 |
„Militärseelsorge
ist wie Hochseefischerei“ |
|

Gottesdienst
an ungewöhnlichen Orten: Der Katholische Leitende Militärdekan Monsignore
Rainer Schadt (am Mikrofon) auf dem Hubschrauberdeck des französischen
Zerstörers "La Touche Treville" bei der Kieler Woche 2006. Foto: Rolf Zeitter |
|
Glückburg (uz) [11.08.06]. Jeder Soldat
kann kurz knapp und seinen Auftrag beschreiben. Auch
wenn Rainer Schadt kein Soldat ist und auch nie einer war,
kann er das längst ebenso
präzise: „Unser
Auftrag ist es, das Evangelium des Friedens für die Soldaten als Kirche
unter Soldaten zu verkündigen“, erklärt er, als ob auch er
von einem Vorgesetzen nach seinen Auftrag gefragt wurde.
Monsignore Rainer Schadt ist der katholische Leitende Militärdekan
für den Norden
der Bundesrepublik Deutschland. Seinen Dienstort hat der
gebürtige
Südhesse in Glücksburg an der Flensburger Förde.
Als Jugendlicher engagierte sich Rainer Schadt in der katholischen
Jugendarbeit. Die Zeit in der Ministranten- und Pfadfinderarbeit hat ihn
fasziniert, der eine oder andere geistliche Impuls, wie er es nennt, hätten
den Ausschlag für die Berufswahl „Katholischer Priester“ gegeben. „Man
wird Priester, um eine Gemeinde zu haben und für die Menschen von der
Taufe bis zum Sarg da zu sein“, erzählt Monsignore Schadt, der
eigentlich das elterliche Autohaus übernehmen sollte. Nach dem Studium
der Theologie in Mainz und Innsbruck war der Seelsorger vier Jahre als Kaplan
in Gemeinden tätig. Umso überraschender kam für ihn der Auftrag
seines Bischofs für seine erste „Pfarrstelle“: Als er hörte,
dass er in die Militärseelsorge sollte, fragte er, so erzählt
er grinsend, spontan: „Herr Bischoff, was hab ich denn angestellt?“ |
|
 |
Lebenslauf |
|
|
|
Monsignore
Rainer Schadt |
|
 |
|
geboren am 3. Juli 1956
in Münster bei Dieburg (Hessen)
1976
Abitur
1976-1982
Studium der Theologie und Philosophie und der Pastoralpsychologie an den
Universitäten Mainz und Innsburch
1982
Diakonats- und Priesterweihe
1982-1987
Kaplan in verschiedenen Gemeinden
1987
Pfarrexamen
Eintritt in die Militärseelsorge als katholischer Standortpfarrer Stadtallendorf
gleichzeitige Ernennung zum Militärpfarrer
1991-1996
Katholischer Standortpfarrer Koblenz I mit besonderer Zuordnung zum Heeresführungskommando
gleichzeitig Ernennung zum Militärdekan
1996
Ernennung zum Katholischen Wehrbereichsdekan III mit Sitz in Düsseldorf
1998
Ernennung durch Papst Johannes Paul II zum Päpstlichen Hauskaplan mit dem
Titel Monsignore
2003
Ernennung zum Katholischen Leitenden Militärdekan Glücksburg/Kiel mit den
Dienstsitzen Flottenkommando Glücksburg und Wehrbereichskommando I Küste
Kiel
Einsätze:
Dezember 1992 - März 1993
UN-Einsatz in Kambodscha
Juli 1993
UN-Einsatz in Somalia
Juli 1994
UN-Einsatz im ehemaligen Jugoslawien
1999-2002
mehrfach ISAF (Afghanistan)
März - Mai 2003
Einsatzbegleitung im Rahmen der Operation Enduring Freedom am Horn von
Afrika
2006
Dienstaufsichtsbesuche ISAF, KFOR, OEF |
|
|
|
|
|
Wie
die meisten seiner Kollegen hatte auch er vorher, außer der
Musterung, keinerlei Berührungen mit der Bundeswehr, denn wer
ein theologisches Studium anstrebt, ist vom Wehr- und Ersatzdienst
befreit. Dies ist wohl auch einer der Gründe, warum viele Theologen
kritisch der Militärseelsorge gegenüber stehen. „Das
ist einfach so ein weißer Fleck, den man nicht kennt“,
bestätigt der Dekan. Mit einer gewissen Portion Unbehagen trat
Rainer Schadt seine erste Stelle als Militärseelsorge beim Panzerbataillon
14 in Neustadt (Hessen) an. Schnell hat er sich in der Bundeswehr
zurechtgefunden und sagt heute: „Ich habe mich dort sehr wohl
gefühlt.“ Über Verwendungen als Seelsorger beim III.
Korps beziehungsweise dem damals neuen Heeresführungskommando
in Koblenz und als Militärdekan für Nordrhein-Westfalen
führte ihn der Weg nach Glücksburg in die heutige Verwendung.
Viele Facetten der Bundeswehr hat er inzwischen Kennen und Schätzen
gelernt.
„Militärseelsorge ist nicht so wie Gemeindeseelsorge, das ist richtige
Hochseefischerei“, betont der Seelsorger und fügt hinzu: „Wir
kommen viel rum und feiern an den ungewöhnlichsten Orten Gottesdienste,
beispielsweise auf Hubschrauberdecks, in Hallen oder auf Standortübungsplätzen.“ Für
Monsignore Rainer Schadt ist dies der große Vorteil seines Bereichs der
Sonderseelsorge, denn, so sagt er die Militärseelsorge bietet keine Routine,
sondern ist ein ständiges Abenteuer. Das gilt auch oder vor allem weil seine
Gläubigen eben nicht wie in der Gemeinde „automatisch“ zu ihm
kommen.
Eine der regelmäßigen Verpflichtungen seines Dienstpostens ist beispielsweise
auch der sonntägliche Gottesdienst, der am ersten Wochenende der Kieler
Woche auf einem der Kriegsschiffe im Marinestützpunkt öffentlich gefeiert
wird. Hier macht er auch kein Geheimnis daraus, dass in ihm noch eine zweite
Leidenschaft wohnt. Die Tatsache, dass er Mainzer Diözesanpriester sei,
fordere ihn buchstäblich heraus, auch das eine oder andere zu sagen, was
den Leuten Freude macht, gesteht Monsignore Schadt. „Mein Bischof hat mich
hier in den Norden geschickt, um den Rosenmontag einzuführen,“ mutmaßt
er offen und ergänzt lachend im Interview mit truppen.info: „dass hier
am Rosenmontag gearbeitet wird, ist eine Todsünde.“ Nicht nur mit Aussagen
wie „Singen ist hier beurteilungsrelevant, meine Herren“, oder „Ich
beeile mich, weil sich die Evangelischen Kollegen auf dem Schiff neben an sicher
sind, dass sie zuerst beim Kirchencocktail sind - aber denen mache ich einen
Strich durch Rechnung.“ Es sind wohl die kleinen „karnevalistischen
Einlagen“, mit denen er es versteht, seine Zuhörer unterschiedlichster
Herkunft stärker in seinen Bann zu ziehen.
Doch nicht immer geht es in der Militärseelsorge lustig und freundlich zu.
Zu den Aufgaben gehört auch die Militärseelsorge in Auslandseinsätzen. „Wenn
in Kabul, unter den spektakulären Rahmenbedingungen ein Gottesdienst gefeiert
wird, dann darf der Pfarrer den Soldaten nicht auch noch Hölle und die Pest
an den Hals hängen...“, betont der Militärgeistliche. Seinen ersten
Auslandseinsatz absolvierte er im ersten Einsatz der Bundeswehr überhaupt:
Im Feldhospital in Phnom Penh in Kambodscha. „Ich habe dort als junger Militärseelsorger
die ersten Menschen mit Beinabrissen, mit Minen- und Schußverletzungen,
Malaria - einfach die ganze Bandbreite menschlichen Leides - gesehen“, blickt
er zurück. Dazu kam, dass damals, 1990 die Bundeswehr noch nicht auf solche
Einsätze vorbereitet war und vieles noch im Argen lag: „Wir sind in
NATO-oliv geflogen und bei 38-40 Grad und nahezu 100% Luftfeuchtigkeit wieder
'aufgewacht'“, berichtet er. Inzwischen hat er nahezu alle Einsatzgebiete
der Bundeswehr miterlebt: Somalia, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und
Afghanistan. Hinzu kommen, durch sein Aufgabenfeld im Norden der Bundesrepublik,
auch die Einsätze mit der Marine am Horn von Afrika. „Ich war auf der
Fregatte Mecklenburg-Vorpommern: 220 Soldaten und ein Pfarrer! Keiner kann weg,
und zwar über Monate, das war sehr interessant,“ sagt er. Ein Erfolgsrezept
für die zum Teil extremen Situationen in der Militärseelsorge gibt
es wohl nicht:
|
|
„Ich
gehe mit der nötigen Portion Offenheit auf die Soldaten aller
'Schattierungen' zu. Man darf sich nicht zu wichtig nehmen und vor
allem nicht höher setzen, als der Kommandant eines Schiffes. Das
kommt
immer schlecht, weil nur der Kommandant 'next to god' ist“, beschreibt
der
Seelsorger und fügt hinzu: „Wenn der Pfarrer was drauf hat und nicht
da so verschämt in der Ecke steht und meint, er müsste nun auch noch
den Hintern abgeputzt bekommen, weil er kein einzelnes Zelt hat, dann tragen
ihn die Soldaten mit ihrer Kameradschaft mit!“
In den Einsätzen ist der Seelsorger, so weiß der Monsignore zu berichten,
ein gesuchter Gesprächspartner. „Ohne der Sanität oder dem psychologischen
Dienst zu nahe treten zu wollen, oftmals ist der Mann mit den Kreuzen auf der
Schulter die letzte Instanz“, erzählt er und fühlt sich schon
manchmal wie ein Maskottchen.
Doch der Alltag bei der Truppe ist für den Katholischen Leitenden Militärdekan
in den Hintergrund gerückt. Er macht eher einen Managementjob. „Als
katholischer Leitender Militärdekan, der ich sein darf, leite ich den Dienstaufsichtsbereich
im Norden der Bundesrepublik Deutschland, also Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern
die Hansestadt Hamburg und alle Marinedienststellen an der Nord- und Ostseeküste.
Insgesamt gehören 18 seelsorgerische Dienststellen mit 40 Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern zu diesem Bereich“, beschreibt der Dekan. Fünf katholische
Leitende Militärdekane lenken deutschlandweit die Geschicke der Militärseelsorge.
An deren Spitze der Militärseelsorge steht der Militärbischof. Nach
dem Generalvikar mit dem Militärbischofsamt folgen bereits die Dekane in
der Hierarchie.
Er ließe sich gerne korrigieren, aber sei sich recht sicher, dass er bereits
mit allen Facetten des Dienstes in der Bundeswehr Berührung hatte, schmunzelt
Dekan Schadt und hält eine ganz besondere Erfahrung aus dem reichen Repertoire
bereit: Im Feldhospital in Phnom Penh wurde der Militärgeistliche vom Kommandeur
auf einen Soldaten aufmerksam gemacht, der seine komplette Auslandszulage vertelefonierte. |
|

Humor ist für den Dekan ein wichtiges Mittel seiner Arbeit. |
|
Im
Gespräch
erführ der Rainer Schadt, dass dieser wenige Tage vor dem Abflug das Mädchen
seines Lebens kennen gelernt hatte. „Ich habe gesagt, du sollst nicht Telefonieren,
du sollst schreiben - worauf hin er antwortete 'das kann ich nicht, mach Du das
für mich Pfarrer!'“, erzählt der Dekan. Gesagt, getan. Die beiden
hätten
also ein Foto von der jungen Dame aufgebaut, Schadt habe diktiert und der Soldat
geschrieben. "Wir waren sehr erfolgreich", grinst Schadt. Die drei ersten
Antworten
habe
er
auch
lesen
dürfen,
betont
der Seelsorger und ergänzt: „Danach war der junge Mann selbstständig
und
ich
war sehr stolz auf mich, bis zum heutigen Tage.“ |
|
|
|