truppen.info: Heer: Interview mit dem stellvertretenden Kommandeur der 10. Panzerdivision
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 „Man müsste noch mal 40 und Bataillonskommandeur sein“
 Brigadegeneral a.D. Wolfgang Kopp im Gespräch mit truppen.info
Itzehoe/Sigmaringen (uz) [02.11.06]. Nach 41 Jahren Dienstzeit wurde Brigadegeneral Wolfgang Kopp in der vergangenen Woche in Sigmaringen von den Soldaten der 10. Panzerdivision in den Ruhestand verabschiedet. Seit dem 1. November ist er offiziell Pensionär. Er werde die Bundeswehr weiterhin beobachten, sich aber keinen ausklappbaren Terminkalender kaufen, um alle Termine unterbringen zu können. So blickt Wolfgang Kopp auf den neuen Lebensabschnitt.
Im truppen.info Interview spricht er über Dienstgrad, die Zukunft „seiner“ Panzertruppe und die Situation auf den Balkan:
Abschied aus dem aktiven Dienst: Brigadegeneral Wolfgang Kopp verläßt die Bundeswehr.
Herr General, gestatten sie mir zu Beginn, dass ich sie um einen Ausflug in Ihre Kindheit bitte: Gehörte es zu ihren Kindheitsträumen, General zu werden oder wann reifte der Entschluss zu einer militärischen Karriere?
Ein Kindheitstraum war es sicher nicht, da will man eher Lokführer oder ähnliches werden. Der Entschluss, bei der Bundeswehr zu bleiben, reifte in meiner Zeit als SaZ-2 (SaZ = Soldat auf Zeit, Anm. d. Red.), als ich Leutnant in der Panzertruppe wurde, wegen der Attraktivität dieser Truppengattung.
Sie wurden im Prinzip zweimal General, was bedeutet es für sie General geworden zu sein?
Sie spielen mit dem „zweimal General geworden“ auf den Temporary Rank (TR) in meinem Einsatz in Bosnien an. In der Tat habe ich zweimal einen Dienstgrad aus diesem Grund zurück gegeben, zuletzt als Generalmajor (TR) nach dem KFOR-Einsatz. Tatsächlich wurde ich einmal - ich will mal sagen - richtiger General. Die Frage, was es für mich bedeutet, ist schwer zu beantworten. Natürlich bin ich persönlich zufrieden, diesen Dienstgrad erreicht zu haben. Natürlich bedeutet es, wie jede Beförderung, ein Mehr an Verantwortung, aber das ist eine Edelbinse. Für mich kam es in erster Linie darauf an, mit der „Wucht“, die dieser Dienstgrad verleiht, dosiert und vorsichtig umzugehen und auf dem Teppich zu bleiben. Ob dies gelungen ist, müssen andere beurteilen.
Herr General, sie sprechen fließend Französisch und haben einige Verwendungen im internationalen Bereich hinter sich. Darunter auch Auslandseinsätze, die deutlich über die normale Stehzeit der Soldaten hinausging, zuletzt auf dem Balkan. Wo sehen sie Handlungsbedarf in der Abstimmung zwischen den Streitkräften der europäischen Staaten, insbesondere mit Blick auf das Engagement in Auslandseinsätzen? Wie sehen persönlich das Aufwachsen einer EU-Truppe?
Fließendes Französisch ist es sicher nicht, aber der militärische Anteil ist ganz ordentlich. Eine einheitliche EU-Armee sehe ich aufgrund der Vielfalt der Militärkulturen in Europa nicht. Dafür sind die Unterschiede zu groß. Aber dies gilt nicht nur für die Streitkräfte und ist auch nicht weiter tragisch. Die Fähigkeit zur Kooperation unter Nutzung der jeweiligen Stärken des oder der Partner ist das, worauf es ankommt. In Stäben ist diese Zusammenarbeit relativ leicht, sofern man sich auf eine Sprache, meist Englisch, einigen kann. Anders ist es in der Truppe, in Verbänden und Einheiten. Hier kommt es auf entschlossene, schnelle Handlungsfähigkeit in Krisenlagen und die Fähigkeit auch zu komplexen Operationen an. Die Sprachkenntnisse auf unterer Ebene setzen damit eine deutliche Grenze. Unterhalb der Ebene eines Bataillons wird es in der Zusammenarbeit sehr schwer und bereits innerhalb einer Brigade ist allem, was auf gegenseitige Unterstützung zielt, eine deutliche Grenze mit Blick auf robuste Operationen gesetzt.
Die 10. Panzerdivision, der stellvertretender Kommandeur sie in ihrer letzten Verwendung waren, hatte immer eine besonders enge Verbindung zu den französischen Streitkräfte, sei es durch die Stationierung im Südwesten der Republik, die langjährige Führung der Deutsch-Französischen Brigade, die Zuordnung zum Eurokorps, die frühere Patenschaft zur 1. Französischen Panzerdivision oder die gemeinsame Aufstellung einer Brigade im SFOR-Einsatz. Wie haben sie dieses multinationale Wachsen der Bundeswehr (mit-) erlebt?
Ja, ich durfte viel erleben. Es begann mit dem deutsch-französische Wettkampf „Challenge“ der Panzerbrigade 29 mit der französischen Division in Freiburg, ging über die dreijährige Zeit als Chef des Stabes in der Aufstellung der Deutsch-Französischen Brigade, die 4 Jahre im Eurokorps, den Einsatz als Chef des Stabes der Multinationalen Division Südost in Mostar bis hin zuletzt als stellvertretender Kommandeur der KFOR. Die multinationale Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten war ja bereits im Kalten Krieg sehr intensiv und ist von daher nicht neu. Ich bin nicht nur gebürtiger Schwabe sondern auch militärisch gesehen hier im Südwesten aufgewachsen und habe von Anfang an diese Zusammenarbeit erlebt. Französisch und vor allem auch Englisch waren die Sprachen schon in meiner Schulzeit. Von daher fiel es mir von Anfang an leicht, Kontakte herzustellen. Durch die Öffnung des Eisernen Vorhangs und die Beteiligung der Bundeswehr an internationalen Einsätzen hat sich der Horizont noch erweitert. Der Höhepunkt war für mich in der Tat der Einsatz als stellvertretender Kommandeur der KFOR mit über 30 Nationen im Kosovo. Ich war sehr beeindruckt, dort zu erleben, wie sich jede Nation in die gemeinsame Operation auf ihre Weise positiv eingebracht und zum Erfolg beigetragen hat.
Rund 1 Jahr waren sie zuletzt im KFOR-Einsatz. Eine politische Lösung für die Provinz Kosovo läßt auf sich warten. Nach den Übergriffen im Jahr 2004 nahm selbst Bischof Artemije, der Bischof der Eparchie Raska-Prizren, die Soldaten in Schutz. Sie würden von der Politik mit ihrem Mandat im Stich gelassen, sagte er, obwohl bei den Unruhen auch unter anderem die Kathedrale in Prizren, sein Amtssitz, zerstört wurde. Viele beklagen die mangelnde „ad hoc-Handlungsfähigkeit“ bei der aktuellen Truppenstärke. Hatten sie dieses Gefühl während Ihres Einsatzes ebenso und wie sehen sie die Zukunft die KFOR-Truppe und der Region?
Die Ereignisse im März 2004 habe ich nicht vor Ort erlebt. Daher verbietet sich eine Bewertung. Das Team um General de Kermabon hat im September 2004 das Erbe dieses Konflikts übernommen. Wir haben durch eine erhebliche Intensivierung der Zusammenarbeit mit UNMIK und der UNMIK-Polizei in den Feldern der Nachrichtengewinnung und des Nachrichtenaustauschs, im Bereich der Operationsplanung, beginnend bei gemeinsamen Planübungen bis hin zur Vorbereitung der gemeinsamen Verteidigung wichtiger Objekte, und gemeinsamer Informationsoperationen, als NATO-Hauptquartier alles getan, um die Lage stabil zu halten und die Gegenseite davon zu überzeugen, dass wir gut aufgestellt sind. Dies ist zu unserer Zeit zwischen August 2004 und August 2005 gelungen, und ich habe keinen Anlass daran zu zweifeln, dass sich dies fortsetzt. Die neue Struktur der KFOR gibt in Verbindung mit den Reserven hinter dem Horizont genügend operativen Spielraum, um Krisen zu bewältigen. Die Rules of Engagement der NATO sind ausreichend robust. In Deutschland muss man sicher noch nachdenken, welche Konsequenzen für das nationale Mandat mit Blick auf die Tatsache zu ziehen sind, dass die größte Gefahr für die Stabilität aus gewalttätigen Übergriffen einer Menschenmenge auf serbische Heiligtümer entstehen kann, die allein mit den sogenannten Crowd-Riot-Control-Maßnahmen nicht aufzufangen sind. Hier entsprechen die Eingreifbefugnisse anderer Nationen deutlich besser dem Risiko, was den Schutz dieser Einrichtungen notfalls mit der Waffe angeht. Was die Zukunft der Region betrifft, so wird viel davon abhängen, ob die Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina, die Herr Ahtisaari leitet, einerseits der albanischen Mehrheit im Kosovo die Aussicht auf Unabhängigkeit und andererseits den Minderheiten, besonders den Serben, ausreichende Sicherheit bringen. Dies ist eine Gratwanderung, die, bei unbefriedigendem Ausgang, erhebliche Risiken für die Lage im Kosovo in sich birgt. Vor allem die albanische Seite, die sich derzeit an der Oberfläche ruhig und konstruktiv zeigt, erwartet ein deutliches Signal in Richtung der Unabhängigkeit. Aber ich bin – auch in persönlicher Kenntnis der verantwortlichen Personen - sicher, dass KFOR und UNMIK die Entwicklung der Lage sorgfältig beobachten und angemessene Maßnahmen treffen.
Sie sind Angehöriger der Panzertruppe. Das aktuelle Einsatzspektrum fordert von der Bundeswehr mehr infanteristische Kräfte und leichte, gepanzerte Fahrzeuge. Droht dem Kampfpanzer Leopard 2 aus ihrer Sicht ein Verschwinden in die Depots beziehungsweise wo sehen sie die Zukunft der Panzertruppe?
Wenn ich die Konflikte der jüngsten Vergangenheit beobachte, sehe ich einerseits eine immer intensivere Erkenntnis der Bedeutung des Faktors Schutz und andererseits das Risiko, dass Konflikte sich nicht dauerhaft nur im unteren Bereich der Intensität abspielen. Schutz heißt Panzerung und verlangt entsprechende Fahrzeuge und Plattformen, die dann auch für robustere Konflikte taugen. In robusteren Konflikten entscheiden aber noch immer mechanisierte Truppen das Gefecht. Von daher sehe ich zwar die Zukunft des Leo 2 zeitlich relativ begrenzt, sehe aber die dringende Notwendigkeit, sich konzeptionell mit mechanisierten Operationen mehr als bisher auseinander zu setzen. Dies gilt vor allem für den Umfang und die Anzahl an Waffensystemen in gepanzerten Verbänden und Großverbänden. Auch in der Entwicklung neuer Waffensysteme sollte die operative Bedeutung der Panzertruppe besser berücksichtigt werden. Wir brauchen dringend einen leichteren und moderneren Nachfolger für den Leo 2. Die derzeitige, auch strukturelle Überbetonung der leichten und luftbeweglichen Kräfte sehe ich sehr skeptisch, aber das kann auch durch mein Alter bedingt sein.
Personalreduzierungen, zunehmende Einsätze, schrumpfende Haushalte und eine fortwährende Diskussion über die Wehrpflicht. Mit welchen Gedanken verlassen sie die Bundeswehr, sorgt vielleicht sogar einer dieser Punkte für ein Gefühl, dass es nun „Zeit wird damit nichts mehr zu tun zu haben“?
Ganz so sehe ich das nicht, aber die aktive Zeit ist definitiv vorüber. 41 Jahre gehen aber nicht spurlos vorbei. Ich werde natürlich die Entwicklungen der Bundeswehr weiter verfolgen, aber ich werde mir verkneifen, Ratschläge zu geben, ohne dazu aufgefordert zu werden. Wenn meine knapp zweijährigen Erfahrungen auf dem Balkan, noch gefragt sein sollten, so stehe ich, auch vor Ort, zur Verfügung. Vielleicht gibt es ja die eine oder andere Aufgabe, auch in zivilen Organisationen.
Herr General, sie gehören, wenn sie mir diese Bezeichnung erlauben, zu den Kommandeuren „alten Schlags“: geradlinig, standfest, mit einer festen Meinung, die sie bei passender Gelegenheit auch gerne deutlich sagen, und dem Auftreten eines militärischen Vorbilds. In den vergangenen Jahren hat sich, nach meiner Wahrnehmung, eher der Kommandeur vom Typ „Kumpel“ etabliert. Welchen Eindruck haben Sie von der heranwachsenden Kommandeursgeneration?
Die Frage unterstellt, dass der alte Schlag nicht Kumpel gewesen sei und die neue Generation nicht die Standhaftigkeit des alten Schlages habe. Das stimmt so nicht. In der Tat sind aber Begriffe wie Teamfähigkeit und Kameradschaft vor dem Hintergrund der Einsätze wieder in den Vordergrund getreten. Auch die Vielfalt der Aufträge und der ständige Wechsel zwischen Einsatz und den Forderungen im Inland zwischen den Einsätzen bestimmen das Führungsverhalten der Kommandeure. Die jüngeren Herren haben eine viel schwierigere Aufgabe, als wir sie in der Zeit als Bataillonskommandeure hatten, und sie werden dieser Aufgabe genau so gut oder fast besser gerecht. Eine andere Frage war schon immer, ob man den Mut hatte, auch unbequeme Wahrheiten zu sagen. Da gab es schon immer Unterschiede in den Persönlichkeitsstrukturen. Für mich kommt es am Ende einer Karriere, dann, wenn man vor dem Spiegel steht, auf die Reihenfolge der Blickrichtung an. Sie geht zuerst in die Augen und dann – wenn überhaupt - auf die Schulter. Wenn man mit dem Blick in die Augen vom Ergebnis her zufrieden sein kann, hat man es richtig gemacht. Die jungen Kommandeure werden es schon machen.
Wenn sie an den Beginn ihrer Dienstzeit denken, wo liegen in der täglichen Auftragserfüllung die größten Unterschiede zwischen „damals“ und heute?
Wie gesagt: Die Vielfalt der Aufgaben mit Blick auf Einsätze und die Zeit zwischen den Einsätzen ist sehr viel größer als früher und die größte Herausforderung dabei ist, die Menschen „mit zu nehmen“. Man müsste noch mal 40 und Bataillonskommandeur sein.
Sie haben die Bundeswehr in die Pension verlassen, welche Vorstellung haben sie von ihrem neuen Lebensabschnitt – wird es eher ein Ruhestand oder ein Unruhestand?
Ich werde den Ruhestand in Ruhe angehen. Glücklicherweise beginnt der Ruhestand in der ruhigen Zeit. Ich hoffe nicht, dass es ein Unruhestand wird. Jedenfalls werde ich es mir verkneifen, mir einen ausklappbaren Taschenkalender zuzulegen, nur um Termine unterzubringen.
Viele Soldaten, die wie sie eine lange Zeit in den Einsatzgebieten verbracht haben, finden eine „Anschlußverwendungen“ im zivilen Bereich, bei Hilfsorganisationen, der UN oder ähnlichen Institutionen. – Könnten auch sie sich ein Engagement ohne Fleckentarn in diesen Regionen vorstellen?
Ja, das kann ich mir auf dem Balkan und vor allem im Kosovo gut vorstellen, sofern es eine Position ist, aus der heraus etwas für die Menschen im Land und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen getan werden kann.
Welches Geheimrezept würden Sie einem jungen Offizieranwärter für den Weg zum General mitgeben?
Es ist wie im Tennis, das ich gerne spiele: Es geht immer darum, den nächsten Punkt solide auszuspielen und für sich zu gewinnen. Gewinnt man dann den Satz und am Ende auch noch das Match ist es ok. Aber das ist nicht planbar. Man muss versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Krisen und Fehlschläge gehören dazu. Man muss in jeder Phase sich selber und seiner Linie treu bleiben und sich selbst auch immer wieder motivieren können. Anders als im Tennis sollte man im Team wirken, durchaus auch das Team führen können und auch führen wollen. Und das Wichtigste ist es, Menschen zu begegnen, sie zu überzeugen und „mit zu nehmen“.
Das Gespräch führte Uwe Zeitter,
Fotos: Mirko Martzloff, 10. Panzerdivision -PIZ-
 
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