Erstens:
Die Menschen im Kongo sind kriegsmüde. Seit Jahrzehnten wird „Im Herzen
der Finsternis“, wie der Schriftsteller Joseph Conrad das Land schon vor über
hundert Jahren nannte, um Gold, Diamanten, Coltan Edelholz und andere Reichtümer
brutal gekämpft. Wie die Hyänen sind kleine und große Nachbarn über
die Ressourcen hergefallen. Sie bekriegten sich dabei auf dem Boden des Kongo
oft gegenseitig. Mehrere Millionen Tote – niemand kennt exakte Zahlen – sind
das Ergebnis. Inzwischen aber haben die Menschen im Kongo erkannt, dass Freiheit
und Frieden die wertvollsten Schätze sind. Danach sehnen sie sich.
Zweitens:
Mit Geld lässt sich in Afrika alles regeln. Unter dem Einfluss der Europäer
gelingt es offenbar, den mächtigen Männern im Kongo die wichtigste
Spielregel der Demokratie zu „verkaufen“: Die Minderheit akzeptiert
das Votum der Mehrheit. Im Klartext bedeutet das: Auch der Verlierer der Wahl
und seine engsten Verbündeten werden profitieren, wenn sie nach der Stimmauszählung
ruhig bleiben. Neue Gewalt wird sich also nicht auszahlen.
Drittens:
Die Soldaten aus Europa haben sich durchgesetzt. Als der amtierende Präsident
Joseph Kabila nach dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl feststellte,
dass es nicht für die absolute Mehrheit gereicht hat, ließ er das
Haus seines Gegners Bemba beschießen. Die EUFOR-Truppe, inklusive Bundeswehr,
griff ein und machte dem Spuk ein schnelles Ende. Seit diesem Tag glauben die
Menschen in Kinshasa, dass Europäer unparteiisch bleiben, auch wenn es heiß wird.
Eine erneute Feuerprobe, womöglich verbunden mit Gefechten gegen die Europäer,
will niemand mehr riskieren.
Viertens:
In den Medien wollen auch Afrikas Politiker gern gut aussehen. Die massive Präsenz
von Journalisten hat dazu geführt, dass alle Welt wieder an die Machenschaften
der kongolesischen Warlords erinnert wurde. Wer aber international akzeptiert
sein will, kann es sich nicht leisten, als Anführer von Kindersoldaten da
zu stehen. Die Mörder von gestern müssen also beinah zwangsläufig
zahm werden und handeln deshalb nach dem Prinzip: „Freundlich lächeln,
ruhig bleiben. Wer zuerst schießt, hat verloren.“
Die europäische Mission EUFOR RD CONGO ist
damit schon jetzt weit mehr, als nur „Symbolpolitik“.
Die angeblich so zahnlose EU beweist sich zum
ersten Mal außerhalb des eigenen Kontinent
als konfliktverhütende Macht. Wenn die EUFOR-Truppe
mit Ablauf ihres Mandats am 30.November abzieht,
wird sie keinen Triumphzug erleben – aber
ihren Auftrag erfüllt haben.
Es ist ein bisschen wie im Fußball. Am Ende wird’s ein „Arbeitssieg“ gewesen
sein. Nicht schön anzusehen – Hauptsache erfolgreich. Und im Geschichtsbuch
werden zwei Gewinner stehen: Der „Trainer“ (Verteidigungsminister
Franz Josef Jung) und sein „Kapitän“ (EUFOR-Befehlshaber Generalleutnant
Karlheinz Viereck). Jung wird der erste Verteidigungsminister sein, der einen
Bundeswehr-Einsatz nicht nur beginnt, sondern auch selbst zum guten Ende bringt.
Und Viereck hat sich als Chef für größere internationale Teams
empfohlen. |