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„Das ist heute 'Kriegsgeschichte'“ |
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Helmut Michelis im Gespräch mit truppen.info |
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Sie haben sich
als Reserve-Offizier in den Bundeswehr-Einsatz begeben, der, zumindest
aus damaliger Sicht, erstmals
deutsche Soldaten in ein Kriegsgebiet führte – warum? |
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Es hat mich immer geärgert, wenn Reservisten für ihre
aktiven Kameraden keine gleichwertigen Partner waren.
Als überzeugter
Soldat (der Reserve) war und ist es für mich selbstverständlich,
alle Aufgaben zu übernehmen, die auch ein Aktiver im selben Dienstgrad
bewältigen muss. Die geänderte Fokussierung auf Auslandseinsätze
macht diesen, bereits seit Mitte der 70-er Jahre
selbst gesetzten Anspruch allerdings für mich zur hohen Hürde.
Ich wäre schon gern
in Somalia dabei gewesen, als ich damals gefragt
wurde. Aber das musste ich ebenso absagen wie vor
wenigen Wochen mit großem
Bedauern den Wunsch der Bundeswehr-Personalplaner,
ich möge ein halbes
Jahr zu ComKFOR in den Kosovo gehen. Zivilberuflich
kann ich solche langen „Auszeiten“ nicht
heil überstehen. Damals jedoch war ich gerade bei einem Verlag ausgeschieden.
So konnte ich dem Ruf nach Bosnien-Herzegowina ausnahmsweise
folgen. Bereut habe ich es bis heute nicht. Und mit
dem Auftrag der Bundeswehr, in dieser übel
geschundenen Bürgerkriegsregion in Europa den Frieden zu stabilisieren,
konnte ich mich sehr gut identifizieren. |
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Eine Feldzeitung in einem
Krisengebiet der Bundeswehr, das war in dieser Form neu - was haben
Sie sich inhaltlich
f ür dieses Werk vorgenommen? |
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Die Feldzeitung sollte gängigen journalistischen Qualitätskriterien
standhalten und wie eine moderne deutsche Tageszeitung
aufgebaut sein - mit klarem Konzept, optisch ansprechend und mit der selben
Sorgfalt erstellt,
die ich heute täglich für weit über eine Million Leser der
Rheinischen Post aufbringe. Inhaltlich war der Keiler
durchaus eine Art Lokalblatt, wobei die Zielgruppe in diesem Fall vorrangig
meine Bundeswehrkameraden
waren. Von unserer Führung gewünschte Experimente, ein gemischtes
deutsch-französisches Produkt herauszubringen, mussten wir schnell
aufgeben. Die Franzosen hatten andere Vorstellungen von
Innerer Führung;
wir waren ihnen wohl zu freizügig.
Die gewollt muntere Verpackung jener Tage darf allerdings
nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich von Anfang an eine Einsatzzeitung
nicht als bloßen Zeitvertreib für die Leser in Uniform angesehen
habe. Sie ist Führungsmittel, Hilfestellung und Ablenkung zugleich.
Erste Keiler-Ausgaben zeigen das: Wir informierten zum
Beispiel, warum es Rationierungen beim Marketender gab
oder Engpässe
in der Verpflegung, warnten vor Zollproblemen beim Päckchenversand
nach Hause, boten Mini-Sprachkurse für den Umgang mit Einheimischen
und Alliierten an und berichteten über
die Fortschritte beim Aufbau des Feldlagers oder die
aktuellen Geschehnisse im Einsatzland. Von Anfang an
konnten Angehörige Grüße ausrichten. |
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Die Bundeswehr ist nicht gerade für üppiges, zeitgemäßes
Medienequipement bekannt, gegen welche Mühlen der Verwaltung und welchen
Startschwierigkeiten mussten Sie damals kämpfen? |
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Das
ist heute „Kriegsgeschichte“. Ich war ja Einzelkämpfer
und Pionier zugleich, zumal der Keiler ein
Nebenauftrag war nach dem Motto: „Versuchen Sie es mal.“ Die
ersten Texte schrieb ich in einer Ecke des Wohncontainers
Z 14 auf
meinem privaten Notebook, bei Stromausfall
erleuchtet von heimeligem Kerzenschein. Für Fotos stand
schon die professionelle Bundeswehrausrüstung zur Verfügung.
Entwickelt wurde aber in einem örtlichen Fotogeschäft,
das sich genauso in der Lernphase befand wie
wir: |
Mal
waren die Abzüge
von einer Art Sandschicht überzogen, mal durch einen
gewaltigen Blau-Stich verfärbt. Immerhin: Texte und Bilder
vom Aufbau des Feldlagers gab es schon mal
in Hülle und
Fülle. Der Titel „Keiler“, Sinnbild für
unseren Auftrag, die Beseitigung tödlicher Kriegsgefahren,
war auch recht schnell gefunden und genehmigt.
Schwerer zu überwinden waren die Barrieren in den Köpfen
mancher vorgesetzten Kameraden: Die Angst vor Fehlern
war in der Anfangsphase SFOR riesengroß. Ein Medienprodukt stand
für Transparenz,
die man in dieser Lage lieber nicht haben wollte. Ich
musste mich massiv gegen die Vorgabe plumper Goldstaub-Berichterstattung
und das
Verschweigen von Missständen wehren, die Kameraden des PIZ halfen
mir tapfer dabei. Hätten wir das zugelassen, wäre das Vertrauen
der Soldaten in den Keiler gleich verloren gegangen. |
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Wie geht man an eine Aufgabe,
in einem fremden Land, in einer weitestgehend zerstörten Infrastruktur - Ihr erster Aufmacher
handelte von der Schlammschlacht von Rajlomatsch - eine wöchentliche
Zeitung zu produzieren, heran? |
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Militärisch gesprochen: durch intensive Aufklärung. Wie
eben geschildert, bin ich durch Sarajevo gefahren und habe mich durchgefragt,
wo denn eine Druckerei zu finden sei. Letztlich half mir auch der Zufall:
Eine frühere Düsseldorfer Zeitungskollegin, deren Mann vor dem
Krieg häufig beruflich in Sarajevo tätig war, hatte mir ein paar
Bekannte in der bosnischen Medienszene benannt. Die waren zwar inzwischen
umgekommen oder geflüchtet. Doch die Namens- und Adressenliste war
eine Art Türöffner. Schließlich konnte ich in der Ruine
des Pressehauses an der ehemaligen Sniper-Alley Kontakte knüpfen.
Vorbei an durchlöcherten Lastwagen, zerbombten Druckstraßen
und Büros mit Sperrholzwänden und Plastikplanen-Fenstern wurde
ich zum Direktor von Oko-Druck geführt und habe verhandelt. Alles
sah ähnlich aus wie in meinem früheren Verlag, doch eben völlig
zerstört. Es hat mich tief berührt - auch das Gespräch mit
einer freundlichen jungen Amateur-Dolmetscherin, deren
Mann gerade umgebracht worden war. |
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Was unterscheidet die Arbeit
in einer Zeitungsredaktion in Deutschland, die ja ihr tägliches
Brot ist, von der Redaktion einer Feldzeitung? |
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Vordergründig gar nichts. Man nimmt Termine wahr oder recherchiert
selbstständig, weil man auf etwas aufmerksam gemacht worden ist bzw.
einem etwas Besonderes auffällt. Es finden Redaktionskonferenzen statt,
man plant den Seitenaufbau. Genauer betrachtet, geht
es natürlich
auch darum, dem eigenen „Unternehmen Bundeswehr“ nicht zu schaden.
Damit rutscht man etwas in die Rolle eines PR-Mannes,
aber so, dass man schon gut damit leben kann. Klar, dass
man in erster Linie Soldat im Einsatz
ist – mit allen Konsequenzen. Ein Außentermin ohne Waffe und
Wachsamkeit war zum Beispiel schlicht undenkbar. Und
in der Anfangsphase musste man etliche andere, teils
rein militärische
Aufträge parallel
wahrnehmen! |
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Gibt es für Sie ein besonderes Highlight, um das Sie sich für
den Keiler gekümmert haben, quasi eine spektakuläre Lieblingsgeschichte? |
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Es war schon ein
bewegender Moment und sogar von einem ARD-Fernsehteam begleitet,
als die Druckmaschinen im Anschluss an die
Tageszeitung „Oslobodjenje“ den
ersten zwölfseitigen Keiler druckten - unseren Keiler, denn ich hatte
inzwischen drei Mann Verstärkung bekommen. Pünktlich zur Kommandoübergabe
des Nationalen Befehlshabers GECONIFOR an GECONSFOR konnte
das neue Blatt an Truppe und Besucher verteilt werden.
Die Berichterstattung über
meine Teilnahme an der Evakuierungsoperation „Libelle“ im März
war natürlich ebenso ein solches Highlight, auch die hautnahe Begleitung
des Papstbesuches. Die Jux-Ausgabe zum 1. April 1997
haben wir unter anderem mit einer CH-53 „aufgepeppt“, die mit
Sidewinder-Raketen und 20-mm-Bordkanonen bewaffnet war.
Das Foto gelangte irgendwie in den offiziellen
Bundeswehr-Dienstweg. Jahre später habe ich es durch Zufall gerade
noch rechtzeitig aus dem Entwurf einer Truppenzeitschrift
herausholen können,
die diese „Fliegende Festung“ für bare Münze genommen
hatte. |
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In wieweit verfolgen Sie
den Keiler in seiner Erfolgsstory heute noch und wie weit kribbelt
es Sie, selbst noch einmal zu "keilern"? |
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Zwischendurch habe ich keine Ausgaben mehr gesehen.
Durch Internet und pdf-Files ist das jetzt wieder möglich. Natürlich kribbelt
es mich, zumal sich der Keiler – je nach Kontingent - von einigen
wichtigen Grundsätzen verabschiedet hat, was bitte nicht als Kameradenschelte
verstanden werden darf. Aber Text ist nicht gleich Text,
Foto nicht gleich Foto. Und bei „richtigen“ Zeitungen wird
lange über den
Aufmacher diskutiert, die Überschrift oder die Wirkung des Titelfotos.
Zwischendurch waren erkennbar Nicht-Journalisten eingesetzt – eben
der Unterschied zwischen Süddeutscher und Schüler-Zeitung. Ein
wenig konstruktive Blattkritik würde manchmal nicht schaden. Aber
ich weiß natürlich, dass eine neue Keiler-Mission für mich
niemals mehr Realität werden kann. |
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Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Feldzeitungen
der Bundeswehr f ür einen Einsatz? |
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Das kommt ganz darauf an, wie der Befehlshaber und
die Kommandeure und Chefs vor Ort dieses Nachrichtenmittel sehen. Man
kann als Sprachrohr der Führung und, gleichermaßen, Anwalt der
soldatischen Basis wichtige Nachrichten in beide Richtungen
transportieren und auf ganz anderem
Weg als über die Befehlskette die einzelnen Soldaten persönlich
ansprechen. Eine gut gemachte Feldzeitung interessiert
Oberstleutnante und Obergefreite gleichermaßen. Diesen Spagat muss
auch eine zivile Tageszeitung immer wieder schaffen.
Die Einsatzzeitung informiert über
Zusammenhänge, die sonst nicht deutlich werden können, erklärt,
vermittelt, bietet echte Lebenshilfe im Einsatz. Ist
aber „oben“ keine
Unterstützung, kein Verständnis für die Redaktion da, wird
es schwierig. Dann bleibt wirklich ein verzichtbares
Käseblatt übrig. |
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Feldzeitungen und die Abstimmungen mit den Vorgesetzten
stellen immer eine gewisse Herausforderung dar, wie sind
Sie damals mit diesem Thema umgegangen und wo sehen Sie die inhaltlichen
Grenzen einer Feldzeitung? |
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Man muss schon
aufpassen: Der Keiler wird ja auch in der Heimat gelesen, zum Beispiel
von Journalisten, die eine Story
suchen, die nicht in unserem Interesse sein kann.
Grenzen gibt es auch gegenüber
den Kameraden: Ein bisschen Tratsch und Klatsch humorvoller
Natur ist okay. Aber das muss
wohl dosiert sein, damit es nicht peinlich wird. Eine
Bierzeitung bringt letztlich niemandem etwas. Mir ist
mein Dienstgrad, damals Oberstleutnant,
zugute gekommen, ein klassisches Militärproblem. Eine Feldzeitung
muss Redakteure quer durch alle Dienstgradgruppen haben.
Sonst ist die Akzeptanz nicht da. So läuft ein fachlich noch so qualifizierter
Hauptgefreiter im Zweifelsfall im Stab und bei Alliierten
gegen Mauern und erhält
keine Informationen. |
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Die Einsätze der Bundeswehr haben sich in den letzten 10 Jahren stark
verändert, eine Feldzeitung im ISAF-Einsatz wurde nach wenigen Ausgaben
eingestellt. Was gibt Ihrem Konzept recht und warum wird, aus Ihrer Sicht,
in neueren Einsätzen auf dieses Mittel verzichtet? |
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Technisch dürfte es heute kaum mehr echte Hinderungsgründe
für eine aktuelle und professionell gemachte Einsatzzeitung geben.
Die Bundeswehr scheitert teilweise, weil aus meiner Sicht
die Profis fehlen, die eine solche Aufgabe übernehmen können.
Ich hatte das Glück,
mit Leutnant Claus Liesegang unter anderem einen späteren Redaktionsleiter
der Schwäbischen Nachrichten in den eigenen Reihen zu haben, dazu
professionelle Fotografen und einen Zeitungsvolontär. Damit war eine
lesernahe und auftragsgerechte Zeitung zu produzieren,
die im Einsatz Sinn macht. |
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Waren Sie nach Ihrer Verwendung "Gründungs-Chefredakteur" nochmals
in Bosnien-Herzegowina, oder anders gefragt: inwieweit
verfolgen Sie die Entwicklungen in der Region? |
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Die Frage trifft ins voll Schwarze. Ich habe nämlich gerade
im Reisebüro für mich und die Familie einen Flug, ein Hotelzimmer
und einen Mietwagen gebucht. Es interessiert mich nämlich brennend,
wie sich nach exakt zehn Jahren die Region im Allgemeinen
und das Feldlager im Speziellen verändert haben. |
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(Das Gespräch führte Uwe Zeitter) |
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