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 Parlamentsarmee auf Irrwegen
 Skandale in Serie offenbaren Kontrolldefizite – nicht nur beim KSK
Berlin [20./25.10.2006]. Der bislang neueste Fall: Deutsche Soldaten sollen im Frühjahr 2003 in Afghanistan mindestens einen Toten geschändet haben, das berichtet die Bild-Zeitung und belegt dies mit makaberen Fotos. Unter anderem hält einer der Männer sein Geschlechtsteil an einen Totenschädel. Ein Aufschrei des Entsetzens im Verteidigungsministerium und weit darüber hinaus, Minister Jung hat eine sofortige Untersuchung angeordnet. Doch auch die Fälle Kurnaz und Belkacem offenbaren große Defizite bei der Einsatzvorbereitung und -durchführung. Wie wenig die internen Kontrollmechanismen greifen zeigt die Tatsache, dass Vorgesetzte wie Parlament in allen drei Fällen erst durch die Presse von den Skandalen erfuhren.
Fall 1: Eine ISAF-Patrouille unter Führung eines Feldwebels vermutlich aus der Gebirgsjägertruppe soll 2003 in der Nähe von Kabul auf ein vermeintliches Massengrab gestoßen sein.
Bild-Zeitung vom 25. Oktober 2006.
Mit einem der Schädel, so zeigen es die von „Bild“ veröffentlichten Fotos, ließen sich die Männer in verschiedenen abstoßenden Posituren ablichten. Unklar ist noch, ob es sich bei der geschändeten Leiche um einen Afghanen oder um einen während der Besatzungszeit gefallenen Russen handelt.
Fall 2: Die vom ehemaligen Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz erhobenen Foltervorwürfe gegen die Bundeswehr kommen vor einen eigenen Untersuchungsausschuss des Bundestages. Das Verteidigungsministerium musste einräumen, dass Bundeswehrangehörige im Jahr 2002 zumindest persönlichen Kontakt zu dem Deutsch-Türken in einem US-Gefangenenlager in Afghanistan hatten. Der „Stern“ hatte den Fall publik gemacht. Murat Kurnaz erklärte in einem Interview, er sei nicht nur von amerikanischen, sondern auch von deutschen Soldaten im südafghanischen Kandahar misshandelt worden. Angehörige vom Kommando Spezialkräfte (KSK) haben inzwischen einen persönlichen Kontakt bestätigt, nicht aber tätliche Übergriffe. Die Politik hat dennoch Zweifel, der Verteidigungsausschuss wird kurzerhand selbst zu einem – geheimen – Untersuchungsausschuss. Dabei geht es nicht nur um mögliche Fehler der Truppe vor Ort, sondern auch der militärischen Führung daheim. Es stellt sich nämlich die Frage, warum die politische Führung durch die Generalität im eigenen Hause nicht informiert wurde. Somit gebe es Zweifel, ob die Kontrolle der weitgehend geheim agierenden KSK-Truppe ausreichend funktioniert hat, inklusive der Frage, ob selbst die zugegebenen Wachaufgaben der Deutschen in einem amerikanischen Lager durch das Bundestagsmandat gedeckt waren. Auch hier gibt es bereits jetzt erhebliche Zweifel.
Fall 3: Im Jahr 2003 gaben sich deutsche Soldaten in Bosnien-Herzegowina als Journalisten aus und stellten nachrichtdienstliche Ermittlungen in Bezug auf den ebenfalls in Guantánamo festgehaltenen Bensayah Belkacem an. Nach internen Untersuchungen konkretisierten sich die Vorwürfe, mittlerweile liegt die Akte eines Zugführers bei der Staatsanwaltschaft. Der Fall Belkacem, Ende vergangenen Jahres aufgedeckt durch die „Tageschau“. Zwei deutsche SFOR-Soldaten sollen sich illegaler Weise in zivil als Journalisten ausgegeben haben, um an geheimdienstrelevante Informationen im Bereich Terrorismus zu gelangen. Ein eindeutiger Verstoß gegen die Dienstvorschriften und mit Blick auf die gefälschten Presseausweise auch ein Fall von Urkundenfälschung.
Welche Seiten der Spezial- und Einsatzkräfte liegen noch im Dunkeln?
Archiv-Bild: Zeitter
Intern ist die Angelegenheit im Prinzip klar, so ein Sprecher des Verteidigungsministeriums auf Anfrage von truppen.info – nun ist der Staatsanwalt am Zug. Nach erstem Entsetzen Anfang dieses Jahres, beschäftigt sich die Politik derzeit aber mit Fall 1 und 2. Tatsache bleibt: in allen drei Fällen fehlte offenbar die notwendige Dienstaufsicht, nicht nur beim KSK, sondern auch bei SFOR und ISAF – von parlamentarischer Kontrolle ganz zu schweigen.
Viele Fragen – kaum Antworten: Handelt es sich tatsächlich immer nur um verwirrte „Einzeltäter“? Was hat in der Vorausbildung gefehlt? Wieso hat die Dienstaufsicht im Einsatz offensichtlich versagt? Muss die Einsatznachbereitung intensiviert werden? Die politische wie die militärische Führung haben viel Arbeit noch vor sich.
(Lars Bessel)
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