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„Krieg in Deutschland?“ |
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Jung: Terrorangriff = Verteidigungsfall / Auslandseinsätze: „Blut
für Öl?“ |
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Berlin/Warnemünde (lb) [12.05.06]
Die Bundeswehr soll künftig auch bei
Terrorangriffen auf die Bundesrepublik Deutschland im Inland eingesetzt
werden können, das jedenfalls will Verteidigungsminister Franz
Josef Jung (CDU). Bei der Marine in Warnemünde bestätigte
er heute entsprechende Presseberichte, wonach im geplanten „Weißbuch“ seines
Ministeriums im Fall eines Terroranschlages der Verteidigungsfall
ausgerufen werden soll. Der Koalitionspartner hält davon allerdings
nichts. SPD-Verteidigungspolitiker Jörn Thießen ist das „zu
weit gesprungen“, gegenüber truppen.info erklärte
er: „Das wäre mit erheblichen Konsequenzen verbunden, das
halte ich für falsch.“ Einigkeit
dagegen in der Großen Koalition beim zweiten heiklen Thema: der
Einsatz deutscher Soldaten im Ausland richtet sich künftig nach „nationalen
Interessen“, und zwar ausdrücklich auch wirtschaftlichen
Interessen wie etwa der Rohstoffversorgung mit Öl. |
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Die Bundeswehr auf neuem Kurs? |
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Während des ersten Irak-Krieges
schwangen deutsche Friedensaktivisten Fahnen mit der Aufschrift „Kein
Blut für Öl“. Für die Bundeswehr war das damals
noch kein Thema. Unter den veränderten außen- und sicherheitspolitischen
Rahmenbedingungen definiert Verteidigungsminister Jung nach Angaben der
Zeitung „Die Welt“ nun erstmals seit Bestehen der Bundeswehr
entsprechende Rahmenbedingungen für bewaffnete Einsätze deutscher
Soldaten im Ausland. Ein entsprechendes Weißbuch war unter der
rot-grünen Vorgängerregierung immer am Widerstand der Grünen
gescheitert. |
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Vorrangige
Interessen seien, so Minister Jung nun, die Förderung der transatlantischen
Stabilität und die Sicherung des Wohlstandes durch freien und ungehinderten
Welthandel. „Hierbei gilt wegen der Export- und Rohstoffabhängigkeit
Deutschlands, sich besonders den Regionen, in denen kritische Rohstoffe
und Energieträger gefördert werden, zuzuwenden“, zitiert
die „Welt“ aus dem der Zeitung vorliegenden Weißbuch.
Der bevorstehende Bundeswehreinsatz im rohstoffreichen Kongo passt also
bereits voll ins neue Konzept. |
Die
dazu notwendigen Fähigkeiten der Bundeswehr sind auch bereits
klar umrissen:
35.000 Mann bilden die sogenannten Eingreifkräfte, mit dem Auftrag „friedenserzwingende
Maßnahmen gegen einen vorwiegend militärisch organisierten Gegner
bei möglichst geringen eigenen Verlusten durchzusetzen und damit Voraussetzungen
für friedensstabilisierende Operationen zu schaffen“. Im Klartext:
Kampfeinsatz. Eigene Tote eingeschlossen. 70.000 Mann sollen die Stabilisierungskräfte
umfassen, die den Eingreifkräften folgen und für eine längere
Zeit vor Ort sind. 147.500 Mann sollen schließlich als Unterstützungskräfte
den „Grundbetrieb“ organisieren. Summa summarum macht das eine Truppenstärke
von 252.500 Männern und Frauen.
Im Bereich der Unterstützungskräfte soll auch ausdrücklich die
Wehrpflicht ihren angestammten Platz behalten. Sie sichere „ein umfangreiches
Potential schnell verfügbarer Kräfte zum Schutz Deutschlands“,
heißt es. Und
der ist nach Überzeugung des Verteidigungsministers eben auch bei
Anschlägen von Terrorristen durch die Bundeswehr notwendig. |
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| Zu den bestehenden
Einsatzgebieten könnten noch weitere kommen. |
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„Infolge
der neuartigen Qualität des internationalen Terrorismus sind heute
Anschläge
Realität geworden, die sich nach Art, Zielsetzung und Intensität mit
dem herkömmlichen Begriff des Verteidigungsfalls gleichsetzen lassen“,
zitiert die „Welt“ aus dem Weißbuch. Doch
mit genau diesem Begriff „Verteidigungsfall“ – und
seinen
Konsequenzen – hat die SPD als Koalitionspartner große Probleme. |
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Jörn Thießen (SPD) |
Denn
was ist Krieg? Laut „Brockhaus“ die „bewaffnete Auseinandersetzung
zwischen Staaten“. Das
Bundesverfassungsgericht hatte deshalb in seinem Urteil zum Luftsicherheitsgesetz
den Abschuss eines von Terroristen entführten
Passagierflugzeuges durch die Luftwaffe klar untersagt. Eine, gegebenenfalls
grundgesetzliche „Klarstellung“ ist deswegen auch für den SPD-Verteidigungsexperten
Jörn Thießen dringend erforderlich – das gelte ebenso für
die Sicherheit auf See, sagte er gegenüber truppen.info. Der
designierte
SPD-Vorsitzende Kurt Beck wandte sich gegenüber der „Allgemeinen Zeitung“ aus
Mainz wiederum gegen eine Grundgesetzänderung. |
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Allerdings schreibt auch
der „Brockhaus“ weiter: Die Definition des Begriffes 'Krieg’ sei „unschärfer
geworden“. Die Konsequenz für den Minister: „Die Bundeswehr
muss immer dann eingesetzt werden können, wenn nur sie über die erforderlichen
Fähigkeiten verfügt, um den Schutz der Bevölkerung oder kritischer
Infrastruktur zu gewährleisten.“ Nur wann dieser Zeitpunkt erreicht
wird, ist zwischen Verteidigungs- und Innenministerium, CDU und SPD, Regierung
und Opposition umstritten. Für die betroffenen Gewerkschaften, bei den Soldaten
der Bundeswehrverband und bei den Polizisten die GdP, birgt dies die Gefahr,
Soldaten könnten zu „Hilfspolizisten“ werden. |
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Neue Aufgaben sollen
Soldaten künftig, wenn nötig, auch gegenüber ziviler Luft- und Seefahrt erhalten.
Beim Besuch des Ministers in Warnemünde noch kein Thema. |
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Noch
ist jedoch nichts entschieden. Das Weißbuch befände sich
noch in der Ressortabstimmung mit anderen Bundesministerien, betonte
der Minister
heute beim Flottenbesuch in Warnemünde. Die „durchgesickerten“ Auszüge
sowie der gesamte Entwurf böten gleichwohl die überfällige Möglichkeit
einer breiten gesellschaftspolitischen Diskussion über Zweck und Auftrag
der deutschen Armee. (Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) hatte einen ähnlichen
Anlauf der „Weizsäcker-Kommission“ im Frühjahr 2000 unterbunden.)
Konkretere Aussagen wollte Minister Jung heute allerdings auch nicht machen.
Dabei spielt auch die veränderte und erweiterte Rolle der Seestreitkräfte
im Weißbuch-Entwurf eine wichtige Rolle. Sie soll künftig nicht mehr
nur vor den eigenen Küsten, sondern auch in größerer Entfernung
und unter konkreter Bedrohung vor fremden Küsten eingesetzt werden können.
Entsprechende Rüstungsvorhaben sind bereits realisiert, im Bau oder zumindest
in der konkreten Planung. Als weiterhin dringende Investitionen werden genannt:
das Transportflugzeug „A 400 M“, die Hubschrauber „Tiger“ und „NH
90“ sowie der Schützenpanzer „Puma“. Für Sparmaßnahmen
sei in diesem Zusammenhang kein Platz, „nur eine Finanzlinie, die reale
Einbußen ausgleicht, gewährleistet die Transformation der Bundeswehr“,
heißt es im Weißbuch, dass noch vor der parlamentarischen Sommerpause
endgültig vorgelegt werden soll.
Für den umstrittenen Einsatz innerhalb Deutschlands wäre die Bundeswehr
dagegen offenbar bereits heute gut gerüstet. „Gerade einsatzorientierte
Streitkräfte verfügen über Fähigkeiten, die bei Einsätzen
im Inland benötigt werden könnten.“ Dazu zählen zum Beispiel
ABC-Abwehrkräfte, Pioniere, Feldjäger, die Aufklärungstruppe,
das Sanitätswesen sowie die Luftrettung. Auch ohne Anschlag oder Katastrophe
wird die Bundeswehr zur Fußball-Weltmeisterschaft mit bis zu 7.000 Soldaten
diese Fähigkeiten im Inland anbieten. Auf die Frage, wem er bei der WM die
größten Chancen ausrechne, sagte der Verteidigungsminister vor wenigen
Tagen: „Natürlich Deutschland – aber wir müssen noch
unsere Verteidigung verbessern.“
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Eine entspannte Seefahrt gönnte sich Minister Jung in Warnemünde - die Diskussion über Sinn und Auftrag der Bundeswehr liegt noch vor ihm. |
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| [Text: Lars Bessel, Fotos: Uwe Zeitter (4), Marco
Pfohl (1)] |
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