitmöglichkeiten und
GenderTraining selbst erfolgreich gestalten
und ist dabei auf einem guten Wege. Das sagt
auch das wunderbare Sozialwissenschaftliche
Institut der Bundeswehr. Das Betriebsklima
hat sich gewandelt, die ersten
Verunsicherungen werden abgebaut und jetzt
bin ich auf die kommenden Karrieren von
Frauen sehr gespannt.
Sie waren schon früh in der evangelischen
Kirche engagiert und haben evangelische
Theologie studiert. Sie sind zwar jetzt
Bundestagsabgeordneter für die SPD aber von
Hause aus Pastor. Frauen an der Waffe –
finden Sie diese Entscheidung gut? Wir sind für Gleichberechtigung und
Gleichstellung in allen Lebensbereichen
eingetreten und haben diesen Zielen
Verfassungscharakter eingeräumt. Sollen wir
da Frauen verweigern, was sie selbst wollen
und sich erstritten haben? Frauen dienen in
der Bundeswehr freiwillig, sie selbst haben
die Öffnung eines bis dahin für sie
verschlossen Berufsfeldes erzwungen. Ist es
da wichtig, ob ein Mann das gut findet? Warum sollte ein Pastor Frauen an der Waffe
besser oder schlechter finden als Männer an
der Waffe? Die moralischen Kategorien, nach
denen ich akzeptieren kann, dass ein Soldat
seine Waffe einsetzt oder auf Grund derer
ich es ablehnen würde, unterscheiden sich
doch nicht nach den Geschlechtern. Die überaus größte Anzahl von Frauen in der
Bundeswehr – außerhalb des Sanitätsdienstes
– dient bis heute nicht in den klassischen
Kämpferfunktionen. Aber natürlich gibt es
auch die. Frauen die bewusst
Panzergrenadier, Panzerkommandant oder
Kampfpilot werden wollen. Als freiwillige
Zeit- und Berufssoldatinnen können sie sich
ihren Verwendungsbereich ja aussuchen. Und
die bisherige Erfahrung zeigt auch, dass sie
ihre Aufgaben gut machen. Mindestens so gut,
wie ihre männlichen Kameraden, oft jedoch
besser.
Die Bundeswehr ist in den letzten Jahren
immer wieder reformiert oder „transformiert“
worden, auch unter Bundesminister Scharping.
Die jetzt einzunehmende Struktur 2010 sollte
nach den Worten des noch amtierenden
Verteidigungsministers Struck nur rein
militärischen Gesichtspunkten folgen.
Zweifel an diesem Anspruch blieben, vor
allem bei den Standortentscheidungen. War
das jetzt der „große Wurf“ oder müssen sich
die Soldaten auf weitere Umstrukturierungen
einstellen? Wenn ja, auf welche? Die Bundeswehr befindet sich in einem
Prozess der kontinuierlichen Anpassung und
Umstrukturierung als Teil der
Transformation; d.h., auch wenn die großen
strukturellen Entscheidungen einschließlich
der Stationierung gefallen sind, wird sie
immer flexibel auf geänderte
Rahmenbedingungen reagieren müssen. Das gilt
für alle großen Institutionen – semper
reformanda. Nicht jede Standortentscheidung (z.B. die
Auflösung von Albersdorf) kann ich
nachvollziehen. Wenn ausschließlich die
militärische Effizienz und der Kostenfaktor
für den Einzelplan 14 bestimmend gewesen
wäre, hätten wahrscheinlich viel mehr
Standorte aufgegeben werden und an weniger
Standorten höhere Konzentrationen erreicht
werden müssen. Es war letztlich ein
Kompromiss.
Bei der Bundestagswahl 2005 sind Sie für
Ihren Wahlkreis in den Bundestag eingezogen.
Damit entscheiden Sie in Zukunft auch über
die Einsätze der Bundeswehr mit. Gibt es für
Sie Grenzen bei möglichen Einsatzszenarien
der Bundeswehr? Bei welchen Einsätzen würden
Sie nicht zustimmen? Zukünftige Einsätze werden sich an den
Konzepten der EU und an denen der NATO
ausrichten, die sich von den heutigen in
Bezug auf Zusammensetzung und Schnelligkeit
deutlich unterscheiden. Ich sehe besonders
künftige Einsätze kritisch, die über lange
Zeit viele Kräfte binden sollen. Es ist – so
unbefriedigend es klingt- von Fall zu Fall
zu entscheiden. Das Leben der Soldaten und
unsere sicherheitspolitischen Interessen
sind untrennbar miteinander verbunden – das
ist eine sehr hohe Verantwortung, der sich
die Politik auch stellt.
Der Bundestag entscheidet auch über die
finanzielle Ausstattung der Bundeswehr. Ist
die Bundeswehr Ihrer Meinung nach
ausreichend finanziert – gerade unter den
Gesichtspunkten Transformation und
Ausweitung der Einsätze? „Die Bundeswehr
bekommt, was sie braucht“ hat mal ein
früherer Bundeskanzler gesagt (und was sie
braucht ist letztlich immer eine politische
Entscheidung). Was ist ausreichend?
Ausreichend ist das „need to have“, nicht
das „nice to have“. Es wäre
jedenfalls illusorisch, darauf zu hoffen, dass
der Verteidigungsetat in absehbarer Zukunft
steigen wird. Und ich habe militärische
Planer als Realisten kennen gelernt, gehe
daher davon aus, dass ihnen das klar ist. Es
wird also darum gehen, innerhalb des
gegebenen Finanzrahmens die effizienten
Lösungen zu finden, weitere
Einsparpotenziale zu identifizieren, aber
auch, Prioritäten zu setzen.
Die SPD hat sich bei der Frage der
Wehrpflicht nicht nur nicht festgelegt,
sondern eine Entscheidung darüber in das
nächste Jahr verschoben. Wie stehen Sie
persönlich zur Wehrpflicht? Ich bin ein deutlicher Befürworter der
Wehrpflicht, da sie die Gesellschaft zur
direkten Auseinandersetzung mit den
aktuellen Aufgaben der Bundeswehr in allen
Bereichen zwingt. Die Streitkräfte entfernen
sich nicht von der Bevölkerung, aber die
Bevölkerung darf sich auch nicht von den
Streitkräften abwenden und diese als eine
„Agentur“ unter anderen betrachten.
(DasGespräch führte Torsten Rissmann) |
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