truppen.info: Beisetzung eines Symbols: Rugovas Tod ist für das Kosovo ein Verlust ...
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 Beisetzung eines Symbols
 Rugovas Tod ist für das Kosovo ein Verlust - aber kein Untergang
Pristina/Prizren/Hamburg [25.01.06]. In Velanija vor den Toren der Hauptstadt Pristina wird morgen ein Symbol begraben - der Leichnam von Präsident Ibrahim Rugova. Genau wie die „Märtyrer“ in den Gräbern neben ihm, hat auch Rugova sein Lebensziel nicht erreicht: er wird nicht in der Erde eines unabhängigen Kosovos beigesetzt, sondern – noch – auf serbischem Boden. Doch die Chancen stehen gut, dass diese „Statusfrage“ wohlmöglich noch in Jahresfrist geklärt werden kann – auch ohne die bisherige Galionsfigur. Die in Prizren stationierte Bundeswehr sieht für eine Veränderung ihrer „Lagebeurteilung“ derzeit jedenfalls keinen Anlass, heißt es auf Anfrage von truppen.info, und auch das renommierte Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) erwartet „keine Überraschungen“.
Ibrahim Rugova
Ibrahim Rugova
Ibrahim Rugova (1944-2006) studierte als Sohn einer vermögenden Kaufmannsfamilie zunächst albanische Literatur, lebte viele Jahre in Paris, schrieb Gedichte und wurde Professor. Über die schönen Künste fand der Vater dreier Kinder in die Politik: Als er 1989 an die Spitze des Schriftstellerverbandes im Kosovo gewählt wurde, entwickelte sich dieses Organ zur geistigen Opposition gegen die Zentralregierung in Belgrad. Während des Krieges bildete sich bereits im Exil eine albanische Regierung, deren Präsident Rugova wurde – und bis zu seinem Tod am vergangenen Sonnabend blieb. Für den Diplomsozialwissenschaftler Jens Narten, wissenschaftlicher Doktorand am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik und ausgewiesenen Kenner der Region, war Rugova unstrittig eine Symbol- wie Integrationsfigur: Ein Symbol für den gewaltfreien Widerstand und die Unabhängigkeit des Kosovos, eine integrative Kraft zwischen den unterschiedlichen politischen Strömungen. Wie es nach Rugovas Tod weitergeht, sei „momentan noch nicht einzuschätzen“, erklärt Narten gegenüber truppen.info, „dafür ist es noch zu früh“. Tatsache sei, das „System Rugova“ war voll auf dessen Person zugeschnitten, ein „Thronfolger“ wurde, trotz des zu erwartenden Krebstodes, nicht aufgebaut. Allerdings habe sich Rugovas Macht zuletzt nur auf den repräsentativen Bereich beschränkt, für das tagespolitische Geschäft waren schon länger andere verantwortlich. „Rugovas Position wurde oftmals überschätzt“, lautet das knappe Urteil des Wissenschaftlers. Die vor Ort stationierten KFOR-Truppen und damit auch die Bundeswehr haben die möglichen Auswirkungen auf die Sicherheitslage im Kosovo zu analysieren. Doch auch dort lautet das Urteil kurz und bündig: alles bleibe beim alten, die Lage stelle sich unverändert dar, so Oberstleutnant Carsten Spiering vom Einsatzführungskommando. Von der NATO in Pristina hört man dasselbe, „business“. Und auch bei den Vereinten Nationen drängt man auf Kontinuität. Zwar wurde der Beginn der Statusverhandlungen wegen der Trauerfeierlichkeiten auf Anfang Februar verschoben, aber eben auch nicht länger. Wer an Rugovas Stelle für die Kosovoalbaner nach Wien reisen wird, ist noch unklar, dass es zunächst um die Fragen der „Dezentralisierung“ gehen soll, dagegen nicht. Für Jens Narten vom IFSH ein Hinweis auf den möglichen Verhandlungsverlauf und dessen Ergebnis: zunächst wird geklärt, wie die serbischen Enklaven im mehrheitlich albanisch besiedelten Kosovo geschützt werden können („Autonomie in der Autonomie“), erst dann geht es um den Knackpunkt Völkerrechtsstatus. Mittlerweile macht die Vokabel von der „konditionierten Unabhängigkeit“ die Runde, soll heißen: das Kosovo wird zwar unabhängig, gegebenenfalls auch noch mit einem vorab vereinbarten zeitlichen Verzug, allerdings werden gewisse Bereiche eingeschränkt. Dazu wiederum könnte eine noch Jahre oder Jahrzehnte andauernde ausländische Truppenpräsenz gehören. Mit einem Ergebnis rechnet Narten allerdings in diesem Jahr nicht mehr, „das wird eher 2007“.

KFOR-Soldaten bei der Verteilung von Informationen zur Registrierung für die erste Präsidentschaftswahl im Kosovo (Foto: Uwe Zeitter)
 Unser Gesprächspartner
Jens Narten
Diplom-Sozialwissenschaftler
Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg
Forschungsschwerpunkte:
Menschenrechte, Zivilisierung, Internationale Organisationen, Systemanalyse, westlicher Balkan
Werdegang
Jens Narten studierte Politikwissenschaft, Sozialwissenschaften und Humanitäres Völkerrecht in Colorado/USA, Hannover, Bochum und Uppsala/Schweden mit den Abschlüssen BA (1997), Diplom Sozialwissenschaftler (1999) und MA Humanitarian Assistance (2000). Von 2001-2004 arbeitete er, sekundiert vom Auswärtigen Amt, in der OSZE-Mission im Kosovo als Senior Human Rights Officer und HR Training Co-ordinator. In Rahmen von Lehraufträgen leitete er wissenschaftliche Seminare an den Universitäten in Prishtina/Kosovo sowie in Hannover zu den Themen "Human Rights and International Organisations" und "Conflict Resolution: Applied Methods and Skills". Seit November 2004 ist er als Doktorand am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik/Zentrum für OSZE-Forschung in Hamburg tätig und erhielt dafür ein zweijähriges Forschungsstipendium der Deutschen Stiftung Friedensforschung.

Sprachen
deutsch, englisch, spanisch, albanisch

Aktuelles Projekt
Menschenrechte und die nachhaltige Zivilisierung von Konflikten. Eine systemanalytische Untersuchung internationaler Friedensbemühungen am Beispiel der UN-, OSZE- und EU-Missionen im Kosovo (Promotionsprojekt).
(Lars Bessel)
 
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