truppen.info: Heer: Interview mit dem Kommandeur des ORF-Bataillons
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 „Eigene Einsatzerfahrung ist immer hilfreich!“
 Oberstleutnant Alexander Sollfrank im Gespräch mit truppen.info
Ihr Verband hat sich auf kurzfristige Verstärkungsaufträge in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo vorbereitet. Was unterscheidet die Vorbereitung für Ihren Verband von der anderer Soldaten?
Grundsätzlich hat der einzelne Soldat über die gleichen Fähigkeiten zu verfügen, wie andere Kontingentsoldaten auch. Jedoch verfügt der ORF-Verband neben seinem Kern, einem Kampftruppenbataillon, über weitere Fähigkeiten, die sogenannten „Force Multiplier“. Also Feldjäger, Pioniere, Sanitätskräfte und Logistikkräfte. Diese zusätzlichen Fähigkeiten bedeuten auch einen wesentlichen qualitativen Unterschied zu anderen Einsatzbataillonen.
Ziel in der Vorbereitung ist es daher auch, die Homogenität und das Zusammenspiel des Verbandes über dieses erweiterte Fähigkeitsspektrum hinweg intensiv zu üben, um jedweder Einsatzlage gerecht zu werden.
Daneben kommt das ORF-Bataillon in der Regel dann zum Einsatz, wenn das sogenannte sichere Umfeld bereits nachhaltig gestört ist. Also Standardaufträge sind für das ORF-Bataillon eher die Ausnahme.
Wie muss man sich Aufgaben und Alarmierung eines ORF-Verbandes vorstellen?
Das deutsche ORF-Bataillon wird auf Anforderung von KFOR bzw. EUFOR, im Rahmen eines festgelegten und geübten Abstimmungs- und Konsultationsprozesses innerhalb der NATO bzw. EU und nach Zustimmung durch das Bundesverteidigungsministerium alarmiert.
Die spezielle Aufgabenstellung bei einer Alarmierung ist schwer vorherzusagen, da weder Zeitpunkt, Ort noch Dauer eines möglichen Einsatzes bekannt sind. Das ist auch ein weiteres Charakteristikum von ORF. Wir müssen auf jedes mögliche Szenario vorbereitet sein.
Ist eigene Einsatzerfahrung in den Regionen für den Kommandeur von Verstärkungskräften hilfreich?
Eigene Einsatzerfahrung ist immer hilfreich, jedoch nicht nur für den Kommandeur, sondern für jeden einzelnen Soldaten.
Ist es für den Kontingentführer einfacher ein Bataillon aus der Reserve zu führen, oder einen kompletten Einsatz zu absolvieren?
Diese beiden Einsatzarten kann man so direkt nicht vergleichen. Beide haben ihre eigenen Herausforderungen. Der mögliche Einsatz im Rahmen einer Alarmierung bedeutet eine höhere Intensität im Einsatzland, da ja nur im Notfall alarmiert wird. Wohingegen ein kompletter Einsatz über mehrere Monate eine höhere Belastung für die Soldaten bedeuten kann.
Sie sind mit ihrem Verband „Eingreifreserve“ für zwei Einsatzgebiete, die Sie auch beide im Rahmen der Erkundung kennen gelernt haben. In wieweit ist die Situation in beiden Regionen wirklich vergleichbar?
Die beiden Einsatzgebiete kann man in ihrer Komplexität schwerlich vergleichen. Der Balkan hat viele regionale Unterschiede in Religionszugehörigkeit und Lebensqualität der Einwohner. Dennoch sind insbesondere aus der Geschichte resultierende Abhängigkeiten zu erkennen und zu berücksichtigen.
Sie kamen vor einigen Wochen aus Bosnien-Herzegowina zurück.
UN-, NATO- und EU-Truppen sind dort seit mehr als 10 Jahren präsent. Welche Aufgaben bleiben nach einer solchen Zeitspanne für Verstärkungskräfte?
Die Sicherheitslage in Bosnien-Herzegowina scheint durch die lang anhaltende Präsenz eine weitere Reduzierung der Kräfte zu rechtfertigen. Insofern sind vor allem Kräfte von Nöten, die den „Puls der Bevölkerung“ messen, um bevorstehende Lageveränderungen rechtzeitig zu erkennen. Daneben sind jedoch weiterhin Reserven vorzuhalten, die kurzfristig und effektiv auf mögliche Bedrohungssituationen reagieren können. Die Bevölkerung muss wissen, dass NATO und EU, trotz verminderter Stärke, weiterhin für ein sicheres und stabiles Umfeld einsteht.
Im Rahmen Ihres Aufenthalts im Einsatzland wurde auch mit einheimischen Streitkräften geübt, wie funktionierte diese Zusammenarbeit?
Das Zusammenwirken von uns mit Kräften der neu aufgestellten Streitkräfte war geplant, fand jedoch leider nicht statt. Aus anderen Begegnungen ist festzustellen, dass die Zusammenarbeit recht gut funktioniert.
Bei einer Alarmierung verbleibt Ihrem Verband mehr als ein Tag bis zur Verlegung in die betroffene Region. Hand auf’s Herz, reicht diese Zeit Ihrer Meinung nach aus, um ausreichend reagieren zu können?
Die Zeiten, die für eine Verlegung ins Einsatzland verbleiben, sind ausreichend. Durch eingespielte Alarmierungsketten und Übungen weiß jeder, was er zu tun hat. Ausrüstung, Material und Fahrzeuge sind einsatzbereit. Der Transport sowohl der Soldaten als auch der Ausrüstung ist organisiert und sollte reibungslos funktionieren.
Im Jahr 2004 kam es innerhalb weniger Stunden zu Unruhen im Kosovo. Sind Verstärkungskräfte außerhalb der Region ihrer Meinung nach in der Lage auf solche Unruhen zu reagieren?
Die Situation von 2004 ist mit der heutigen Situation nicht zu vergleichen. Als Reaktion auf die Unruhen im Jahre 2004 wurden eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um auf einen Ausbruch an Gewalt reagieren zu können. In diesem Zusammenhang sind insbesondere Fähigkeiten zum frühzeitigen Erkennen bevorstehender Unruhen zu nennen. Das Reservekonzept der NATO ist auch so ausgelegt, dass bereits heute taktische Reserven innerhalb der Region vorhanden sind, um unmittelbar reagieren zu können. Sollte es erforderlich werden, käme dann erst die operative Reserve, der wir, neben einem britischen und einem italienischen Bataillon, angehören, bzw. die strategische Reserve, ein französischer Verband, zum Einsatz.
Also ich meine schon, dass das NATO-Reservekonzept für den Balkan geeignet ist, um auf Unruhen angemessen reagieren zu können.
(Das Gespräch führte Uwe Zeitter) [13.10.07]
 „Gewehr bei Fuß“
 
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