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Frankreich droht mit "der Bombe" |
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Deutsche
Reaktionen reichen von "nicht hilfreich" bis
"verwerflich" |
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Paris/Berlin
[20.01.06]. Der
französische Staatspräsident Jacques Chirac
hat gestern auf einem Marinestützpunkt in der Bretagne mit dem Einsatz
von Atomwaffen gegen Terrorstaaten gedroht. Die heutigen Reaktionen
in der deutschen Hauptstadt reichen von „nicht hilfreich“ bis „verwerflich“.
Zwar macht auch die Bundesregierung den Dissens in der Sache deutlich,
ist aber gleichzeitig bemüht, Einigkeit zu demonstrieren – auch in
der Frage, wie mit dem Iran und seinen Atomplänen weiter umgegangen
werden soll. An wen Chirac seine Drohung konkret gerichtet hat, ließ er
offen, es wurde aber deutlich, dass der Iran gemeint sein sollte. Auf
jeden Fall definierte der Präsident mit seiner Rede die französische
Doktrin der Abschreckung neu. Bisher behielt sich Frankreich den Einsatz
von Kernwaffen nur für den Fall einer direkten Bedrohung vor.
truppen.info
hat alle Mitglieder des Verteidigungsausschusses des Deutschen
Bundestages sowie deren Vertreter aus CDU, SPD, FDP, Die Linke und
Bündnis90/Die Grünen um eine Stellungnahme gebeten. Hier sind die
in der Redaktion eingegangenen Antworten: |
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Walter Kolbow (SPD)
Zu den
zitierten Äußerungen des französischen Staatspräsidenten,
Jacques Chirac, über den möglichen Einsatz von Nuklearwaffen im
Falle terroristischer Angriffe erklärt der stellvertretende
Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion,
"Die SPD
tritt schon seit Jahrzehnten für die langfristige Abschaffung von
Massenvernichtungswaffen ein. Auf der Grundlage dieser Position
sind die vertraglich abgesicherte Nichtverbreitung,
Rüstungskontrolle und vollständige Abrüstung von Nuklearwaffen
auch in der neuen Koalition zentrale Anliegen der deutschen Außen-
und Sicherheitspolitik.
Der
Internationale Gerichtshof hat bereits im Jahr 1996 in einem
Gutachten festgestellt, dass der Gerichtshof "nur im Falle einer
extremen Notsituation, in der das reine Überleben eines Staates
auf dem Spiel stehen würde", keine definitive Entscheidung über
die völkerrechtliche Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit des
Einsatzes von Atomwaffen treffen kann.
Eine
Reaktion auf terroristische Angriffe durch betroffene Staaten ist
nicht nur verständlich, sondern auch unbestritten notwendig. Der
Einsatz von Atomwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen
gehört hierzu nach tiefer Überzeugung der SPD nicht." |
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Thomas Kossendey (CDU)
"Meiner
Meinung nach stellen die Äußerungen von Präsident Chirac eine
Weiterentwicklung der bestehenden Nukleardoktrin Frankreichs an
die veränderten sicherheitspolitischen Gegebenheiten und den
Wandel der Bedrohungen dar und können aus diesem Grund nicht
gänzlich überraschen. Entscheidend ist, wie bisher auch, der
verantwortungsvolle Umgang mit den französischen nuklearen
Kapazitäten." |
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Winfried
Nachtwei / Jürgen Trittin (Bündnis 90 / Die Grünen)
Zu den Presseberichten über einen
Kurswechsel in der französischen Atomwaffenpolitik, erklären
Jürgen Trittin, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, und
Winfried Nachtwei, abrüstungspolitischer Sprecher:
"Präsident Chirac scheint einer gefährlichen
Verwechslung zu unterliegen, wenn er den Kampf gegen den
internationalen Terrorismus mit nuklearer Abschreckung führen
will. Staaten mögen nuklear abgeschreckt werden können,
Terroristen sicher nicht. Der Kampf gegen den internationalen
Terrorismus kann nicht mit Massenvernichtungswaffen geführt
werden. Er muss vielmehr darauf abzielen, die Terroristen von
ihrem Umfeld zu isolieren. Dabei wäre die Drohung mit
Massenvernichtungswaffen hochgradig verwerflich, unsinnig und
gefährlich.
Der sich andeutende Kurswechsel in der
französischen Nukleardoktrin ist abenteuerlich und ein später
Triumph der Bush-Administration. Sollte Frankreich die
Atomkriegspläne Chiracs in die Tat umsetzen, würde dies dem
Prozess der nuklearen Abrüstung und Nichtweiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen erheblichen Schaden zufügen und die
Atomkriegsschwelle senken. Die im Atomwaffensperrvertrag
verankerte Verpflichtung zur vollständigen nuklearen Abrüstung
rückte damit in weite Ferne.
Frankreichs Kurswechsel kann und darf von
den Mitgliedsstaaten der EU nicht unwidersprochen hingenommen
werden. Die Bundesregierung ist aufgefordert, gegenüber der
französischen Regierung klar Position zu beziehen. Die Europäische
Sicherheitsstrategie, die Strategie der EU gegen die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Initiativen
der EU zur nuklearen Abrüstung würden damit erheblich entwertet.
Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass die Umsetzung der
Abrüstungsverpflichtung des Atomwaffensperrvertrages und die
künftige Rolle der Atomwaffen in der EU und NATO grundsätzlich
diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass die
Bundesregierung signalisiert, künftig auf die nukleare Teilhabe
der Bundeswehr in Form von TORNADO-Jagdbombern zu verzichten." |
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Hans-Joachim Hacker (SPD)
"Die Ankündigung des französischen
Staatspräsidenten Jacques Chirac, den Einsatz von Atomwaffen gegen
Terrorstaaten nicht auszuschließen, trifft auf meine strikte
Ablehnung und mein Unverständnis. Auch in einer neuen
Bedrohungslage, die sich aus dem internationalen Terrorismus
ergibt, müssen die zivilen Möglichkeiten von Krisenprävention und
Konfliktbeseitigung im Vordergrund stehen. Dabei kann es auch zur
Androhung oder Anwendung militärischer Maßnahmen kommen, um
übergeordnete Interessen (Schutz nationaler Minderheiten, Garantie
der Menschenrechte) zu sichern. Den Einsatz von Atomwaffen zu
erwägen, bedeutet – wenn auch ungewollt- einen Beitrag zur
Eskalation von Spannungen in der Welt zu leisten. Wenn der zum
Glück hinter uns liegende Kalte Krieg eine Lehre erteilt hat,
dann die, dass der Einsatz von Atomwaffen im Konfliktfall das
Ende der
Zivilisation auf der Erde bedeuten kann." |
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Jürgen
Koppelin (FDP)
"Die
Erklärung von Staatspräsident Chirac ist für mich nicht
nachvollziehbar und politisch auch nicht erklärbar." |
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Ernst-Reinhard Beck (CDU)
„Meiner
Ansicht nach steht die Drohung des französischen Staatspräsidenten
Jacques Chirac, Atomwaffen gegen Terrorstaaten einzusetzen, in
keiner besonders überzeugenden Argumentationskette. Vielmehr
glaube ich, dass diese Drohung eher innenpolitisch motiviert sein
könnte. Die
Wirkung dieser Drohung ist kontraproduktiv, denn sie wird in
meinen Augen zumindest ein verbales Wettrüsten in den sogenannten
Terrorstaaten auslösen. Ob dies gewollt ist, bezweifle ich.“ |
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Alexander
Bonde (Bündnis 90 / Die Grünen)
"Die
verklausulierte Drohung des Ersteinsatzes von Nuklearwaffen ist
hochgradig verwerflich, unsinnig und gefährlich.Gerade angesichts
der aktuellen Debatte mit dem Iran sowie den verstärkten
Bemühungen der Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen ist
es grundfalsch, Nuklearwaffen als sicherheitspolitisches
Instrument stärken zu wollen und konterkatriert nicht zuletzt die
europäische Position. Die Bundesregierung ist aufgefordert,
gegenüber der französischen Regierung klar Position zu beziehen.
Das Ziel muss die nukelare Abrüstung sein. Chirac hingegen liefert
genau all jenen Staaten argumentative Schützenhilfe, die den
Einsatz von Massenvernichtungswaffen als legitim ansehen." |
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Jörg
van Essen (FDP)
"Ich war
von der Ankündigung des französichen Staatspräsidenten sehr
überrascht. Ich finde zum jetzigen Zeitpunkt eine solche
rhetorische Eskalation gefährlich. Solche Aussagen werden die
Mullahs in Theran sicher nicht zum Verzicht auf das Waffenprogramm
bewegen. Niemandem und erst recht nicht dem Frieden und der
Deeskalation dient es, wenn man durch Reden den Einsatz von
Atomwaffen als Option in die Weltöffentlichkeit hinausposaunt". |
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Ursula Mogg (SPD)
Sie
sieht die Äußerungen des französischen Staatspräsidenten als
"nicht hilfreich" an. |
| [Beitrag: Lars Bessel, Fotos:
Deutscher Bundestag] |
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