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 Alles neu macht das Heer
 Einsätze, Transformation und ein bißchen Geburtstag
Grund zum Feiern: Großer Zapfenstreich zum 50. Geburtstag des Panzeraufklärungslehrbataillons 3.
Fotos: Zeitter
Itzehoe/Lüneburg (uz) [29.06.06]. Der große Zapfenstreich, man könnte etwas flapsig sagen, dass er das Feierlichste sei, was die Bundeswehr zu bieten hat, steht in diesem Jahr öfter als sonst auf den Dienstplänen. Das höchste Zeremoniell der Bundeswehr stammt aus dem 19. Jahrhundert. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. führte das stille Gebet, so wie das Blasen eines Militärliedes, beeindruckt vom Handeln der Soldaten aus Russland, Österreich und Schweden während der Befreiungskriege, ein. Zahlreiche Verbände der Bundeswehr erinnern in diesem Jahr mit einem Großen Zapfenstreich an ihre Gründung vor 50 Jahren. Einer davon ist das Panzeraufklärungslehrbataillon 3 in Lüneburg, das seinen Geburtstag in dieser Woche feierte.
Doch ob den Soldaten in diesen Tagen wirklich zum Feiern zu Mute ist, bleibt dahingestellt: In der 50jährigen Geschichte des Heeres in der Bundesrepublik Deutschland nehmen die Soldaten immerhin schon die achte Umstrukturierung hin. Das ist auch in Lüneburg so, zwischen den Programmpunkten demonstrieren die Soldaten den Wandel von historischen Husaren hoch zu Roß zum modernen Aufklärungsfahrzeug Fennek. Auch dabei werden die Aufklärer nicht stehen bleiben. "Der Namenswechel vom Panzeraufklärungslehrbataillon 3 zum Aufklärungslehrbataillon 3 ist noch das einfachst, was in den nächsten Jahren auf uns zu kommt", scherzt der Kommandeur, Oberstleutnant Henning Stahlschmidt vor den geladenen Gästen. Die Umstrukturierung bringt seinem Verband Humint- und Drohnenkräfte als neue Komponenten.
Immer kürzer werden die Zeiträume und vor allem immer kleiner wird der Personalrahmen in dem sich die Teilstreitkraft, die inzwischen ein Organisationsbereich wurde, bewegt.
In der Stadt willkommen: Flaggenabordnung vor dem Lüneburger Rathaus.
Viele Verbände verschwinden zur Zeit aus den Stationierungsübersichten, auch Divisionen, wie zum Beispiel die 7. Panzerdivision in Düsseldorf, bleiben davor nicht bewahrt. Noch im Jahr 1994 erklärte der damalige Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Hartmut Bagger, zur starken Reduzierung der Infanteriekräfte, das Heer sei nicht in der Lage sich ein „Traditionsstück“ wie die Jägertruppe zu erhalten. Damals kam das „Aus“ für die meisten Jägerverbände und zahlreiche Luftlandeeinheiten. Die NATO fordere von der Bundeswehr insbesondere technisierte und mechanisierte Verbände, wurde damals argumentiert. Zwölf Jahre Einsatzerfahrung auf dem Balkan und in Afghanistan brachten eine andere Erfahrung: Eine gute Mischung zwischen infanteristischen und mechanisierten Fähigkeiten sind gefordert. Vom „show of force“ mit schweren Kampfpanzern bis zur Überwachung der Bergregionen im Kosovo oder in Afghanistan reicht das aktuelle Spektrum der Bundeswehr. Fallschirmjäger oder Gebirgsjäger sind in den Einsatzgebieten gefragter denn je und der Schutz und die Überwachung von abgelegenen Regionen ist mit schwerem Gerät kaum zu bewältigen. Der Dienst der Soldaten ist zunehmend durch den Einsatz bestimmt und das beginnt zunehmend bereits in der Allgemeinen Grundausbildung.
Glückwünsche an die firsch vereidigten Rekrutene: Oberstleunant Henning Stahlschmit und Ullrich Mädge.
Die aktuelle Strukturplanung zieht daraus eine Konsequenz. Sie gliedert das Heer in drei Bereiche: Unterstützungskräfte, Stabilisierungskräfte und Eingreifkräfte.
Den Unterstützungskräften obliegen die Aufgaben aus dem Bereich der Flugabwehr, des Pionierwesens, der ABC-Abwehr, der Heeresflieger und der Artillerie. Alles sind Kräfte, über die einst noch jeder Divisionskommandeur verfügen konnte.
Als „Eingreifdivision“ wird die 1. Panzerdivision in Hannover umgegliedert. Ihre beiden Brigaden werden über drei Panzerbataillone und zwei Panzergrenadierbataillone verfügen. Dazu kommen zwei weitere, spezialisierte Brigaden. Die Luftlandebrigade 26 und die Deutsch-Französische Brigade.
Die verbleibenden Divisionen verfügen dann über insgesamt fünf Brigaden mit fünf Infanteriebataillonen, acht mechanisierten Infanteriebataillonen (Panzergrenadiere) und drei Panzerbataillonen. Diese Divisionen werden geschlossen die Einsatzaufgaben wahrnehmen. Eine dieser Divisionen ist die 10. Panzerdivision in Sigmaringen, die zur Zeit damit beschäftigt ist, ihre Kontingente für die Einsatzphase im kommenden Jahr zusammenzustellen, aber zugleich auch noch den Einsatz, der erst zu Beginn des Jahres endete, nachzubereiten und Fähigkeiten des Gefechtsdienstes zu trainieren. Ein voller Terminkalender für die Soldaten und eine Herausforderung für die Führer. „Es ist eine Fiktion zu glauben, dass man sich bei der Neuausrichtung gewissermaßen eine „Auszeit“ nehmen könnte“, betont Generalmajor Markus Bentler, der im April 2006 das Kommando über die 10. Panzerdivision übernahm, im Interview mit truppen.info. Viele Beobachter beschreiben die aktuellen Transformationsaufträge als „Motorwechsel im laufenden Betrieb“. Für die Führer der betroffenen Verbände, und das sind so gut wie alle, eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Mit Blick auf die vielen zusätzlichen Termine, die seine Männer und Frauen jährlich absolvieren, ergänzt General Bentler: „Konzentration auf das Wesentliche tut Not!“
Boxer und Puma sind die beiden Großprojekte, die der Bundeswehr die Einsätze erleichtern sollen.
Fotos: Kraus-Maffei Wegmann
Die Personalabstellung zu den Einsätzen sowie in die schnellen Eingreiftruppen der NATO und der EU bereiten den Führern des Heeres zunehmend Mühe. Die Zahl der Einsätze nimmt ebenso rapide zu, wie die Einsatzphasen, die jeder einzelne Soldat bereits zu absolvieren hatte. Den aktuellsten Einsatz im Kongo bezeichnen nicht nur Kritiker als den am schlechtesten vorbereiteten Einsatz der Bundeswehrgeschichte.
Die Erhaltung aller Möglichkeiten, vom Gefecht bis zum „Peace Keeping“ stehen auf dem Aufgabenblatt des Deutschen Heeres. Die Transformation ist, wie bei allen anderen Organisationsbereichen auch, auch mit einer gewissen Belastung für die Hausmittel zur Modernisierung der Ausrüstung verbunden.
Diese Modernisierung beginnt bei den Führungsmitteln der Bundeswehr: Ab dem kommenden Jahr soll das Heer in ersten Bereichen mit Soft- und Hardware des neuen „Führungs- und Informationssystem des Heeres“ (FüInfoSysH) ausgestattet werden. Ein neues Bild wird sich dann in den Operationszentralen zeichnen. Lagetafeln und Feldfernsprecher weichen dann modernen Laptops mit Headset. Die komplette Ausstattung ist mobiler, schneller und, so wird behauptet, hervorragend mit den Systemen der Partnerarmeen kompatibel.

Unter der Sonne Afghanistans: Für das Heer längst keine neue Erfahrung. Foto: PIZ ISAF
Eine Lücke wird auch im Aufgabenfeld der Heeresflieger geschlossen. Mit der Einführung des Kampfhubschraubers „Tiger“ werden neue Kampfmöglichkeiten geschaffen. Zusätzlich werden die Leichten Transporthubschrauber vom Typ „Bell UH 1 D“ aus dem Bestand der Bundeswehr ausgemustert und durch den „NH 90“ ersetzt. Die inzwischen ebenfalls in die Jahre gekommenen Mittleren Transporthubschrauber vom Typ „Sikorsky CH 53 G“ werden in ihrer Nutzungszeit verlängert.
Leichter, beweglicher und geschützter wird auch der Fuhrpark des Heeres. Die im Einsatz bereits bewährten Fahrzeuge wie „Dingo“ und „Hägglund“ werden modifiziert und ergänzt. Ebenfalls bewährt ist inzwischen der „Duro“, der in erster Linie als Truppentransporter mit leichter Panzerung dient. Panzerung ist dabei wohl das Hauptstichwort neben der Tatsache, dass für die Einsatzfahrzeuge vermehrt Reifen statt Ketten aufgezogen werden.
Mit dem neuen Kampfpanzer „Puma“ erhält das Heer eine Alternative zum Schützenpanzer „Marder“. Drei Mann als Stammbesetzung und die Möglichkeit sechs weitere Soldaten aufzunehmen, machen das 70 Stundenkilometer schnelle Gefährt zu einem optimalen Fahrzeug für die Auslandseinsätze. Bleibt ein Manko, für den Transport in die Einsatzregionen mußten die Konstrukteure die Vorgaben des neuen Transportflugzeugs Airbus A 400 M berücksichtigen. Insbesondere das Gewicht stellte die Macher dabei vor Probleme. Bereits hier galt es, erste Kompromisse zu schließen. Neu ist beim Puma, dass der Turm unbesetzt bleibt. Die Bewaffnung läßt sich aus dem Kampfraum bedienen.
Für weniger martialische Aufgaben ist die Einführung eines gepanzerten Fahrzeugs geplant, das auf den Namen „Boxer“ hören wird. Mit einer großen Möglichkeit zur Nutzlastbeförderung wird das Radfahrzeug ab 2008 zunächst als Truppentransporter, später auch als Führungs- und Sanitätsfahrzeug beschafft.
Ein weiteres „Tier“ hat mit dem „Fennek“ das Deutsche Heer erreicht. Das nach einem Wüstenfuchs benannte Aufklärungsfahrzeug ist nur eine von vielen neuen Aufklärungs- und Überwachungsmöglichkeiten der Bundeswehr.
Ergänzt wird auch die persönliche Ausstattung der Soldaten selbst, insbesondere die Kommunikationsfähigkeit wird ausgebaut. Für den IDZ, den Infanteristen der Zukunft, bedeutet dies allerdings auch eine Menge zusätzliches Gewicht am Körper.
Sicherlich keine langweilige Laufbahn liegt vor diesen jungen Leutnanten.
Doch nicht nur die Bundeswehr muss sich mit den Reformen auseinander setzen. Auch die Städte und Gemeinde, die Kasernen beherrbergen, haben zu tun. So läßt es sich auch der Oberbürgermeister der Stadt Lüneburg, Ullrich Mädge, nicht nehmen, das Problem der Konversion anzusprechen. Zwei ehemalige Kasernengelände werden in seiner Stadt bereits zivil genutzt. Mädge, der früher selbst in Lüneburg Soldat war, versprach den Soldaten den Rückhalt der Stadt und erinnerte daran, dass die Bundeswehr der Stadt an der früheren deutsch-deutschen Grenze ein Gefühl der Sicherheit gab. Aber auch die Einsätze der Bundeswehr bei Katastrophen, zuletzt beim Hochwasser der Elbe in diesem Jahr, führte er an. Die Soldaten, die bei diesem Hochwassereinsatz halfen, legten an diesem Abend ihr feierliches Gelöbnis ab. Sie und auch ihre Nachfolger, so versprach der Oberbürgermeister, werden in der Stadt einen festen Platz haben und auch Unterstützung falls es einmal um den Erhalt des Standorts gehen sollte.
 „Konzentration auf das Wesentliche tut Not!“ - Interview mit Generalmajor Bentler
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