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 Zwischen Kampfpanzer und Kaftan
 Im Gefechtsübungszentrum ist ganzjährig Übungsplatzaufenthalt
Letzte Abstimmungen vor dem Gefecht: Marcel F. (links) und sein Stellvertreter stellen sich gleich mit ihrem Kampfpanzer als „Feind“ der übenden Truppe entgegen.
Fotos: Zeitter
Letzlingen (uz) [04.06.10]. Der Zugführer huscht nochmal kurz durch die Tür, bevor er mit seinem Zug los muss. Letzte Dinge werden noch in der Kompanie geregelt, bevor er mit seinen Soldaten zum Treffpunkt auf dem Truppenübungsplatz aufbrechen muss. Hauptfeldwebel Marcel F. führt einen Panzerzug in der dritten Kompanie des Gefechtsübungszentrums des Heeres (GefÜbZH) in Letzlingen (Sachsen-Anhalt). Soldaten aus allen Verbänden des Heeres, aus allen Regionen Deutschlands kommen zu Übungen hierher. Oftmals geht es um traditionelles militärisches Handwerkszeug, wie es in einer sogenannten konventionellen Schlacht benötigt wird, viel öfter geht es in Letzlingen aber um den letzten Schliff, bevor ein Einsatzverband in den Auslandseinsatz geht.
 
Egal ob er in Kampfanzug oder Kaftan gebraucht wird: Die Abstimmung mit den Schiedsrichtern spielt für den Zug von Marcel F. eine große Rolle.
Jeder Soldat, der etwas üben soll, braucht ein Gegenüber. Für diese Aufgaben gibt es die Kompanien des Gefechtsübungszentrums. Marcel F. führt einen Panzerzug in der 3. Kompanie. Nahezu jeden Tag ist er auf dem Übungsplatz unterwegs. Wie bei einem Verband, der sich auf dem Truppenübungsplatz befindet, müssen vorrangig die Aufgaben außerhalb des Unterkunftsgebäudes bewerkstelligt werden. Die administrativen Aufgaben übernimmt der Hauptfeldwebel quasi nebenbei. Schreibarbeiten macht er auch mal auf seinem Panzer oder auch abends. Selten enden die Tage vor 19.30 Uhr. „Wir sind hier quasi das ganze Jahr über auf dem Übungsplatz“, beschreibt er seinen Alltag, den Kameraden in „regulären“ Panzereinheiten nur wenige Tage im Jahr als besonderes Highlight vergleichbar erleben. „Ich habe seit einigen Tagen neue Soldaten in meinem Zug“, gibt Marcel F. ein Beispiel: „bislang habe ich es noch nicht geschafft, mit ihnen ein vernünftiges Gespräch zum Kennenlernen zu führen.“ So wie die administrativen Aufgaben muss auch die Ausbildung seiner Männer nebenbei laufen.
Marcel F. erwartet die Soldaten des Übungsverbandes.
An diesem Tag befinden sich Soldaten der Panzerlehrbrigade 9 aus Munster auf dem Übungsplatz. Marcel F. und seine Männer stellen mit ihren modernen Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 in diesem Fall einen eher leichtbewaffneten Feind dar. Die Auswertung über Laser und Computer macht es möglich, dass das Waffensystem, je nach Anforderungen, ein „virtuelles Downgrade“ erfahren kann. Für den Zugführer und seine Männer ist dies oftmals ein Motivationsproblem, wenn sie sich den übermächtigen Übungstruppenteilen gegenübersehen.
Am Sammelpunkt treffen die Leopard-Panzer von Hauptfeldwebel F. mit dem Schiedsrichter und Kameraden eines Jägerzuges und den Besatzungen mehrerer Schützenpanzer Marder zusammen. Für F. ist dies einer der Vorteile der Verwendung im GefÜbZH. „Die Kameradschaft ist einmalig und hier kann man täglich so arbeiten, wie es sich gehört“, schwärmt der Hauptfeldwebel. In anderen Verbänden ist es nur selten möglich, dass Gefechtsübungen von Angehörigen unterschiedlicher Waffengattungen geübt werden können. Für die Männer in Letzlingen sind sie fast alltäglich.
Es dürfte schwierig sein, den Kameraden etwas vorzumachen. Routine und jede Menge sprichwörtliche Übung prägen den Alltag und eine augenscheinlich ganz besondere Kameradschaft unter den Soldaten. Seit acht Jahren ist Marcel F. in Letzlingen. Er wurde bei der Aufstellung des Übungsverbandes von einem Vorgesetzten angeworben. Den Übungsplatz kennt er auswendig. Nur in Ausnahmefällen muss der Zugführer eine Stellung erkunden. In den meisten Stellungen steht er regelmäßig mit seinem Kampfpanzer und versucht, dem Feind trotz der programmierten Schwäche ein Schnippchen zu schlagen. Und wenn es durch ein Täuschungsmanöver ist, das eigentlich nicht in den Vorschriften der Bundeswehr steht. Immerhin stellen Marcel F. und seine Kameraden ja auch feindliche Truppen dar, die wohl kaum auf diese Vorgaben Rücksicht nehmen würden.
Gegenwehr: Ein Kampfpanzer aus dem Zug im Gefecht.
Das Wissen der vergangenen Jahre zeigt sich auch bei der Einweisung durch den Schiedsrichter, die schnell von einem „da sehe ich nichts, hier wäre es sinnvoll“ und einem schnellen Deuten auf die Karte vom Zugführer unterbrochen wird. Schnell ist der Plan für die Schlacht geschmiedet, während die Soldaten aus dem Zug ihre Leopard-Panzer inzwischen mit der notwendigen Tarnung versehen haben.
Eines müssen die Soldaten des GefÜbZH vor allem sein: Schnell und flexibel. Als Dienstleister für die übende Truppe beginnt ihr Tag normalerweise zwei Stunden vor dem der Truppenteile, die auf dem Übungsplatz zu Gast sind. Innerhalb kürzester Zeit müssen sich die Soldaten auf neue Forderungen, die sich aus der Lage ergeben, einstellen können. Dazu steht man in engem Kontakt mit dem Schiedsrichter, der das Geschehen beobachtet und im Kontakt mit der Auswertung in der Kaserne steht. Mit längerem Vorlauf kann kaum geplant werden. Oftmals werden erst wenige Stunden vor der Übung die letzten Details klar.
Hauptfeldwebel F. klappt sein Klemmbrett zu, um auf den Panzer „aufzusitzen“. Eben sprach er noch von den unkalkulierbaren Diensten auf dem Übungsplatz. Er deutet auf seinen Kalender: „Ach ja, heute hat übrigens meine Mutter Geburtstag. Ich habe einen Kameraden gebeten, Blumen zu kaufen und hoffe, dass ich sie heute Abend überbringen kann.“ Dann springt der schwere Motor an und Marcel F. lässt seine Stellung ansteuern. Auch an diesem Tag haben die Besatzungen der „Leoparden“ wohl keine Chance gegen die Panzerlehrbrigade 9.
Letzte Absprachen mit seinen Soldaten: Marcel F. am Einsatzort für eine ganz andere Situation.
14 Tage später trifft Marcel F. erneut noch schnelle Absprachen mit dem Kompaniefeldwebel, bevor er mit seinen Soldaten auf den Übungsplatz aufbricht. Dieses Mal sind die Soldaten aber nicht mit einem Leopard 2 unterwegs, sondern mit einem VW-Bus, dessen „Y“ auf dem Kennzeichen mit arabischen Schriftzeichen verhüllt wurde. Die Soldaten des Zuges tragen auch keinen Feldanzug in grünem Fleckentarn sondern Kaftan, eine arabische Bekleidung. Für die Männer wurde in der vorherigen Woche der Wechsel um 180 Grad vollzogen. Aus der Kampfpanzerbesatzung als Feinddarstellung für die Panzerlehrbrigade sind afghanische Männer für eine Übung von Soldaten der Gebirgsjägerbrigade geworden. Die Gebirgsjäger werden in wenigen Tagen ihren Einsatz in Afghanistan antreten und können in Letzlingen ein letztes Mal gemeinsam trainieren. Sie werden auf den schlimmsten Fall vorbereitet. Der kommt in diesem Fall in Form von Marcel F. und seiner Männer. Auf der Pritsche des Fahrzeuges lagern Panzerfäuste, Handfeuerwaffen und ein Sprenggürtel. Das Spektrum der „Rollen“, die es zu übernehmen gilt, reicht vom Bürgermeister, über den Priester oder Muezzin oder Werkstatt-Besitzer bis hin zum Selbstmordattentäter. Auch diese Rollenwechsel sind für den Hauptfeldwebel und seine Männer längst Routine. Die Aufgaben würden, so beschreibt Marcel F., schon ein wenig nach der Mentalität des jeweiligen Soldaten vergeben. Ein ruhigerer Soldat sei auch auf dem Übungsplatz nicht der optimale Krawallmacher. Der Zugführer schmunzelt, als er mit dem Schiedsrichter die Optionen der kommenden Übung bespricht. Zu 100% steht das Szenario, wenige Augenblicke vor der Übung, noch nicht fest. Vielleicht kommt es für die übende Truppe gar nicht so dick und der Gürtel des Selbstmordattentäters kann im Auto bleiben. Die Lage wird entsprechend an den Verlauf der Ausbildung angepasst. „Passig gestrickt“, nennen es die Soldaten in der improvisierten Ortschaft, die eigentlich sonst von einer anderen Kompanie „betrieben“ wird.
Einsatzszenario im schlimmsten Fall: Die Männer des Zuges von Marcel F. werden für die übende Truppe in diesem Fall zum personifizierten Alptraum.
Wie sich die Soldaten, die den „Rollenspielern“ gegenüberstehen, fühlen, kann sich jeder der Soldaten im Zug vorstellen. Marcel F. selbst hat bereits Einsatzerfahrung in Afghanistan. Eine Voraussetzung fast schon für die Verwendung und eine Erfahrung, die seine Expertise für die Dienststelle und die übende Truppe noch wertvoller macht.
Er weist inzwischen Soldaten in ihre Aufgabe ein. Ein Konvoi soll beschossen werden und dabei soll das erste Fahrzeug ausfallen. Was weiterhin geschehen soll, hängt auch von den Reaktionen des Übungsverbandes ab. Als Marcel F. mit seinen Soldaten eine geeignete Stellung erkundet, weiß er wieder einmal nicht, was der Schiedsrichter kurzfristig an weiteren Aufträgen bereithält. Was es auch sei, er und seine Männer werden ihr Bestes dazu beitragen, dass die Soldaten optimale Trainingsmöglichkeiten für ihren Auslandseinsatz haben.
 
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