truppen.info: CIMIC-Einsatz in Afghanistan
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 "Abenteuer im Teletubbie-Land"
 Einsatz in Afghanistan: Vier Monate Wiederaufbauarbeit "haben ´was gebracht"
Kunduz / Krempe [06.02.06]. Kapitänleutnant Peter P. ist stolz. Vier Monate lang ist er als Erkundungstrupp-Führer für die Bundeswehr durch den Norden Afghanistans gereist und hat Wiederaufbauprojekte begutachtet und im Zuge der zivil-militärischen Zusammenarbeit (CIMIC) teilweise auch aktiv unterstützt. „Ich kann mit Überzeugung sagen: ich habe etwas bewegt, ich habe Menschen geholfen“, lautet seine selbstsichere Bilanz im heimischen Krempe bei Hamburg. In der kleinen Aula der örtlichen Schule berichtet er vor staunenden norddeutschen Zuhörern über Armut, Minenfelder und Gastfreundschaft.
Afghanistan: ein Land mit rund 28 Millionen Einwohnern, das aufgrund seiner Gebirge (vor allem der Hindukusch) zu drei Vierteln unzugänglich ist. Ein Land, das Jahrzehnte des „Stellvertreter-Krieges“ erlebt hat und als „Terroristenschmiede“ unten den radikalen Taliban um Osama Bin Laden traurige Berühmtheit erlangt hat. Die Amerikaner befinden sich dort deshalb noch immer im Krieg und machen Jagd auf „Al Kaida“ – auch mit Unterstützung der Bundeswehr. Auch wenn das „Kommando Spezialkräfte“ (KSK) aus dem baden-württembergischen Calw in diesem Kriegseinsatz immer wieder Verluste verzeichnen muss, gibt es diese Mission im offiziellen Sprachgebrauch eigentlich nicht. Bekannt ist dagegen die Mission ISAF, zu der auch Peter P. (47) gehörte.
Stationiert war der Kapitänleutnant während seines Auslandseinsatzes in der Stadt Kunduz im Norden Afghanistans. Ein provisorisches Feldlager im Stadtzentrum, das an sich für 260 Soldaten ausgelegt, teilweise aber auch mit bis zu 400 Deutschen belegt war, so P.. Mittlerweile werde nahe des Flughafens außerhalb der Stadt eine neue Unterkunft gebaut, die nach dem Abzug der Bundeswehr als afghanische Universität genutzt werden soll. Das schlimmste seien die Sandfliegen gewesen, die „hässliche und nässende Ekzeme“ verursacht hätten – auch wenn er davon verschon geblieben sei. Für die spärliche Freizeit gab es das „Lummerland“, eine sogenannte „Betreuungseinrichtung“ (maximal zwei Dosen Bier am Tag), sowie die „Muckibude“ mit Laufbändern, Indoor-Fahrrädern und Gewichtstangen. Highlight war der Freitag (entspricht dem deutschen Sonntag, Anm. d. Red.) mit einem kleinen Basar der Einheimischen im Feldlager – Schwerpunkt Mitbringsel.
Auftrag der CIMIC-Soldaten ist es, ein möglichst genaues Lagebild von der Einsatzregion zu erstellen – das im übrigen auch anderen, sogar zivilen Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt wird. Die entscheidenden Bereiche sind Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, Verwaltung, Landwirtschaft und Gesellschaft. Ziel ist dabei nicht nur, militärische Entscheidungen zu erleichtern, sondern auch gezielt zu helfen, um die Stabilität im Land (wieder-) herzustellen. Er sehe dabei, so P., „ernsthafte Bemühungen der Afghanen, um Entspannung, Beruhigung und Befriedung“.
Anders als noch auf dem Balkan bei SFOR und KFOR gehe es bei ISAF nicht um „Dachlatten-CIMIC“, erklärt Peter P. in der Kremper Schulaula, sprich nicht direkter Wiederaufbau durch die deutschen Militärs ist gefordert, sondern Hilfe zur Selbsthilfe. „Die Bundeswehr lernt eben auch dazu“, sagt er später gegenüber truppen.info. Von der ursprünglich angekündigten „kritischen“ Analyse seines Einsatzes bleibt jedoch nach unserer Voranmeldung zum Vortrag und Rücksprache mit dem zuständigen Presseoffizier ansonsten nicht mehr viel übrig.
Im Teletubbi-Land: Die Landschaft bei Dashte Archi
 
Mutig: "Autofähre" in Quala i Zal
 
Klassenzimmer einer Schule bei Aq Tappeh Fotos: Peter P.
 
Kapitänleutnant Peter P. mit seiner „Sirwal“, der Hose des traditionellen Kaftans. Foto: Bessel
Als Chef eines „Liaison and Monitoring Teams“ (LMT) war P. in seinen knapp vier Monaten Einsatz fast nur auf Achse. Begleitet von einem rund 15köpfigen Team samt Notarzt nebst Rettungswagen ging es kreuz und quer durch afghanisches Mittelgebirge, „das von oben aussieht wie Teletubbie-Land“ aus dem Kinderfernsehen. Elektronische Routenführung aus dem All via GPS war dabei desöfteren sinnlos – beim Weg durch die tückischen Wanderdünen halfen im Zweifelsfall besser die vorhandenen Kamelspuren.
An sich gäbe es in Afghanistan alles, so der Kapitänleutnant, von Pepsi-Cola bis hin zum chinesischen Fahrrad. Die einzige Mangelware sei Holz. Außerdem hake es an der Wertschöpfung im eigenen Land: Beispiel Leder. Die afghanischen Schaffelle werden nach Pakistan verkauft, dort gegerbt und zu guten Preisen an „adidas“ verkauft; die zweite Wahl komme für viel Geld zurück nach Afghanistan. Das Ziel müssten deshalb eigene Gerbereien in Afghanistan sein.
Zu den konkreten Projekten. Mit – zum Teil zivil angemieteten – Fahrzeugen geht es auf mitunter abenteuerlichen Touren durch die Distrikte:
Navabad (Archi)
Für eine Strecke von etwa 45 Kilometern zu dem kleinen Krankenhaus bedarf es rund vier Stunden Fahrt. Nach verstreuten Minenfeldern am Wegesrand gilt es schließlich mit viel Zeit bei Tee und Gebäck – und ohne Schuhe – Aufklärung zu betreiben. Die Probleme: es gibt keinen Brunnen mehr, der Solarstrom reicht nur für den Medikamenten-Kühlschrank und eine einzige Glühbirne im Kreißsaal, das „Labor“ ist (mit einem Mikroskop) wegen des Lichtes nur während des Tages nutzbar. Das „H3 Hospital“ (3 = 30 Betten) ist an sich zuständig für rund 20.000 Menschen.
Die Moschee ist eine Pilgerstätte für mehr als 20.000 Menschen in jedem Frühjahr. Es sind allerdings nur fünf Toiletten für die Männer vorhanden, die Frauen verrichten ihre Notdurft im „Garten“. – Durch P.s Vermittlung zum deutschen Außenministerium wird eine großzügige sanitäre Anlage gebaut, für Männer und Frauen, und zwar durch einheimische Arbeiter.
Tash Gozar
Gehört das Schulgrundstück der Schule? In Afghanistan gibt es keine Grundbücher, was vor allem für die zahllosen zurückkehrenden Flüchtlinge ein riesiges Problem darstellt. Anhand von zerschlissenen Papieren gelingt es CIMIC die Eigentumsfrage zu klären. Zur Feier des Tages gibt es – gestiftete – Unterrichtszelte, Schultafeln, Kreide und kleine Präsente für die Kinder.
Außerdem verteilt P. mit Hilfe des Auswärtigen Amtes insgesamt über 30.000 Radios an Lehrkräfte, damit diese als Multiplikatoren die Chance auf (von den religiösen Führern) unabhängige Informationen bekommen. Die Radios funktionieren mit Dauerstrom, Batterie oder per Induktorkurbel (mehrmals drehen = zwei Minuten Strom).
Außerdem verhilft P. einem jungen Mädchen zu einem neuen Leben: da in Deutschland verordnete und von den Krankenkassen zur Verfügung gestellte Gehhilfen nicht zurückgegeben werden dürfen, ermöglicht ein nach Afghanistan gespendetes Paar Krücken einer gehbehinderten Schülerin den erneuten Weg zur Bildung.
„Ich bin stolz“, so Peter P., „und wäre – aber das darf meine Frau nicht hören- gern auch ein ganzes Jahr lang in Afghanistan geblieben.“
(Lars Bessel)
 
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