Bischofswiesen/Letzlingen
(uz) [13.10.07]. Die Kontingente auf
dem Balkan schrumpfen fast jährlich.
Das dortige Engagement der Bundeswehr wird
ebenfalls reduziert. In Bosnien-Herzegowina
hat die Bundeswehr gerade mal noch rund 500
Soldaten stationiert. Die Konzepte der NATO
für die Provinz Kosovo und der EU für
Bosnien-Herzegowina haben sich verändert.
Präsenz von Soldaten in den Einsatzregionen
ist weniger gefragt. Schon seit einigen Jahren
werden von den beteiligten Nationen Reservekräfte
im Heimatland bereitgehalten. Die Operational
Reserve Forces (ORF) wurden intensiviert,
als es im Jahr 2004 zu Unruhen im Kosovo
kam. Innerhalb kürzester Zeit müssen
die Soldaten in den Einsatzregionen verfügbar
sein. Allgemeines militärisches Handwerkszeug
ist dann immer gefragt. „Wir müssen
auf jedes Szenario vorbereitet sein“,
bestätigt auch Oberstleutnant Alexander
Sollfrank. Der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons
232 ist derzeit mit seinen Frauen und Männern
die deutsche Reserve. Noch bis Dezember bleiben
die Soldaten „Gewehr bei Fuß“,
sprich: Sie müssen innerhalb kürzester
Zeit bereit für die Verlegung sein.
Und das wird auch trainiert: Die Soldatinnen
und Soldaten des Verbandes haben gerade einen „Kurz-Einsatz“ in
Bosnien-Herzegowina hinter sich. Von einer Übung
zu sprechen, wäre wohl tiefgestapelt.
Neben der schnellen Verlegefähigkeit
gibt es bei solch einer Mission kaum etwas
zu üben, die rund 620 Soldaten übernehmen
vor Ort ihr Material und wachsen in den Auftrag
hinein. So können die „realen“ Kontingente
gleichzeitig entlastet werden oder es können
besondere Aufträge erfüllt werden.
Der Einsatz, den der Verband im August absolvierte,
sah beispielsweise auch eine gemeinsame Übung
mit den Streitkräften Bosnien-Herzegowinas
vor.
Getreu dem Ausbildungsmotto „Train
and organize as you fight“ (sinngemäß: „übe
und plane, als ob du Dich im Kampf befindest“),
beginnt die Ausbildung auf der Gruppen- und
Zugebene. Nicht nur bei den Gebirgsjägern
verfügen die meisten Unteroffiziere
und Offiziere ohnehin über eine reichliche
Einsatzerfahrung. In dieser Ausbildungsphase
können sie bereits reichlich ihr Wissen
und ihre Erfahrung einbringen. Kontinuierlich
wird das Kontingent fachlich aufgebaut. Die
Ausbildung verläuft für die ORF-Kräfte ähnlich,
wie bei den Kontingentsoldaten. Bereits im
Februar und März diesen Jahres begannen
die Soldaten mit der Schulung der Gruppenführer
und ihrer Gruppen auf dem Truppenübungsplatz
Wildflecken. Er ist einer der Übungsplätze,
die auch mit ihrer Infrastruktur auf die
Ausbildung von Kontingentsoldaten ausgerichtet
wurden. Bereits im April ging es dann für
die Ausbildung im Zugrahmen auf den Truppenübungsplatz
Heuberg bei Stetten am kalten Markt. Die
persönlichen militärischen Fähigkeiten
waren ebenso zu schulen, wie es die persönliche
Vorbereitung, zum Beispiel mit den erforderlichen
Impfungen abzuschließen galt. Im Mai
erfolgte dann die Erkundung durch die verantwortlichen
Kontingentführer vor Ort direkt im Einsatzland.
Die vielfältigen Einsatzszenarien spiegeln
sich dabei in der Ausbildung wieder. Aufgaben
wie Patrouillen, der Betrieb von Checkpoints,
Konvoibegleitung, Objektschutz, Schutz vor
Minen, Sanitätsdienst aber auch der
Umgang mit Medien und Streßbewältigung
gehören zu den Ausbildungsinhalten.
Höhepunkt der Ausbildung ist ein Durchgang
im Gefechtsübungszentrum Altmark (GÜZ)
in Letzlingen unweit von Magdeburg. Hier
werden die Eingreifkräfte in einem Computergestützen
Ausbildungsszenario gefordert.
Das Gefechtsübungszentrum kann noch
viel mehr leisten, als nur den Rahmen für
die Ausbildung. Mehrere Hundert Rollenspieler
stehen zur Verfügung. Über das
Computersystem kann jeder Schritt der Übungsteilnehmer
verfolgt und jede Fahrzeugbewegung analysiert
werden. „So kann man Fehler im Anschluß erkennen
und beheben“, betont Brigadegeneral
Erich Pfeffer, der als Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade
23 aus Bad Reichenhall der Leitende der Abschlußübung
in der Letzlinger Heide ist. Er ist selbst
erst wenige Wochen vorher aus dem KFOR-Einsatz
zurückgekehrt. Ihm ist klar, dass die
Handlung für die Soldaten durchaus sehr
komplex ist und dadurch automatisch Fehler
und Unsicherheiten zum Vorschein kommen. „Das
wird permanent weiter geübt, auch noch
in den Einsatzländern, soweit die Möglichkeit
besteht“, erklärt der General.
Die Fäden für die Leitung der Übung
laufen bei Oberstleutnant Harald Reinhardt
zusammen. Er gehört zu den Verantwortlichen
im Gefechtsübungszentrum. „Wenn
die das hier schaffen sind sie für den
Einsatz gut gerüstet“, betont
er. Die Ausbildungsabschnitte der 72stündigen
Abschlußübung sind so realistisch,
dass Soldaten schon auch einmal vergessen,
dass sie sich im Training befinden. „Was
sie hier erleben, erleben sie hoffentlich
in den nächsten Monaten nicht mehr“,
fügt Reinhardt hinzu. Fast alle Kontingentsoldaten,
die in einer der Task Forces Dienst leisten
sollen, erhalten am „GÜZ“ den
letzten Schliff. Entsprechend voll ist der
Terminkalender: Rund 240 Tage im Jahr wird
das Übungszentrum genutzt. Die zahlreichen
Kontingente legen den Schwerpunkt natürlich
auf Einsatzsszenarien. Die vier Kompanien,
die hier als Rollenspieler vorgehalten werden,
sind aber zugleich funktionierende Kampftruppenverbände,
die auch für die Übungsabschnitte
im „herkömmlichen“ Bedrohungsbild
zur Verfügung stehen.
„
Es wichtig, dass die Frauen und Männer
hier schon erleben, wie es im Einsatzland
ist“, lobt General Pfeffer die Möglichkeiten,
die vor allem das „GÜZ“ als
bietet. Das sei wirklich ein „Service-Betrieb“ für
seine Truppe, betont der Brigadekommandeur
die Bedingungen. „Ich gebe die Grundlinien
vor und sie setzen die Inhalte um. Die basieren
natürlich auf den Erfahrungen im Einsatz“,
erklärt der Leitende für die Ausbildung
den Ablauf.
Wenige Woche nach dem Aufenthalt in der Letzlinger
Heide wurde es für den Verband dann
ernst. Für ein halbes Jahr lang haben
sich die mehr als 600 Soldaten des ORF-Verbandes
in Bereitschaft zu halten. Schon vorher war
sicher, dass die Soldaten mindestens einmal
zum Einsatz kommen. Für den Kommandeur
des Verbandes ist diese Form des Einsatzes
nicht mit einer kontinuierlichen Präsenz
im Einsatzland vergleichbar: „Der mögliche
Einsatz im Rahmen einer Alarmierung bedeutet
eine höhere Intensität im Einsatzland,
da ja nur im Notfall alarmiert wird. Wohingegen
ein kompletter Einsatz über mehrere
Monate eine höhere Belastung für
die Soldaten bedeuten kann“ betont
Oberstleutnant Sollfrank.
Für ihn gibt es aber auch einen deutlichen
Unterschied in den beiden Einsatzregionen,
auch wenn sie geographisch gar nicht so weit
auseinander zu sein scheinen: „Der
Balkan hat viele regionale Unterschiede in
Religionszugehörigkeit und Lebensqualität
der Einwohner.“ Sollfrank selbst verfügt über
einige Einsatzerfahrung, ebenso wie seine
Männer. Eigene Einsatzerfahrung sei
immer hilfreich, betont der Oberstleutnant
und das sei nicht nur für den Kommandeur
so, sondern für jeden Soldaten.
|
|
| Impressionen von der Ausbildung: |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
 |
| Brigadegeneral Erich Pfeffer |
|