truppen.info: Einsatz in Afghanistan
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 „Die Ehre ist wichtiger als das Leben“
 Erfolgreicher Afghanistan-Einsatz steht auf der Kippe
Katachel/Itzehoe [24.11.06]. Sybille Schnehage aus Bergfeld bei Gifhorn ist Entwicklungshelferin in Nord-Afghanistan, hochgeehrt und mit zahlreichen Auszeichnungen versehen. Für die Bundeswehr ist sie in Kunduz als lokale Beraterin tätig – und sehr zufrieden mit dem Engagement der deutschen Soldaten. Die Forderung der NATO, die Bundeswehr solle sich auch an Gefechten im Süden beteiligen, lehnt sie im Gespräch mit truppen.info strickt ab: die Amerikaner führten dort einen Krieg, der so nicht zu gewinnen sei – und daran dürften sich die Deutschen auf keinen Fall beteiligen.
Doch genau darum geht es der NATO derzeit, oder wenigstens einigen Mitgliedsstaaten, allen voran Amerikanern und Briten. Argumentiert wird mit einer militärischen Notwendigkeit, alle am Afghanistan-Einsatz beteiligten Armeen überall einsetzen zu können, unabhängig von den bislang gültigen Gebietsaufteilungen und Einschränkungen. Danach wird etwa die Bundeswehr ausschließlich in der Hauptstadt Kabul und im Norden des Landes eingesetzt. Die Rede ist dabei nur von den regulären ISAF-Truppen – die Angehörigen des Kommandos Spezialkräfte (KSK) kämpfen seit Anfang an Seite an Seite mit Amerikanern oder Briten überall im Land im Zuge der Operation „Enduring Freedom“ (sprich im „Kampf gegen den Terror“).
Vor allem afghanistanische Auszeichnungen für Ihre Arbeit geben Sybille Schnehage Kraft und Antrieb.
Foto: Katachel e.V.
Geht es nach der Bundesregierung, soll es gleichwohl bei der bisherigen Aufteilung bleiben. Verteidigungs- und Außenminister wiederholen das seit Monaten, doch eine absolut eindeutige und unmissverständliche Aussage blieb die Bundeskanzlerin in der dieser Woche in einem „Tagesthemen“-Interview dennoch schuldig. Für Sybille Schnehage wäre es „schade um die Menschenleben und das Geld“, erklärt sie gegenüber truppen.info, das Konzept gerade der Amerikaner im Süden sei zum Scheitern verurteilt.
Sybille Schnehage und Oberst Gerhard Brandstetter, derzeitiger Kommandeur PRT Kunduz, bei der Einweihung einer Schule.
Foto: Katachel e.V.
Mit ihrem kleinen Verein „Katachel“ organisiert Sybille Schnehage seit 1994 den zivilen Wiederaufbau in der Nord-Provinz Kunduz. Hunderte von Brunnen und Brücken wurden auf ihre Initiative hin gebaut, unzählige Straßenkilometer befestigt und mittlerweile sogar 22 komplette Schulen errichtet. Für ihren unermüdlichen Einsatz erhielt sie vor kurzem die höchste afghanische Auszeichnung, die Malalai-Medaille, sowie die Ehrendoktorwürde der Universität Kabul. Auch eine Einsatzmedaille der Bundeswehr gehört zu ihrer Sammlung - bevor die deutschen Soldaten nach Kunduz kamen, wurde auf Schnehages Terrasse im Örtchen Katachel bei Kunduz beratschlagt.
Der Weg, den die Bundeswehr eingeschlagen hat, um die Region zu befriedigen, ist aus Schnehages Sicht der einzig erfolgversprechende Weg – es gehe nicht um Kampfeinsätze, sondern um die Arbeit eines „bewaffneten technischen Hilfswerkes“.
Und diese Art des Einsatzes trage mittlerweile auch ihre Früchte, selbst ehemalige Taliban-Kommandeure suchten inzwischen das Gespräch mit den Bundeswehr-Kommandeuren. Ein Kampfeinsatz der Deutschen im Süden, wie von der NATO gefordert, würde das aufgebaute Vertrauen im Norden sofort wieder zerstören.
Dass Krieg in Afghanistan nicht zum Erfolg führt, haben die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte verschiedenen Nationen wie Großbritannien oder Russland immer wieder bewiesen. „Und die USA können ihre Truppenstärke jetzt auch verfünffachen und würden trotzdem scheitern“, so Schnehage. Die Afghanen, erst recht die Paschtunen im Süden, ließen sich lieber erschießen als ihre Ehre aufs Spiel zu setzen. Schließlich seien sie fest davon überzeugt, anschließend von ihren Landsleuten gerächt zu werden. „Mit militärischen Mitteln können sie nichts gegen die Blutrache ausrichten.“ Was bleibe sei nur ein riesiges Schlachtfeld.
Die Verluste gerade von Amerikanern und Briten im Süden sind in der Tat viel größer als etwa die der Deutschen in Afghanistan. Hinter den Kulissen wird das durchaus auch als Grund genannt, warum die NATO sich auch Bundeswehr-Soldaten im Süden wünscht – um die „Toten-Quote“ gleichmäßiger zu verteilen. Möglicherweise gibt es aber noch einen weiteren Grund: Nach Meinung von Sybille Schnehage droht zusehends eine Teilung des Landes – im Norden herrsche mehr und mehr Frieden, der Süden versinke im Chaos. Im Norden sind die Deutschen, im Süden Amerikaner und Briten. Und wer verliert schon gern allein …
Ändern werde sich an der Sicherheitslage in Süd-Afghanistan allerdings nur dann etwas, „wenn sich gerade die Amerikaner mehr zurückhalten“, so Schnehage, und auch dort das (Bundeswehr-) Konzept aus dem Norden endlich greife.
Die Bundeswehr genießt im Norden Afghanistans einen guten Ruf.
Foto: privat
Zunächst müssten mit Hilfe ehemaliger Taliban Kontakte in den südlichen Provinzen geknüpft werden, über die dann vorsichtig und vertrauensvoll eine Zusammenarbeit mit der NATO eingefädelt werden könnte. Hinzu kommen müsste mehr Geld für den Wiederaufbau, sprich die Entwicklungshilfe. „Mit dem Geld, was zehn Soldaten kosten, kann man eine ganze Schule bauen.“
(Lars Bessel)
„Keine deutschen Soldaten nach Südafghanistan!“
Katachel e.V.
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