truppen.info:
Soldaten sind es ja schon mal gewohnt, Ihren Arbeitsplatz für
eine bestimmte Zeit an einen anderen Ort zu verlegen. Gibt es da
aus Ihrer Sicht einen Unterschied zur Bewältigung des Umzugs
eines kompletten Stabes?
Oberst Bernhard Liechtenauer: Wenn
ein Stab umzieht, gilt es, an viele Kleinigkeiten zu denken. Das
beginnt bei E-Mail-Adressen, Transport von Material und Dokumenten
und endet nicht zuletzt bei der banalen
Frage, in welchen Büros
die einzelnen Soldaten sitzen sollen.
Gleichzeitig muss ein Führer
den Überblick behalten und konkret planen und immer wieder
kontrollieren und nachsteuern. Bestimmte
Arbeitsvorgänge laufen
ja auch während der Verlegung weiter.
Es kommt hier darauf an, dass man miteinander spricht und dass keine Information
verloren geht. Hier hat das Heerestruppenkommando Koblenz sehr gut vorausgedacht
und uns den Start vorbereitet.
Ein besonders wichtiger menschlicher Aspekt ist
außerdem,
dass man denjenigen, die ihren Platz am neuen Standort räumen,
mit Respekt begegnet. Sie haben in Bruchsal erstklassige Arbeit
gemacht, und das muss gew ürdigt werden.
truppen.info: Angesichts der vielen Punkte, die in Ihrer
Dienststelle in den vergangenen Monaten
zu organisieren waren, kam Ihre Versetzung zum
Heerestruppenkommando zu spät?
Oberst Bernhard Liechtenauer: Nein,
meine Versetzung kam nicht zu spät. Zuerst einmal haben
Generalmajor
Ernst H. Lutz und seine Männer und Frauen sowohl die Verlegung des Stabes
als auch die Aufnahme der Dienstgeschäfte in Bruchsal hervorragend vorbereitet.
Dazu gab es eigens Seminare, Workshops und einen im September 2007 installierten
Aufstellungsstab, der die Aufnahme von Personal und Material vorbereitet hat
und als Anlaufstelle für künftige Aufgaben diente.
Darüber hinaus bin ich bereits seit Mitte Dezember letzten Jahres in meinem
Stab. Die offizielle Indienststellung erfolgte zu Jahresbeginn. Man lässt
einem neuen Kommandeur üblicherweise seine ersten 100 Tage, um seinen
Stab in eine neue Richtung zu formen. Diese 100 Tage neigen sich dem Ende entgegen
und ich kann sagen, wir befinden uns auf einem sehr guten Weg. Bis zum Sommer
haben wir eine funktionsfähige neue Kommandobehörde aufgebaut, die
unterstellten Verbände und Einheiten angebunden und in das System der
Division Luftbewegliche Operationen eingefügt.
truppen.info: Gab es für Sie eine Vorbereitungsphase
für diesen Dienstposten?
Konnten Sie auf Rahmenbedingungen des
Standortwechsels Einfluss nehmen?
Oberst Bernhard Liechtenauer: Bevor
ich meinen Dienstposten als Brigadekommandeur in Bruchsal angetreten
habe, war ich schon vorher am Standort und wurde außerdem
durch den Divisionsstab in Koblenz intensiv
eingewiesen. Mein Stellvertreter, Oberst Gustav Brand, führte
bis dahin den Aufstellungsstab. Mit ihm stand ich regelmäßig
in Verbindung, so dass er bereits im Dezember meine Absichten kannte
und umsetzen konnte.
Die Entscheidung, das neue Kommando in Bruchsal aufzustellen, wurde im Rahmen
des Stationierungskonzepts 2004 getroffen. Für den Südwesten Deutschlands,
also für Baden, bedeutet das eine Aufwertung, sowohl vom Umfang als auch
von der Dotierung. Dabei befinden wir uns mit dem Südwesten der Republik
in einer äußerst bundeswehrfreundlichen Region. Meine Mitarbeiter
und ich fühlen uns wohl und gut aufgehoben.
truppen.info: Umzug und Führungswechsel bringen immer
Verluste in Kontakten, insbesondere in denen nach außen. Wie
gestalten Sie Ihre Öffentlichkeitsarbeit?
Oberst Bernhard Liechtenauer: Seit
meinem Dienstantritt verfolge ich die Aufnahme neuer Kontakte in
der Region und im Bundesland sehr akribisch, um das Kommando
in der Region zu etablieren und bekannt
zu machen. Das ist das Schöne
und Spannende am Aufbau einer neuen Dienststelle.
Lokal und regional ansässige MdBs waren bereits unsere Gäste
ebenso wie der Regierungspräsident aus Karlsruhe. Ich stehe
in regelmäßigem
Kontakt mit dem Oberbürgermeister und dem Landrat. Außerdem
bin ich öfter mal außer Haus und vertrete das Heerestruppenkommando
bei verschiedenen öffentlichen Anlässen. Die Menschen
nehmen das gerne an, da wird sehr genau
registriert, dass man präsent
ist. Sie interessieren sich dafür, was „ihre“ Soldaten
auf dem Bruchsaler Eichelberg machen,
in welchen Einsatzländern
sie Dienst tun und wie ihre tägliche Arbeit aussieht. Aber
auch alte Kontakte gehen nicht verloren,
dafür ist die Welt
und die Bundeswehr zu klein geworden.
truppen.info: Während Koblenz zumindest in der Nord-Süd-Ausdehnung
der Bundesrepublik ungefähr auf der Mitte lag, haben Sie ihren
Dienstsitz künftig quasi in einer der Ecken. Ist das ein Nachteil?
Oberst Bernhard Liechtenauer: Der
Großteil unserer Verbände ist in Südwestdeutschland
stationiert. Unsere Standorte Bruchsal,
Sonthofen, Kusel und Hardheim haben Bestand
und Perspektive. Für
die Bundesländer Baden-Württemberg
und Rheinland-Pfalz bedeutet das einen
beachtlichen personellen Aufwuchs, wo
doch der Umbau der Streitkräfte
an anderen Stellen auch mit Auflösung verbunden ist. Damit
gewinnt die Region, und darüber freue ich mich.
truppen.info: Ihr Stab ist im Vergleich zu früher
kleiner. Viele Aufgaben, wenn man beispielsweise an die Distanzen
der Dienstaufsicht denkt,
bleiben unverändert. Können damit noch alle Aufgaben von
früher wahrgenommen werden?
Oberst Bernhard Liechtenauer: Der
personelle und materielle Umfang des Heerestruppenkommandos hat
sich mit dem Umbau von Division zu Brigade deutlich reduziert.
Aus ehemals 26.000 aktiven Soldaten wurden
ca. 3.500 Frauen und Männer in Uniform.
Die Distanzen zwischen den Standorten sind meist innerhalb von zwei Stunden
zu bewältigen. Dank moderner Informationstechnologie sind Entfernungen
außerdem nicht wirklich ein Problem.
Gleichzeitig umfasst das Kommando
nur noch drei von ehemals fünf
Truppengattungen. Die Aufgaben sind also in Vielfalt und Umfang
andere als zu „Koblenzer Zeiten“. Wir sind darauf optimiert,
die ABC-Abwehr- , die Artillerie- und die Flugabwehrtruppe für
deren Einsätze auszubilden, vorzubereiten und maßgeschneidert
in die Einsätze zu entsenden. Außerdem unterstützen
wir mit unseren Truppen die Übungstätigkeit im Heer; Auftragserfüllung
bleibt oberstes Gebot. Wenn es sein muss, werden auch mal Überstunden
gemacht, um das Pensum zu erfüllen. Ich habe festgestellt,
dass alle Männer und Frauen mitziehen und sehr professionell
ihren Auftrag umsetzen. Das ist richtig
klasse!
truppen.info: Gestatten Sie mir zum Abschluss eine persönliche
Frage:
Die Verwendung als Kommandeur der Heerestruppenbrigade
bringt für Sie
die Beförderung zum General. Was bedeutet das für Sie?
Oberst Bernhard Liechtenauer: Naja,
da ist schon viel Freude dabei, Freude an der Aufgabe und auch Freude
auf den Dienstgrad. Das ist doch völlig normal.
Auf keinen Fall heißt es aber, sich zurückzulehnen und auszuruhen.
Vor dem „goldenen Stern“ liegen arbeitsintensive Dienstjahre. Ohne
Fleiß geht gar nichts. Doch ich habe immer große Freude gehabt
an meinem Beruf, ich arbeite gerne.
Mit dem Dienstgrad steigt auch die Verantwortung gegenüber Frauen und
Männern, die ihren Vorgesetzten sehr genau beobachten. Und auch der Dienstherr
hat einen Anspruch auf Topleistung. Insgesamt bedeuten Aufgabe und Dienstgrad
eine besondere Verpflichtung und Verantwortung im Umgang mit den vielen anvertrauten
Menschen.
(Das Gespräch führte Uwe Zeitter)