„Karsamstag im Feldlager
Kunduz. Es ist halbacht Uhr morgens. Ich arbeite mit meinem Kompaniefeldwebel
vor einem Kühlcontainer. Ein Kühlcontainer, in dem drei
Zinksärge lagern. Drei gefallene Fallschirmjäger aus Seedorf
sind im Laufe der Nacht von meinem Kompaniefeldwebel eingesargt worden.
Ich spanne vor dem Container eine Plane als Sonnensegel. Darunter
stelle ich drei Staffeleien mit den Bildern der am Karfreitag gefallenen
Kameraden auf. Davor stelle ich noch jeweils einen Kranz. Es kommt
noch ein Tisch hinzu, auf dem drei Kondolenzbücher ihren Platz
finden. Darin können sich die trauernden Kameraden ab zehn Uhr
eintragen. Mit Fackeln sorge ich für die Nacht vor.
Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Ich fühle
Stolz und Ehre, dass ich es bin, der als Erster von den toten Kameraden
Abschied nehmen und ihnen ein schönes letztes Geleit, einen würdigen
Abschied bereiten kann. Gestern hatte ich noch am Hubschrauberlandeplatz
beim Ausladen und Weitertransport der Verwundeten und Toten geholfen.
Amerikanischen „Blackhawks“ brachten unsere Kameraden herein.
Sie mussten mehrmals fliegen, um alle Opfer des Gefechts in Isa-Khel unter
Feindfeuer aufzunehmen und bei uns abzuliefern. Sie machten einen großartigen
Job. Die Besatzungen der zwei Sanitätshelikopter und der Sicherungsmaschine
verkürzten mit ihrem mutigen Einsatz die Zeit für die Verletzten
bis zur Behandlung in unserem Rettungszentrum.
Ich denke an Markus, meinen Kameraden aus Ulm. Er war Rettungsassistent
in meinem Rettungstrupp. Er wurde in die Heimat ausgeflogen. Gemeinsam
hatten wir uns seit August letzten Jahres vorbereitet. Zusammen mit unserem
Kraftfahrer Steffen vom Lazarettregiment 41 aus Horb waren wir nach Abschluss
der einsatzvorbereitenden Ausbildung mit der Infanterie im Dezember ein
eingespieltes Team.
Am Aschermittwoch, dem 17. Februar, hatte ich den durch Granatsplitter
verletzten Markus selbst an der Notaufnahme unseres Rettungszentrums im
Feldlager Kunduz abgeliefert. Auch wir waren in einem Vorort von Isa-Khel
mit der 2. Infanteriekompanie des Wiederaufbauteams Kunduz unterwegs gewesen.
Gegen Mittag haben Markus und ich unser geschütztes Sanitätsfahrzeug
Yak verlassen. Es verblieb mit Steffen am gesicherten Abstellplatz für
die Fahrzeuge in der Nähe der Ortschaft. Ausgerüstet mit schusssicherer
Weste, Gefechtshelm, Gewehr G36 und Rettungsrucksack begleiteten ich und
Markus sowie ein zusätzlicher zweiköpfiger Rettungstrupp die
Infanteristen zu Fuß. Wir marschierten in einem Graben die etwa
1000 Meter zur Kontaktaufnahme mit dem Bürgermeister ins Dorf. Zwei
Schützenpanzer Marder folgten uns. Bei nass-kalter Witterung und
20 Zentimeter Schnee wurde uns mit unseren rund 130 Kilo Kampfgewicht
schnell warm. Die Szenerie war friedlich. Kinder holten mit Kanistern
Wasser. Einige ältere Leute befanden sich im Freien. Der Bürgermeister
war zum Gebet in der Moschee. Wir warteten zwei Stunden. Dann konnte sich
der Chef der Infanteriekompanie endlich eine halbe Stunde mit dem afghanischen
Ortsvorsteher unterhalten. Der sagte ihm klipp und klar, dass er jetzt
wieder Ärger mit den Taliban bekommen würde, weil er sich mit
den deutschen Soldaten unterhalten habe. Seit 2006 ist uns bekannt, dass
die Taliban in Isa-Khel vertreten sind. Sie bedrohen die Bevölkerung
und schüchtern sie mit Gewalttaten ein. Nach dem Gespräch verschwand
der Bürgermeister in seinem Hof.
Wir machten uns gegen halbdrei auf den Rückweg zu den Fahrzeugen.
Wir waren noch keine fünf Schritte gegangen als plötzlich eine
Panzerfaustgranate (Rocket Propelled Grenade = RPG) in der Luft explodierte.
Maschinengewehrfeuer und Schüsse aus Handwaffen waren zu hören.
Die beiden sichernden Schützenpanzer eröffneten sofort das Feuer
mit ihren Bordmaschinenkanonen. Wir suchten im nächsten matschigen
Graben Deckung. Da die Infanterie mit ihren Waffen nicht ausreichend wirken
konnte, entschied sich der Kompaniechef zum Verlassen der Ortschaft. Gedeckt
bewegten wir uns im Graben zurück. Plötzlich ein Knall. Die
dritte RPG schlug drei Meter vor mir an der Böschung in der Nähe
von Markus ein. Eine warme Druckwelle warf ihn und die vor mir befindlichen
zwei Rettungsassistenten nach hinten um. Ich schmiss mich hin und peilte
die Lage. „Meine Hand, meine Hand!“, schrie Markus als er
auf dem Rücken im Graben lag. Er war dann aber recht ruhig. Ich arbeitete
mich zu seinem Kopf vor. Ich untersuchte seinen Kopf und seine Brust auf
Verletzungen. Die anderen Zwei kümmerten sich um Arme und Beine.
Er hatte drei Splitterverletzungen: An der rechten Hand, am linken und
am rechten Unterarm. Wir haben die Verletzungen dann mit Verbänden
innerhalb von Sekunden versorgt. Schon rief ein Infanterist: „Da
kommt die Nächste“. Ich warf mich nach vorne über Markus,
um ihn Deckung zu geben. Wir meldeten dem Chef, dass wir einen Verwundeten
hätten. Er ließ einen Yak ins Dorf nachziehen.
Wir schnappten Markus. Er war noch gehfähig. Wir hetzten mit ihm
zu unserem Fahrzeug. Ich legte ihn innen auf die Trage. Die Anderen schlossen
von außen die Türen. Steffen fuhr nun unter schwierigsten Bedingungen
mit einem Affenzahn rückwärts aus der Ortschaft heraus. An der
Verwundetensammelstelle meldete ich dem Beweglichen Arzttrupp die Art
der Verletzung und die bereits getroffenen Maßnahmen. Obwohl die
Verletzungen keinen sofortigen Abtransport nötig machten, entschied
der Einsatzoffizier der Infanteriekompanie, dass wir unter dem Schutz
zweier Allschutzfahrzeuge Dingo ins Feldlager fahren sollten. Mit 82 km/h
rasten wir dahin. Während der Fahrt legte ich Markus einen Zugang.
Ich verabreichte ihm aufgrund großen Schmerzen in seiner verletzten
Hand ein Schmerzmedikament. Er schlief ein. Angekommen im Feldlager übergab
ich meinen verwundeten Kameraden an das Personal unserer Rettungsstation.
Den aufnehmenden Arzt im Schockraum kannte ich von gemeinsamen Rettungsdiensteinsätzen
in Ulm. Die hatten gar nicht mitgekriegt, dass der gemeldete Verletzte
ein Sanitäter war. Als sie merkten, dass es einer von uns war, herrschte
zunächst Totenstille. Nach der Aufnahme brachte ich noch die Ausrüstung
von Markus aus dem Fahrzeug nach drinnen. Dabei stellte ich fest, dass
ein weiterer Granatsplitter von oben in seinen Gefechtshelm eingedrungen
war. Er hätte ihm wohl das Leben gekostet, wenn ihn sein Helm nicht
so gut geschützt hätte.
Steffen und ich machten unser Fahrzeug wieder einsatzbereit.
Wir meldeten uns bei unserem Einsatzoffizier, der meinen Trupp nicht wieder
nach draußen schicken wollte. Er ließ Steffen vor der Tür
warten und fragte mich, ob ich in der Lage wäre weiter zumachen.
Ich sagte ihm nur: „Dafür bin ich trainiert. Lass mich raus.
Die brauchen mich. In zwei Tagen sind wir wieder herinnen. Dann sehen
wir weiter.“ Er ließ mich gehen. Bei unserer Betreuungseinrichtung
nahm ich sechs Coladosen mit. Jeweils drei wanderten als Dank zu den Kameraden
in die Dingos. Gemeinsam machten wir uns wieder auf den Rückweg zu
unserer 2. Infanteriekompanie. Seit diesem Moment waren Steffen und ich
der „Rettungstrupp, leicht“ von Kunduz.
Wir konnten uns von Markus noch persönlich verabschieden, bevor er
nach Deutschland ausgeflogen wurde. Merkwürdig, er wollte gar nicht
gehen. Er hatte das Gefühl, dass er uns im Stich lassen würde.
Ich machte ihm deutlich, dass das nicht der Fall wäre und er sich
jetzt erst einmal um sich selbst und seine Frau kümmern sollte. Steffen
und ich waren damit nur noch zu zweit. Wir machten nun nahezu alles zusammen.
Wir waren einfach ein geniales Team.
Heute denke ich, wir haben Dusel gehabt, dass wir heil rausgekommen
sind - auch wenn Verwundung und Tod zur Uniform gehören. Gegenüber
den Afghanen habe ich keine negativen Gefühle. Dachte ich mir nach
dem ersten Beschuss noch, „wenn ich jetzt einen vor die Flinte kriege,
dann ist er weg“, sah ich es sehr schnell gelassener. Was soll ein
normaler Bauer denn machen, wenn seine Familie von den Taliban bedroht
und ihm als Zwangsrekrutiertem eine Kalaschnikow in die Hand gedrückt
wird, die er auf deutsche Soldaten abfeuern soll? Eines ist aber auch
klar: „Wer auf mich schießt, muss damit rechnen, dass ich
zurückschieße!“
Ich freue mich auf den Rückflug in ein paar Tagen. Ich freue mich
auf meine Eltern, meine zwei Schwestern und meinen Bruder. Ganz besonders
freue ich mich auf meine Freundin Kathrin. Hat es doch erst an Silvester
zwischen uns richtig gefunkt. „Du kommst zurück“, hat
sie mir gesagt. Ich werde sie in die Arme schließen und mit ihr
unsere Verlobung gleich nach dem Einsatz feiern.
Die Trauerfeier in Kunduz für die am Karfreitag in Isa-Khel gefallenen
Kameraden ist vorbei. Ich lasse es mir jedoch nicht nehmen, in
der Nacht auf Ostersonntag die abgebrannten Fackeln vor dem Kühlcontainer
zu wechseln.“ |