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Zwischen Panzer und Bar |
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Alltag in Prizren – ein „unspektakulärer“ Reisebericht
zu KFOR |
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| Tägliche Gefährdung: Die Verkehrsverhältnisse im Kosovo sind gewöhnungsbedürftig. |
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Prizren [27.03.06]. Anders
als noch 2003 fliege ich diesmal nicht Skopje in Mazedonien an, sondern
bereits die „Hauptstadt“ des
Kosovo, Pristina. Von dort aus geht es, wie immer, mit einem Bulli
der Bundeswehr-Pressestelle nach Prizren, jener geschichtsträchtigen
Stadt im Süden, wo die deutschen Soldaten seit Sommer 1999
stationiert sind. Aufregung? Fehlanzeige, auf allen Seiten. Es herrscht
Routine. Die Verwalter haben längst angefangen, zu verwalten.
Gefahren? Ja, die gibt es: den Straßenverkehr.
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Was
sich einem dann bietet gleich mehr einer deutschen Kaserne als
einem Feldlager. Nach dem Entladen der ansonsten immer teilgeladenen
Waffen meiner militärischen Begleiter, tuckern wir den Hang
hinauf. Vorbei an unzähligen Wohncontainern, dem kleinen
Krankenhaus, bis hin zu den beiden riesigen Verwaltungsgebäuden.
Hier residiert die multinationale KFOR Brigade Süd-West – noch.
Denn auch im Einsatz ist nicht so beständig wie die Veränderung:
nachdem zunächst der deutsche mit dem italienischen Sektor verschmolzen
wurde, wird dieser Schritt nun wieder rückgängig gemacht. Nicht,
weil man sich nicht verstünde, versichern alle Offiziere ungefragt,
sondern aus taktischen Gründen. Die Umgliederung sei gedacht als
Vorbereitung auf eine in naher oder fernerer Zukunft liegende Truppenreduzierung. |
Beim
anschließenden
Stadtrundgang mit Soldaten des Einsatzbataillons könnte man den
Eindruck gewinnen, die Anwesenheit von tausenden ausländischen KFOR-Soldaten
wäre bereits jetzt unnötig: es ist ruhig. Patrouillenführer
Gordon K. antwortet denn auf die Frage, was er in den vergangenen Wochen
spannendes erlebt habe, nach langem nachdenken: es käme ab und zu ´mal
zu handgreiflichen Streitigkeiten unter den Kosovaren, die es zu schlichten
gelte. Auf militär-deutsch heißt das dennoch: die Lage ist „ruhig
aber nicht stabil“. |
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| Ein Soldat des Einsatzbataillons hält ein Auge auf die Stadt. |
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Zu
recht, denn von stabilen Verhältnissen kann im UN-Protektorat Kosovo wahrlich
noch lange keine Rede sein. Die augenscheinliche Ruhe derzeit hat ganz
sicher auch etwas mit den aktuellen Statusverhandlungen in Wien zu tun.
Sollte am Schluss nicht die von den Kosovaren geforderte Unabhängigkeit
des Kosovo stehen, dürfte es auch mit der Ruhe sehr schnell wieder
vorbei sein. Doch solange geredet wird, will man die eigene Verhandlungsposition
nicht durch unüberlegte Aktionen an der Heimatfront schwächen.
Wie schnell die Stimmung umschlagen kann, haben die Märzunruhen im Jahr
2004 gezeigt: generalstabsmäßig organisiert brannten militante Kosovo-Albaner
unter anderem den Bischofssitz und das serbisch-orthodoxe Erzengel-Kloster in
Prizren nieder. Die Bundeswehr blieb damals in der Kaserne – aus verschiedenen
Gründen, wie mir ein Offizier beim Stadtrundgang erklärt, der auch
damals einer der Verantwortlichen war. |
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| Der
Sitz des serbisch-orthodoxen Bischofs von Prizren im Jahr 2003 (links)
und 2006. |
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| Bauen für die Ewigkeit: Soldaten der Feldlagerbetriebskompanie. |
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| Kontaktstelle
in die Heimat, das Feldpostamt im "Kosodrom". |
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| Den Einheitshaarschnitt
gibt es beim "Lagerfrisör".... |
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| ... das DAB (DienstAbschlußBier) zum Beispiel in der OASE. |
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Die
Blockade des deutschen Feldlagers sei gar nicht das entscheidende Problem
gewesen,
sagt er, „da wäre ich mit meinem Panzer notfalls auch durch
den Zaun gefahren“. Was fehlte war schlicht ein sauberes Lagebild
aus der Stadt. Es mache wenig Sinn mit einer ganzen Patrouille „auf
den Marktplatz zu rumpeln“ um dann festzustecken. Außerdem
hatten es die Kosovaren auch „nur“ auf Symbole abgesehen,
die Mönche etwa ließ man zunächst unbehelligt abziehen,
bevor man ihr Kloster in Brand steckte. Freilich ist die KFOR aber ebenfalls
zum Schutz von Kulturgütern vor Ort. Allerdings hatten die Deutschen
damals ferner noch nicht die Ausrüstung wie heute, zum Beispiel
Schlagstock und Schild, CS-Granaten und dergleichen polizeiliche „Demo-Utensilien“ mehr.
Ob all das ausreicht, wird im schlimmsten Fall erst eine neuerliche Eskalation
zeigen – doch die ist vorerst nicht zu erwarten.
Und so nutzen die Deutschen Zeit und Möglichkeit, ihr Feldlager weiter
auszubauen. Immerhin geht auch der derzeitige deutsche Befehlshaber, Oberst
Gerd Kropf, davon aus, dass KFOR noch „mindestens zwei bis drei Jahre“ bleiben
muss – vermutlich länger. Was das Bauen anbelangt, sind mit
Schwerpunkt die Soldaten des Feldlagerbetriebszuges um Oberleutnant Holger
B. gefordert. In ihren Werkstätten wird gebohrt, geschweißt,
gehämmert was das Zeug hält. Sei es, dass eine Wohncontainertür
repariert werden muss, sei es, das eine komplette Küche runderneuert
werden soll. Vom Grundsatz her gibt es im Feldlager alles, was in einen
kleinen Ort gehört: Kaufmann, Post, Friseur, Fitnessstudio, Tankstelle,
Polizeiwache, Krankenhaus, Apotheke, Internet-Café, Restaurants – und
natürlich jede Menge Bars (offiziell: Betreuungseinrichtungen). Zapfenstreich
ist in der Woche um Mitternacht, aber so richtig kontrolliert wird der
auch nicht, erklärt mir mein Fahrer.
Ich entscheide mich am Abend jedoch nicht für die „Oase“ oder
die „Millennium-Bar“ im Lager mit Begleitung, sondern nehme
eines der zahllosen Taxen in die Stadt. Es ist noch recht kalt, was erklärt,
dass nur wenige durch die Fußgängerzone flanieren. Im Sommer
2003 war das anders: die Innenstadt quoll geradezu über an jungen
Menschen. Diesmal sind es vornehmlich junge Männer, die in den Straßencafes
sitzen. Die Situation durchaus vergleichbar mit einer 120.000-Einwohner-Stadt
in Deutschland. |
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Auch
wenn die Soldaten hier nur zu zweit und bewaffnet durch die dunklen Seitengassen
gehen, schlendere ich selbst mitternächtens vollkommen unbehelligt
an der Bistrica entlang. Zurück im Motel dann aber die Erinnerung
an die eben doch noch nicht völlig stabile Lage: Stromausfall. Ein
unspektakulärer Tag ist zu Ende – deutscher Soldatenalltag
auf dem Balkan.
(Lars Bessel) |
| Fotos: Lars Bessel
(7), Uwe Zeitter(2)] |
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