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Ibrahim Rugova (1944-2006) studierte als Sohn einer vermögenden Kaufmannsfamilie zunächst
albanische Literatur, lebte viele Jahre in Paris, schrieb Gedichte und
wurde Professor. Über die schönen Künste fand der Vater dreier Kinder in
die Politik: Als er 1989 an die Spitze des Schriftstellerverbandes im
Kosovo gewählt wurde, entwickelte sich dieses Organ zur geistigen
Opposition gegen die Zentralregierung in Belgrad. Während des Krieges
bildete sich bereits im Exil eine albanische Regierung, deren Präsident Rugova wurde – und bis zu seinem Tod am vergangenen Sonnabend blieb. Für den
Diplomsozialwissenschaftler Jens Narten, wissenschaftlicher
Doktorand am Hamburger Institut für Friedensforschung und
Sicherheitspolitik und ausgewiesenen Kenner der Region, war Rugova
unstrittig eine Symbol- wie Integrationsfigur: Ein Symbol für den
gewaltfreien Widerstand und die Unabhängigkeit des Kosovos, eine
integrative Kraft zwischen den unterschiedlichen politischen Strömungen.
Wie es nach Rugovas Tod weitergeht, sei „momentan noch nicht
einzuschätzen“, erklärt Narten gegenüber truppen.info, „dafür ist es
noch zu früh“. Tatsache sei, das „System Rugova“ war voll auf dessen
Person zugeschnitten, ein „Thronfolger“ wurde, trotz des zu erwartenden
Krebstodes, nicht aufgebaut. Allerdings habe sich Rugovas Macht zuletzt
nur auf den repräsentativen Bereich beschränkt, für das tagespolitische
Geschäft waren schon länger andere verantwortlich. „Rugovas Position
wurde oftmals überschätzt“, lautet das knappe Urteil des Wissenschaftlers. Die vor Ort stationierten KFOR-Truppen und damit
auch die Bundeswehr haben die möglichen Auswirkungen auf die
Sicherheitslage im Kosovo zu analysieren. Doch auch dort lautet das
Urteil kurz und bündig: alles bleibe beim alten, die Lage stelle sich
unverändert dar, so Oberstleutnant Carsten Spiering vom
Einsatzführungskommando. Von der NATO in Pristina hört man dasselbe, „business“. Und auch bei
den Vereinten Nationen drängt man auf Kontinuität. Zwar wurde der Beginn
der Statusverhandlungen wegen der Trauerfeierlichkeiten auf Anfang
Februar verschoben, aber eben auch nicht länger. Wer an Rugovas Stelle
für die Kosovoalbaner nach Wien reisen wird, ist noch unklar, dass es
zunächst um die Fragen der „Dezentralisierung“ gehen soll, dagegen
nicht. Für Jens Narten vom IFSH ein Hinweis auf
den möglichen Verhandlungsverlauf und dessen Ergebnis: zunächst wird
geklärt, wie die serbischen Enklaven im mehrheitlich albanisch
besiedelten Kosovo geschützt werden können („Autonomie in der
Autonomie“), erst dann geht es um den Knackpunkt Völkerrechtsstatus.
Mittlerweile macht die Vokabel von der „konditionierten Unabhängigkeit“
die Runde, soll heißen: das Kosovo wird zwar unabhängig, gegebenenfalls
auch noch mit einem vorab vereinbarten zeitlichen Verzug, allerdings
werden gewisse Bereiche eingeschränkt. Dazu wiederum könnte eine noch
Jahre oder Jahrzehnte andauernde ausländische Truppenpräsenz gehören.
Mit einem Ergebnis rechnet Narten allerdings in diesem Jahr nicht mehr,
„das wird eher 2007“.
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