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 Ausbildung losgelöst von Zeit und Raum
 Bundeswehr nimmt eine besondere Vorreiterrolle ein
Hamburg (uz) [13.09.06]. Fernausbildung, das Lernen entfernt vom Ausbildungsträger und -ort ist nichts neues. Seit Jahren werden solche Lehr- und Lernverfahren angeboten. "Das einzige, was sich in den letzten Jahren nicht verändert hat, ist das Verfahren selbst", erklärt Andrea Neusius und ergänzt: "Die neuen Medien werden so eingesetzt, dass zwar die Unterlagen inzwischen per E-Mail übersandt werden, die elektronischen Mittel aber nicht pädagogisch genutzt werden." Die Diplom-Pädagogin gehört zu einer inzwischen rund 30köpfigen Projektgruppe, die seit 2002 an der Helmut-Schmidt-Universität, Universität der Bundeswehr in Hamburg, moderne Verfahren zur Fernausbildung entwickelt und überprüft. Hier werden neue Wege für den Einsatz moderner Ausbildungstechnologie in der Fernausbildung für Aus-, Fort- und Weiterbildung eingeschlagen. In die modernen Möglichkeiten werden aber natürlich auch die bewährten Ausbildungsgrundlagen der Bundeswehr eingebunden. Die Vorteile der neuen Medien für die Ausbildung stehen im Mittelpunkt der Arbeit der Projektgruppe. Die Bundeswehr übernimmt auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle ein. Die Mitarbeiter mit unterschiedlichen Qualifikationen vorwiegend in der Pädagogik arbeiten seit 2002 an einem Ausbildungsmodell, das, so betonen die Mitglieder der Projektgruppe, nicht das know how von gestern zum Preis von morgen bietet. Eine Gefahr, die bei externen Anbietern hätte in Kauf genommen werden können. Für die unterschiedlichsten Facetten der Erwachsenenbildung werden dabei neue Systeme eingesetzt. Alle Möglichkeiten von Computer gestützten Ausbildungssystem und moderner Internettechnik finden dabei Anwendung. Die Lernverfahren unterscheiden sich in ihrer Anlage von den bisherigen Methoden, die beispielsweise von Fernuniversitäten praktiziert werden oder dem sogenannten eLearning, bei dem im Selbststudium, ohne die Verbindung zu Mitlernenden oder eine umfangreiche Betreuung durch (virtuelles) Lehrpersonal, die Inhalte vermittelt werden.
Für die Truppe ist es in Zeiten sinkender Personalzahlen zunehmend ein Problem, die ausbildungsbedingten Abwesenheiten des Personals zu überbrücken. Dies ist nur einer der Ansatzpunkte für die Arbeit der Projektgruppe. Die findet inzwischen weit über die Kasernenzäune hinaus Beachtung und auch schon erste Anwendung, zumal neben der Bundeswehr auch Unternehmen und Institutionen in Wirtschaft und Weiterbildung vor ähnlichen Problemen stehen. Eine Zusammenarbeit und Weiterentwicklung in der Konzeptionsphase wird dabei durchaus gewünscht und gesucht. Bereits zum dritten Mal findet an der Helmut-Schmidt-Universität vor diesem Hintergrund vom 19. bis zum 21. September 2006 ein Fernausbildungskongress mit internationalen Experten statt.
Nach der Integration der neuen Lehrverfahren in die Lehrgänge der Bundeswehr könnte ein neuer Personaloffizier beispielsweise in der Fernausbildung den Löwenanteil seiner Qualifizierung am Arbeitsplatz in seiner Einheit absolvieren. "In einem dreimonatigen Ausbildungsprogramm sind die Teilnehmer normalerweise zwei bis drei mal für drei bis vier Tage von der Dienststelle abwesend", erzählt Andrea Neusius. Die Ausbildungsteilnehmer können so zwischen den Präsenzphasen das erlernte Wissen sofort in ihre Arbeit einfließen lassen. Die Zeit in der die Einheit ohne Personaloffizier auskommen muss wird minimiert, auch wenn er eine tägliche Lernzeit zugestanden bekommen muss. Die Vermittlung des Ausbildungsstoffes erfolgt so auch praxisorientierter. Lehre und praktische Arbeit, die nicht simuliert werden muss, ergänzen im Konzept und lösen sich von den sogenannten „Übungskünstlichkeiten“.
 
Die Ausbildungsverfahren der Bundeswehr könnten sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern.
Foto: Zeitter
Auch wenn im Rahmen der Fernausbildung natürlich ebenfalls fiktive Beispiele als Aufgaben gestellt werden müssen. In einem virtuellen Klassenzimmer, können sich die Teilnehmer des Kurses austauschen. Praktiziert wird dies zur Zeit im Intranet der Bundeswehr. Geplant ist aber die Ausweitung auf das Internet. So könnten auch Soldaten, die an Auslandseinsätzen teilnehmen, die Plattform nutzen. Denn die Datenbanken und Kontakte stehen auch über die eigentliche Ausbildungszeit hinaus zur Verfügung. Jeder Ausbildungsgang ermöglicht ein kleines Netzwerk, das weiterhin, auch über die Ausbildungszeit hinaus, funktioniert. Würde beispielsweise ein technischer Offizier in einem Einsatzgebiet auf ein Problem stoßen, könnte er über Ausbildungskameraden oder den Ausbildungsleiter schneller zu einer Lösung kommen und würde dafür weniger Zeitaufwand benötigen.
Problematisch ist derzeit noch die Sicherstellung, dass jedem Lehrgangsteilnehmer von seinem Dienstherrn auch ausreichend Lernzeit zur Verfügung gestellt wird. "Es gibt dafür auch noch keine übergreifende Lösung für alle militärischen Organisationsbereiche", beklagt Andrea Neusius. Hier könnte auch eines der Startprobleme der Fernausbildung liegen, denn welcher Vorgesetzte wird die tägliche, ausbildungsbedingte Auszeit akzeptieren, wenn der Soldat gebraucht wird. Ein Verständnis, das ja derzeit schon für herkömmliche Ausbildungszeiten an den Truppenschulen oft fehlt.
In der aktuellen Pilotphase werden Ausbildungsprogramme für verschiedene Ausbildungsbereiche konzipiert, darunter sind durchaus typisch militärische Themen, die man zunächst nicht tauglich für Fernausbildung hält. Beispielsweise könnte in Zukunft auch die Ausbildung der Schießlehrer für Handwaffen losgelöst von Zeit und Ort durchgeführt werden. Denn diese Loslösung ist der große Vorteil der Ausbildungsverfahren. Hier stehen nicht die Lernmittel und das Pauken einen festgelegten Stoffes im Vordergrund, die Fernausbildungsprozesse sollen ein praxisorientiertes Lernen ermöglichen.
Die meisten Mitglieder der Projektgruppe haben kaum Erfahrungen mit der Bundeswehr. Das ist auch nicht notwendig, denn es geht ja vorrangig um die Möglichkeiten der Ausbildungsverfahren und deren Optimierung. Die inhaltliche Befüllung der Lehrgänge gehört nicht mehr zu den Aufgaben der Projektgruppe. Die aktuelle Probephase soll Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten ans Tageslicht bringen. Auch den Betrieb des Systems in einem anderen ministeriellen Bereich gab schon einmal eine ganz andere Praxiserfahrung, die nun einfließen kann.
Moderiert und geleitet wird die Ausbildung von so genannten Teletutoren. Sie stehen den Auszubildenden zur Seite, beraten und sorgen dafür, dass das Ausbildungsergebnis am Ende stimmt. Den Umgang mit der Fernausbildung erlernen die Teletutoren am eigenen Leib. Auch ihre Ausbildung läuft als Fernausbildung ab.
Die Projektgruppe arbeitet fachlich eng mit dem Führungsstab der Streitkräfte und dem Streitkräfteamt zusammen. Allerdings unterliegt sie nicht den militärischen Befehlssträngen. Auch die wenigen Soldaten, die in der Projektgruppe mitarbeiten, besetzen keine Planstellen der Helmut-Schmidt-Universität. Durch diese Regelung kann die Projektgruppe aber keine Teletutoren aus der Truppe anfordern. Sie ist für die aktuelle Pilotphase darauf angewiesen, dass sich freiwillige Soldaten oder auch ehemalige Bundeswehrangehörige anbieten. Für einige fachlichen Bereiche gibt es bei der Projektgruppe Vakanzen. Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad werden sich mehr Interessenten bei ihren Vorgesetzten melden, um sich die Teilnahme genehmigen zu lassen.
 
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