Deutsche
Soldaten zwischen Auftrag und Realität
ISAF kann zu
ihrer eigenen Verteidigung wie auch zum Schutz der
afghanischen Regierung und der Bevölkerung im Rahmen des
Unterstützungsauftrags Waffengewalt anwenden. ISAF ist
autorisiert, alle erforderlichen Maßnahmen einschließlich der
Anwendung militärischer Gewalt zu ergreifen, um den Auftrag
gemäß der Resolution des Sicherheitsrates durchzusetzen. Den
Soldaten der ISAF wird auch die Befugnis zur Wahrnehmung des
Rechts auf bewaffnete Nothilfe zugunsten Jedermann erteilt.
Das heißt im
Klartext: Außer zur Selbstverteidigung und Nothilfe sind der
ISAF-Truppe die Hände gebunden, wenn die Regierung oder ihre
Sicherheitsorgane wie Polizei oder Militär nicht handeln
wollen. Das klingt zunächst recht komfortabel, hat aber in der
Realität auch unangenehme Auswirkungen. „Wenn wir zum Beispiel
während unserer Patrouille in Feyzabad sehen, wie Polizisten
mit Zivilisten umgehen, sie schlagen oder schlimmeres, können
wir nichts dagegen tun. Das ist nicht gewollt“, berichtet
Oberfeldwebel K. aus dem PRT Feyzabad. „Wir können nur melden
und weiterfahren.“ Auch der Umgang der Afghanen mit Frauen in
der Öffentlichkeit belastet die deutschen Soldaten. „Wir
müssen akzeptieren, dass Frauen in Afghanistan nichts wert
sind. Man muss da wirklich abschalten und darf keine
westlichen Werte als Maßstab nehmen. Sonst zerbricht man
daran“, sagt uns ein Soldat aus Kunduz, der nicht genannt
werden möchte. Gleichwohl bestätigt er aber, dass die
Bevölkerung in Kabul da schon weiter ist. Während dort Frauen
ohne Burka schon fast zum normalen Straßenbild gehören sind im
Norden Afghanistans Frauen in der Öffentlichkeit ohne Burka
noch immer undenkbar.
Die
PRTs im Norden Afghanistans haben den Auftrag, den Einfluss
der Zentralregierung im Land zu stärken und sie beim Aufbau
der Sicherheitsstrukturen zu unterstützen. Denn im Norden
Afghanistans haben noch immer die so genannten Warlords das
Sagen – ehemalige Kommandeure der Nordallianz und
Drogenbarone, meist in Personalunion. Doch gerade von diesen
Kommandeuren ist die Sicherheit der deutschen Soldaten
abhängig. In Kunduz und Feyzabad werden die deutschen
Feldlager von afghanischen „Guards“, ehemaligen Soldaten der
Nordallianz, bewacht. Die ehemaligen Kommandeure der
Nordallianz (allgemein als „AMF – Afghan Military Forces“
bezeichnet) kooperieren bislang mit ISAF, weil sie sich davon
Vorteile versprechen. Die Situation kann sich aber schlagartig
ändern, wenn die Bundeswehr sich aktiv an „counter narcotics“,
dem Kampf gegen den Drogenanbau, beteiligen würde. „Man muss
wissen, dass die Geschichte Afghanistans eine Geschichte
ständig wechselnder Koalitionen ist“, sagt uns ein
Oberstleutnant, der als Landeskundler in Afghanistan war. „Es
wird immer die Koalition eingegangen, die gerade opportun ist.
Die Bundeswehr ist zurzeit Teil einer solchen“.
Dennoch: Seit
2001 hat Afghanistan Fortschritte gemacht. Das Taliban-Regime
wurde abgelöst, die ersten freien Präsidentschafts- und
Parlamentswahlen sind regulär und weitestgehend friedlich
verlaufen. Diese Wahlen seien ein überzeugender Beweis für die
Fortschritte in diesem Land gewesen, sagte
Verteidigungsminister Struck. „Die Geschichte von ISAF ist
eine Erfolgsgeschichte“, so Struck. Darauf könne Deutschland
stolz sein. Er betonte allerdings auch, dass die Bundeswehr
noch lange am Hindukusch bleiben werde. Damit geht die
Gratwanderung zwischen der Zusammenarbeit mit Warlords und
der Durchsetzung der Zentralgewalt Kabuls in eine neue Runde.
Jetzt soll
ISAF auf das ganze Land ausgeweitet werden – mit Ausnahme des
Südens. „Weil es dort noch zu unsicher ist“, heißt es
offiziell. Inoffiziell, weil sich dort die US-Amerikaner bei
ihren Operationen im Terrorkrieg nicht in die Karten schauen
lassen wollen…
(Torsten Rissmann)