truppen.info: Lahmender Baukonjunktur mit wehrsold begegnet - Kieler Architekt für vier Monate im KFOR-Einsatz
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 Kapitän entflieht der Bürokratie
 Kieler Architekt für vier Monate im KFOR-Einsatz
Prizren/Kiel [12.03.06]. Sein letztes größeres Projekt war ein Einkaufszentrum in der Kieler Innenstadt, jetzt baut er eine Schule im Kosovo um: Edgar W. ist freier Architekt und Soldat zugleich. Für vier Monate hat der 43jährige Familienvater die Förde gegen das südosteuropäische Karstgebirge getauscht. „Das ist eine prima Sache: wir helfen dem Land und meinem Portemonnaie.“ Und noch etwas schätzt der Korvettenkapitän im KFOR-Einsatz: die Bürokratie – die es kaum gibt. „Ich will nichts gegen das Kieler Stadtbauamt sagen, aber hier sind die Baugenehmigungsverfahren deutlich vereinfacht.“
Für Edgar W., dessen Nachname aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden darf, ist es bereits der dritte Auslandseinsatz. „Die Arbeit hier ist reizvoll und aufgrund der lahmenden Baukonjunktur in Schleswig-Holstein ist die zivile Auftragslage schwach“, so der Kieler. Nach intensiven Gesprächen mit der Familie bewarb er sich deshalb beim Personalamt der Bundeswehr erneut um einen Job im Bereich der zivil-militärischen Zusammenarbeit (CIMIC). Neben der Kameradschaft begeistere ihn auch die Arbeit, „hier wird noch der Ingenieur gebraucht und nicht der Verwaltungsmensch, der vor allem Papier bewegt“. Als Leiter des sogenannten Projekttrupps erkundet er lohnenswerte Objekte, bewertet den Neubau- beziehungsweise Renovierungsbedarf, erarbeitet Vorschlage für das deutsche Einsatzführungskommando in Potsdam und setzt diese Maßnahmen bei entsprechender Befürwortung auch konkret mit den Kommunen und einheimischen Arbeitern um. Die örtlichen Handwerker stellen für den Norddeutschen im übrigen die größte Herausforderung dar: „Jeder der hier Bäcker gelernt hat und keine Arbeit mehr findet ist am nächsten Tag Estrichleger – dem muss man dann auch schon mal die Funktion einer Wasserwaage erklären können.“

Edgar W. erkundet lohnenswerte Objekte und bewertet den Neubau- bzw. Renovierungsbedarf


Fotos: Bessel
Die fachliche Arbeit unterscheidet sich für den Korvettenkapitän kaum von der des zivilen Architekten Edgar W. – aus diesem Grund kauft die Bundeswehr sich diesen Sachverstand auch extern ein, weil sie diese Kompetenzen nicht selbst vorhalten kann. Mit ein Motiv, warum diese Art der scherzhaft „Dachlatten-CIMIC“ genannten Hilfe bei der Bundeswehr keine Zukunft hat. Edgar W. gehört zu den letzen Soldaten, die noch selbst mit Hand anlegen – künftig soll der Schwerpunkt dieser Einheiten im Bereich Hilfe zur Selbsthilfe und Informationsgewinnung liegen.
Für den Kieler Architekten ist die Hauptaufgabe der kommenden Wochen und Monate aber bereits geklärt: eine Dorfschule im Hochland muss renoviert und vergrößert werden. Das Dach ist löchrig und nicht isoliert, in den Klassenzimmern wächst der Schimmel quadratmetergroß an den Wänden, außerdem muss ein Anbau her. Dass ausländische Soldaten dieses Projekt leiten, scheint für die Schülerinnen und Schüler sechs Jahre nach Kriegsende nichts besonderes mehr zu sein.
Mit Uniform, Waffe und Offiziersdienstgrad hat auch der Zivilist W. keine Probleme. „Die Fachkompetenz von uns Reservisten wird anerkannt. Und solange man nicht den eigenen Anspruch hat, Truppen führen zu wollen, läuft das problemlos.“ Die notwendige militärische Nachhilfe gibt es vom unterstellten Truppenfeldwebel, der wiederum bekommt dafür eine „Gedächtnisauffrischung“ aufgrund seiner lang zurückliegenden Ausbildung etwa als Bautechniker. „Ein prima Team“, schwärmt W., der gleichwohl keinen Zweifel daran lässt, wer wem etwas zu sagen hat: „Wenn ich einen Befehl gebe, dann wird der auch befolgt.“
Rund sechs Wochen wurde der Architekt für diesen Einsatz im Vorfeld fit gemacht. Schieß- und Minenausbildung zum Beispiel, Verhalten bei Geiselnahme oder Demonstrationen. Für Edgar W. ein wesentlicher Punkt, warum er mit der Bundeswehr in den Einsatz geht und nicht mit einer Hilfsorganisation. Hinzu käme der Schutz im Kosovo selbst und außerdem seien die Standzeiten der zivilen Anbieter deutlich länger.
truppen.info vor Ort:
Aus dem Kosovo berichtet:
Lars Bessel,
Chefredakteur
Und der Kieler vermisst jetzt bereits die Förde samt Familie. „Wir versuchen das zu kompensieren durch möglichst viele Telefonate.“ Aber Frau und Sohn stünden hinter ihm. Und was ihn fast noch mehr freut ist, dass die beiden auch nicht allein gelassen werden, „die Unterstützung durch unsere Freunde und Nachbarn ist einfach toll“.
Und so spielt der Kieler Architekt denn auch schon mit dem Gedanken an einen vierten Einsatz irgendwo zwischen Balkan und Afghanistan. „Aber das muss ich erst noch mit meiner Familie in Ruhe abstimmen.“ Vorgewarnt ist sie jetzt …
(Lars Bessel)
"Soldaten schmunzeln über mich"
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