truppen.info: Politik : Artikel : Folgen der Sozialreform
jüngste Beiträge
Aus den Einsätzen
Sicherheitspolitik
Wir suchen Ihre Fotos
Linkliste
Link eintragen
Laufbahnportraits
Der Weg zum Offizier
Der Weg zum Unteroffizier
Dienstgradabzeichen
truppen.info-Quiz
Spiele
Downloads
Buchtipps
Für Webmaster
 
MCKimme


 Folgen der Sozialreform
 Hartz IV stürzt Reservesoldat in Not
Merzig [02.05.05]. Der tapfere Reservist Ernst Zender (Name geändert) passt nicht ins Hartz-IV-System. Als Soldat muss er sich gegen Risiken versichern. Diese Kapital Anlage aber verwehrt ihm den Zugang zu Leistungen der Bundesagentur für Arbeit.

Von SZ-Redakteur Peter Wagner

Dieser Mann sei "eine Stilblüte", sagt der Experte von der Bundesagentur für Arbeit in Saarbrücken. Und muss als Nothelfer passen, denn die Arbeitsmarktgesetze und Sozialleistungsregeln, die man umgangssprachlich mit Hartz IV bezeichnet, seien "am grünen Tisch" gemacht worden und unverrückbar. Nicht aber von Praktikern und damit auch nicht so flexibel, dass sie auf Sonder- und Härtefälle anwendbar seien. "Ich passe nicht ins System", sagt der Betroffene selber und bleibt dabei überraschend gefasst für jemanden, der "hinten runter fällt" beziehungsweise durchs soziale Netz rutscht. Ernst Zender wollen wir den 46-Jährigen aus der Pfalz nennen, dessen Heimatkaserne im Saarland steht. Seinen richtigen Namen kann er aus Sicherheitsgründen nicht preisgeben, denn er leistet als Reservist der Bundeswehr Auslandseinsätze in Krisengebieten. Mehrere Monate im Jahr dient der Hauptfeldwebel der Reserve der Bundesrepublik als Sanitäter in Uniform. Er war in den letzten Jahren im Kosovo, in Afghanistan, Bosnien, Usbekistan. Demnächst steht wieder Afghanistan auf dem Plan, eine gefährliche Sache in einem Gebiet, wo Soldaten gegen Drogen zu Felde ziehen sollen.

Nicht hilfsbedürftig?
Die Bundesrepublik Deutschland verlangt von ihrem Reservisten, dass er sich privat gegen Risiken lebensversichert. Anderenfalls schickt sie ihn nicht weg. Zender hat für seine soziale Absicherung zwei Versicherungen abgeschlossen. Außerdem hat er einen Kleinwagen vom Typ Seat, drei Jahre alt. Die drei Posten machen nach Berechnung der Arbeitsagentur (genau gesagt der Agentur Deutsche Weinstraße) einen Vermögenswert von 12200 Euro aus. Zenders Grundfreibetrag liege bei 9950 Euro. Er ist also nicht hilfsbedürftig und anspruchsberechtigt im Sinne des Gesetzes, das keine Ausnahmen kennt.

Zender ist nicht nur leidenschaftlicher Soldat, sondern leider auch langzeitarbeitsloser Drucker. Seit 1. Januar erhält er keine Unterstützung mehr, ist nicht mehr kranken- und pflegeversichert. Solange er dem Staat dient, erhält er Sold und freie Heilfürsorge, kaum ist er daheim, gilt er als Sozialfall. "Würde ich auf der Couch bleiben und meine Versicherungen versaufen, würde ich mich besser stellen", bringt Zender die Ungereimtheiten, für ihn eine Ungerechtigkeit, auf den Punkt. "Stimmt leider", pflichtet der Arbeitsagentur-Mann bei, weiß aber auch keinen Rat. Auto verkaufen vielleicht? "Mein einziger Luxus, wenn man so will. Für das Auto habe ich ein paar Mal eine Kalaschnikow auf mich gerichtet gesehen."

Bei der Bundeswehr fühlt man sich nicht berufen, Stimmung gegen die Hartz-IV-Gesetze zu schüren. Immerhin räumt Pressestabsoffizier Dieter Kunze aus Saarlouis ein, dass in jüngster Zeit auch im Saarland Reservisten nicht mehr zur Verfügung stehen, weil sie wegen des Soldes keine Leistungen von der Arbeitsagentur mehr erhalten.

Hatte man an diese Fälle bei der Hartz-IV-Gesetzgebung gedacht? Nein, vermutet der auf Soldatenrecht spezialisierte Major der Reserve und Anwalt Thomas Buchheit aus Dortmund, der auch schon in Lebach gedient hat. Er will die Ansprüche Zenders gegenüber der Arbeitsagentur durchsetzen. Und der parlamentarische Staatssekretär von der Saar im Verteidigungsministerium, Hans-Georg Wagner (SPD), hat über sein Büro angeboten, den Fall des aufoperungswilligen Zender zu prüfen. Vielleicht passt er ja doch noch in ein System.

Saarbrücker Zeitung (SZ)
 Hauptmann von Köpenick 2005
 Kommentar von SZ-Redakteur Alfred Schön
Das Recht ist für den Menschen da. Sollte man meinen. Der Reservist aus der Pfalz, der sich als Sanitäter der Bundeswehr im Auslandseinsatz versichern muss, dessen Kapitalvorsorge aber ein Hindernis für die Gewährung von Leistungen nach Hartz IV darstellt, scheint der lebende Gegenbeweis zu sein: Muss der Mensch für ein Gesetz umgeformt werden? Gemach, gemach. Ehe auch noch Steuerzahlers Geld aufgewendet werden muss, um auf dem Klageweg einen Sonderfall durchzusetzen, der ein Abweichen von der Regel notwendig macht, ist eine unbürokratische Anerkennung Sache kluger Behörden. Oder muss erst ein Hauptmann von Köpenick 2005 wieder marschieren?
 
Anzeigen
Ihre Werbung hier?
Anzeigen
Kreuzfahrt-Schn�ppchen
   Diese Seite empfehlen      Sitemap    Archiv    Impressum    Kontakt 
(c) 2005 by www.truppen.info