truppen.info: Toilettenpapierrollen statt Fortbildung - Greifswalder Beamter als Reservist für vier Monate im KFOR-Einsatz
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 Toilettenpapierrollen statt Fortbildung
 Greifswalder Beamter als Reservist für vier Monate im KFOR-Einsatz
Prizren/Greifswald [12.03.06]. Wenn etwa der 21jährige Hauptgefreite Jens aus Bergen/Rügen oder sein Vorgesetzter, Oberfeldwebel Gordon (27) aus Karnin bei Stralsund, kein Toilettenpapier mehr haben oder es keinen Kuchen gibt, dann ist er Schuld: Oberstleutnant Birger S. aus Greifswald, seines Zeichens „Leiter Abteilung Verwaltung“ im deutschen Feldlager in Prizren/Kosovo. Für vier Monate ist der schmächtige Beamte in eine Bundeswehruniform geschlüpft und sorgt nun für einen möglichst reibungslosen Dienstbetrieb im KFOR-Alltag. „Für mich ist das eine echte Herausforderung“, so Birger S. (die Nachnamen dürfen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden).
Getreu dem Motto „ohne Mampf kein Kampf“ besteht für den Reservisten und seine Mannschaft die größte Herausforderung in der Verpflegung: rund 2.700 Soldaten stellt Deutschland für diesen Einsatz, die alle Hunger haben. Die Produkte kommen auf dem Land- beziehungsweise Luftweg aus der Heimat oder bei Frischwaren aus Griechenland – ein logistischer Kraftakt. Hinzu kommt der sogenannte „Liegenschaftsbetrieb“, angefangen von Tisch und Stuhl bis hin zur Rolle Toilettenpapier. „Ein Feldlager ist das hier nur noch nach außen“, so der Oberstleutnant, die Tendenz hin zu einer richtigen deutschen Kaserne im Ausland sei mittlerweile unverkennbar geworden.

Gibt sich Mühe, wie ein "richtiger" Sodat aufzutreten: Der Verwaltungsbeamte Birger S. ist für vier Monate in Uniform geschlüpft.
(Fotos: Bessel)





truppen.info vor Ort:
Aus dem Kosovo berichtet:
Lars Bessel,
Chefredakteur
Im Zivilleben ist der 36jährige Familienvater als Beamter im Kreiswehrersatzamt zuständig für den Berufsfortbildungsdienst der Bundeswehr. Anzug und Krawatte gegen Uniform samt Waffe zu tauschen sei für ihn zwar eine gewisse Umstellung gewesen, so S., aber kein Problem. Als verkleideten Zivilisten sieht er sich im Kosovo nicht. Er mache von seinem Sonderstatus als wehrübender Beamter keinen Gebrauch, sondern gebe sich Mühe wie ein „richtiger“ Soldat aufzutreten, sei es beim Antreten, beim Dienstsport oder auch nur mit Blick auf den korrekten Sitz der Uniform. Die sei im übrigen vor allem für seine mehreren hundert einheimischen Mitarbeiter äußerst wichtig. „Außerdem sind wir auf diese Weise in die Kameradschaft eingebunden und werden so auch von der Truppe akzeptiert.“
Immerhin verwaltet Birger S. auch das Geld. Dazu zählt neben der Bearbeitung von angerichteten „Flurschäden“ der Soldaten vor allem der sogenannte AVZ, der Auslandsverwendungszuschlag in Höhe von rund 66 Euro, den die Soldaten pro Tag zusätzlich erhalten. „Das hat viel mit Papier zu tun – aber auch viel mit Praxis.“ Die Verwalter hielten ständig den Kontakt zu den Soldaten, um möglichst „truppengerechte Lösungen“ zu finden. „Die Papierlage beschränkt sich hier deshalb auf ein Minimum“, so der studierte Jurist.
Seine Familie habe mit seiner Entscheidung für mehr als ein viertel Jahr am Stück ins Ausland zu gehen zunächst „gekämpft“, zumal er erst vor eineinhalb Jahren schon einmal im Kosovo war. „Für meine Frau bedeutet das erhebliche Mehraufgaben, bei zwei kleinen Kindern muss sie da ihre Frau stehen.“ Ohne die Zustimmung der Familie wäre er denn auch nicht freiwillig gegangen, so der Greifswalder.
Oberfeldwebel Gordon aus Karnin und sein Hauptgefreiter Jens aus Bergen sind derweil auf Fußstreife in Prizren unterwegs. Auftrag: beobachten. Viel aufregendes gibt es sechs Jahre nach dem Krieg allerdings nicht mehr zu sehen. Ab und an eine handgreifliche Streiterei, gelegentlich werden auch noch einmal bei Autokontrollen im kleineren Stil Waffen gefunden. Ein „Job wie jeder andere“ sei das dennoch nicht, so der Gruppenführer. Allein die zeitliche Belastung gibt ihm recht: 48 Stunden sind sie in der Stadt unterwegs, dann 48 Stunden Bereitschaft samt Aus- und Weiterbildung, anschließend 48 Stunden Kfz-Patrouille, gefolgt von 48 Stunden Bereitschaft – und dann das Ganze wieder von vorn, sieben Tage die Woche, vier Monate am Stück ohne Urlaub.
Natürlich gibt es zwischendurch auch ein paar Stunden Freizeit, „und wenn dann ausgerechnet die Rolle Toilettenpapier fehlt, dann ist der Ärger groß“, weiß Chefverwalter Birger S. um seine Verantwortung – und schuld will er dann lieber nicht sein …
(Lars Bessel)

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