truppen.info: Einsätze: Afghanistan
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 Innenansichten aus Afghanistan
 Private Feldpostauszüge eines deutschen Soldaten
Itzehoe/Kabul [27.10.2006]. Der "Totenschädel-Skandal" erschüttert die Bundeswehr und ganz Deutschland fragt sich, "was machen die da eigentlich in Afghanistan?" truppen.info veröffentlicht exklusiv Feldpostauszüge eines deutschen Offiziers - machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Die Texte wurden anonymisiert, um den Soldaten und seine Familie zu schützen - der Autor ist der Redaktion aber bekannt.
 Kapitel 1
Hallo Europäer,
ich melde mich gerade aus der netten Drop Zone im schönen und sommerlich warmen Kabul. Dort hat es mich für eine gute Woche hin verschlagen, wobei das so gar nicht richtig ist. Die meiste Zeit befand ich mich bisher in Mazar-e-Sharif, einem Nest (500.000 Einwohner) im Nordwesten AFG. Gestern flog ich dann über Faizabad nach Kabul weiter und hier gibt es auch wieder Internet.
In Mazar musste ich mich einweisen lassen, um in Kürze dort meinen Posten im Feldlager zu übernehmen. Meine Frau hat diesem etwas kurzfristigen Einsatz (weiß ich seit 9 Tagen) nur unter der Bedingung zugestimmt, dass ich bis zum Herbst auch zurück bin. Die Androhung lautet, sie würde sonst einen anderen finden …
Dass ich dann das merkwürdige Glück hatte, noch schnell auf eine Dienstreise mitzufahren, die mich innerhalb von 48 Stunden in mein Einsatzgebiet bringt, war wirklich Glück. Ich berichte kommendes Wochenende etwas intensiver über das Erlebnis dieser Reise und vor allem die Dinge hier vor Ort.
Grüße …
 Kapitel 2
Nur zur üblichen Kurzmeldung, bevor ich mich für neun Wochen aus dem Funkverkehr ausklinke. Wir haben in den vergangenen zwei Wochen unsere Verabschiedungs- und Vorbereitungstour vor meinem Einsatz durchgezogen. Deshalb wurde es an den Wochenenden nicht nur terminlich knackig eng, sondern vor allem nicht langweilig.
Vor zwei Wochen fand freitags noch das Parallelspachteln der Offiziersgilde am Standort statt, bevor wir tags darauf zu den Eltern meiner Frau fuhren. War ganz ordentlich und ich hatte einfach Schwein. Bis 18.00 Uhr musste der Organisations- und Vorbereitungsplan nur durchhalten, dann setzten die deutschen Kicker ihrerseits zum Beginn der FIFA-WM an und für mich ein. Die Stunden vom nachmittäglichen Beginn der Veranstaltung bis zum Start der WM füllte ich mit Kuchen und „Grillgut“ (wunderschönes mundartliches Ergänzungsstück zu dem berühmten ostdeutschen „Winkelement“).
Das Wetter zauberte an dem Nachmittag den ersten schönen und vor allem warmen Nachmittag in die Welt und ich hatte gewonnen. Tags darauf fuhren wir dann durch das Land und genossen den Trip durch das herrliche Mecklenburg.
Unter der Woche hörten wir uns in B. einen Vortrag des Generalkonsuls Serbiens (nicht mehr Montenegros) an, der zur Geschichte des Konfliktes im Kosovo (Kosova-Mehtodija oder so ähnlich) vortrug. Organisiert vom Verein für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. in einer Kaserne der Bundeswehr vor Soldaten, die gerade im Kosovo gewesen waren oder allgemein in deutschen Einsatzgebieten ständig präsent sind, den Sanitätern. Kurz vor Ende des Vortrages hielt ich es dann absolut nicht mehr aus und verließ mit meiner Frau den Saal und damit auch diesen Vortrag, denn sowohl inhaltlich als auch in der Bewertung und Interpretation war das keine Frechheit, sondern geradezu reaktionär. Jetzt weiß ich was es heißt, Tatsachen und geschichtliche Ereignisse zu selektieren, in einem anderen Zusammenhang darzustellen, in die eigene Vorstellung einzupassen usw. Die serbische Geschichtsauffassung dazu ist ähnlich krude wie die deutsche früherer Jahrzehnte, als noch Ideologien vor Schülern verkauft werden mussten.
Am vergangenen Wochenende waren wir dann bei meiner Mutter (tolle Tour!) und brachten somit von Freitagmittag bis Sonntagnacht insgesamt knapp 27 Bahnstunden hinter uns. Dazwischen lagen drei Stunden, die unserem Traugespräch vorbehalten blieben, als wir bei einem Zwischenstop unseren Traupfarrer trafen. Highlight wurde die „konkret“ zeitkritische Verbindungsaufnahme mit dem Anschlusszug, der 15.12 Uhr abfuhr bzw. abfahren sollte. Und da wir uns einfach nicht trennen konnten (ich kenne den Pfarrer aus meiner Vorverwendung) rannte ich mit meiner Liebsten tatsächlich erst um 15.12 Uhr auf den Bahnsteig. Der Zug hatte 5 Minuten Verspätung.
Solcherart Rennen waren wir aber gewohnt, denn unter der Woche hatten wir unseren ersten gemeinsamen Testmarsch zur Überprüfung des allgemeinen militärischen Könnens über 20 Kilometer hinter uns gebracht. Und ich habe wieder etwas gelernt. Mit freundlicher Unterstützung zweier Soldaten erfuhren wir als insgesamt 4 Soldaten starke Marschgruppe eine Marschbegleitung (Überwachung ist ein zu kritisches Wort und spiegelt den Charakter dessen auch nicht wieder), wie ich sie in meiner Bundeswehrzeit noch nicht erleben durfte. Höhepunkt dieser generösen Behandlung, die ich so was von eindeutig meiner Begleiterin zu verdanken hatte, waren bei Kilometer 12 frische Brötchen vom Bäcker, deren einziges Manko vielleicht darin bestand, dass sie noch nicht vorgekaut waren. Da wir morgens um 05.00 Uhr losmarschiert waren, hatte das fast schon Urlaubscharakter.
Am kommenden Wochenende wollen wir noch mal gen Norden. Grund ist die Kieler Woche. Für alle Nicht-Sprotten: kulturelles, politisches, und was weiß ich noch Highlight des Nordens sowie einziger Termin, wegen dem Generäle der Bundeswehr oder Wirtschaftsbosse und Polit-Chargen Gründe erfinden, die ihre Anwesenheit nördlich des Nord-Ostsee-Kanals begründen könnten. Na ja, und da fahren wir dann auch mal hin.
Samstag gibt es dann Kultur mit dem Vorschlaghammer: Die Stadt S. ruft. Für den Unbedarften. Auch diese nordische Stadt hat ihre Reize. Man(n) sieht also, dass unser vorletztes prä-Einsatz-Wochenende voll ausgeplant ist. Zwischendurch gilt es, die Terrasse des Gartens in einen weniger dschungelähnlichen Zustand zu versetzen. Für mich heißt das also Säubern des Wohnzimmers. Den Carport als Ausweichmöglichkeit habe ich bereits entrümpelt. Damit erfülle ich die strengen Forderungen des „Cavemen“, der in seinem letztjährigen Programm im Hamburger Schmitz-Tivoli die genannten Räumlichkeiten der alleinigen Verfügungsgewalt des Mannes zusprach. (Zum Wohnen und Schlafen!)
So das war’s.
Das Abenteuer Afghanistan steht bevor...
Foto: PIZ ISAF
 Kapitel 3
Letztmaliges Schreiben vor dem Einsatz. Versprochen!
Mein Arbeitgeber schenkte mir unverhofft und ungeplant drei weitere Tage mit meiner Frau bevor ich nach Nordafghanistan aufbrechen werde.
Da aber seit der letzten unserer Meldung bereits einige Tage ins Land gegangen sind, kurz aus unserem persönlichen WM-Tagebuch:
Achtelfinale gegen Schweden, was für ein Wochenende für uns. Freitag ans Meer. Mensch, endlich mal fast gutes Wetter hier oben und der Glaube an den diesjährigen Sommer kehrt langsam wieder in unsere Herzen zurück. Bis dahin hatte ich vermutet, den ganzen Sommer über Winterbekleidung tragen zu müssen. Strandwanderung an der Nordsee, Kaffeetrinken in Nordfriesland und am Abend wunderbares Grillen im heimischen Garten. Grandios.
Aber kein Vergleich zum Samstag. Morgens früh raus und ab an die Ostsee. Das übliche Eis im Lieblingseiscafe bildete am Nachmittag nur das Warm-up vor der frühabendlichen Fahrt nach Flensburg: Fußball. War das ein Spiel?! Noch völlig aufgekratzt von der Faszination Fußball fuhren wir zurück und kamen über den Ortsrand von Flensburg kaum hinaus, als wir von weitem bereits wild blinkende Fahrzeuge sahen. Nun erlebte ich meine Frau erstmals von der anderen Seite und bin noch im Nachhinein mächtig überrascht, mit welcher Professionalität und beruflichem Selbstverständnis sie bei den beiden Schwerstverletzten Zugänge gelegt und zu Beginn ihrer Rekognoszierung vor Ort den bereits verstorbenen jungen Mann noch behandelt hat. Spät abends habe ich dann allein Fußball gesehen. Am Sonntag lebten wir in den Tag hinein. Als wir davon genug hatten, fuhren wir nach Kiel und hörten uns das Konzert von Reamonn an. Genial! Das abschließende Feuerwerk der Kieler Woche nahmen wir noch mit und trollten uns anschließend in Richtung Heimat. Mal muss ja geschlafen werden.
Unter der Woche war noch alles klar mit meinem Abflug. Das Wochenende verbrachten wir in der ruhigen und abwartenden Haltung zu Hause. Außer am Sonntagfrüh. Der war über vier Stunden unserem Abschiedsbrunch vorbehalten. Oh Gott! Lecker.
Montag sollte es dann losgehen. Als ich meine Unterlagen abholte, wurde mir eröffnet, dass der Flug um vier Tage verschoben worden war. Das waren dann die 2 o.g. Urlaubstage, die ich zusammen mit meiner Frau nun zusätzlich hatte. Kurzerhand begaben wir uns mit den Fahrrädern, dem Zelt und unseren Schlafsäcken nach Sylt, mieteten uns auf einem Zeltplatz ein, „carpe diem“ und verschwendeten bei Prado sinnlos Geld … Kleine Anekdote am Rande: Als wir uns gerade einmieten wollten klingelte mein Handy und das für die Koordination aller Auslandseinsätze unseres Bataillons zuständige Lagezentrum fragte mich, ob ich vielleicht nun doch noch kurzfristig mit dem am nächsten Tag startenden Flieger abheben könne, wenn sie denn einen Platz für mich darin erkämpfen würden. Daraufhin erklärte ich ihnen, wo ich gerade war und beendete das Gespräch.
Außer einem leichten Sonnenbrand, wunderbaren Bildern und dem Gefühl, das Leben zurück zu lassen, nahmen wir von der Insel hauptsächlich viel Müdigkeit mit nach Hause.
Die konnte ich gestern ausreichend ausleben. Nach dem dramatischen Ausscheiden unserer Helden bei der WM am Dienstagabend bin ich noch bis morgen im heimatlichen Dienst, fahre nunmehr am Freitag nach Köln und besteige dort am Samstagmittag den Flieger in Richtung Karsai-county. Mein Vorgänger auf dem Dienstposten wird mir am Samstag bereits aus dem Einsatz entgegen geflogen kommen, weil er muss. Mir würde das nach fast 5 Monaten Mazar-E-Sharif wohl ähnlich ergehen.
Also jetzt meine hoch offizielle Abmeldung aus dem innerdeutschen Funkkreis. Wer Informationsbedarf oder Wünsche hat nehme bitte mit meiner Frau unmittelbar Verbindung auf, denn ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach keine direkte E-Mail Verbindung nach Deutschland nutzen können. Bis zum frühen Herbst wünschen wir Euch eine wunderbare Sommerzeit hier oder wo auch immer ihr Euch herumtreibt.
 Kapitel 4
Ja, ja , ja, es hat geklappt. Ich darf gar nicht sagen, auf was für einer Leitung ich mich hier gerade befinde. Also, ich bin gut gelandet, die ersten gut zwei Wochen waren - man glaubt es kaum - von Arbeit gekennzeichnet, ich laufe wieder regelmäßig jeden Morgen ab 05.00 Uhr die hier utopisch große Lagerrunde (ca. 5 km), kontrolliere dabei erstmals am Tag das Lager (das derzeit eigentlich nur eine größere Baustelle ist) und hatte bisher keine reale Chance, mich zu melden. Bei bis zu 43°C im Schatten wird es doch schon gemütlich warm und mein alter hehrer Grundsatz, aus Gründen der Materialschonung einen Feldanzug mindestens zwei Tage hintereinander zu tragen, wich hier bereits nach dem ersten "Stinkanfall" (also 5 Minuten nach dem Verlassen des Fliegers).
Die Lage ist nicht unbedingt richtig ruhig oder stabil aber hinnehmbar. Ich habe genug zu tun, um die 24 Stunden des Tages sinnvoll zu verbringen. Allein schon für Gespräche, da ich hier in großen Teilen mit der identischen Crew unterwegs bin, mit der ich bereits vor zwei Jahren in Kabul gewesen war.
Erste Eindrücke in Afghanistan.
Foto: PIZ ISAF
Mir fehlen hier die Leute, um alle Problembereiche wie gewünscht angehen zu können, ich bin andauernd auf irgendwelchen abendlichen Stehempfängen, weil gerade Kontingentwechsel ist und ich überall hin eingeladen bin. (Gestern war belgischer Nationalfeiertag und ich erlebte beim hiesigen Catering Anbieter Supreme richtige Porzellanteller und festes Besteck.)
Ich erlebe hier das Aufwachsen eines Feldlagers von Grund auf, ganz schlechte und richtig gute Soldaten sowie das pure Feldlagerleben ohne jede Annehmlichkeit. Jetzt, da ich um die Möglichkeit einer guten Internetanbietung weiß, werde ich bald die Gelegenheit nutzen und etwas über meinen Job hier berichten.
Manchmal ist das Leben einfach toll - und das ich diese Möglichkeit gefunden habe, bringt mich endlich wieder näher an Europa heran. Genießt es!
Mit ganz lieben Grüßen - hoffentlich bis bald ...
 Kapitel 5
Hallo alle zusammen,
ich hatte es ja angedroht, dass ich bei unpassender Gelegenheit die Zeit nutzen und schreiben werde. Über das hier kann man sogar Einiges schreiben. Einiges mehr als über die tägliche Routine, das gemeine tägliche Allerlei oder den langweiligen Trott an der Heimatfront.
Zum ersten Mal bin ich dabei, wenn aus dem Boden etwas Neues entsteht. Erstmals erlebe ich das Zusammenwirken der verschiedenen Träger, Institutionen, Bedarfsdecker, Firmen und Zivilisationen. Erstmalig spüre ich eine feindliche Umgebung, die in allem und jedem unseren Erfahrungswerten und Vorstellungen widerspricht.
Die Tatsache, unter so gut wie keinen Umständen den Blick über den Gartenzaun (der hier eine Mauer ist) schweifen lassen zu können, eingesperrt zu sein und zwischen Unterkunftscontainer, Verpflegungszelt, Arbeitszelt und Stabscontainer hin- und herschleichen zu dürfen, ist nicht dazu angetan, wirkliche Freude aufkommen zu lassen. Aber frohe Kunde: das wird einem nur abends bewusst, wenn man Zeit hat darüber nachzudenken, warum man bereits jetzt hier in MeS (Mazar-e-Sharif) ist. Und wenn man schmerzhaft nach einer Betreuungseinrichtung Ausschau hält, wie sie in Kabul allenthalben herumstehen sollen.
Ich bin mit zwei Mann zusammen auf dem Container, wir haben jeder ein Bett und das war es dann auch. Mit im Zimmer (für das Bett gab es einen Mückenschleier vom Arbeitgeber umsonst, damit die Sandmücke nicht so easy an ihre Mahlzeit kommt) stehen von jedem die Kisten und ein Stuhl.
Das war die vornehme Ausrüstung. Bei vielen derjenigen, die nach uns rein kamen, ist das Bett über die gesamte Zeit des Einsatzes ein Luxus. Sie schlafen in den Containern auf Campingbetten.
Morgens jogge ich die erste Stunde nach dem Sonnenaufgang durch das Lager (ein irrer Blick ist das manchmal; wegen der Sandstürme manchmal auch nur irre, weil man mehr nicht sehen kann), notiere im Hinterstübchen die Schmutzecken und tausche mich auch mal beim morgendlichen Training mit dem General aus. (Das ist einmal durch Zufall passiert, weil ihm etwas stank und er gerade dabei war, eine unschuldige Wache aus dem Dingo zu bomben.) Nach der Frühstücksrunde, bei der ich erstmals die Kameraden treffe und immer den lustigsten Teil des Tages bestreite, bereite ich meine kleine Morgenlage vor, stimme mich mit meinen Feldwebeln ab und treffe dann eine Einteilung zu den mich interessierenden Aufträgen. Zurzeit springen hier außerdem Tommys, Franzosen, Polen, Rumänen, Kroaten, Schweden, Finnen, Letten, Ungarn, US-Amerikaner und Belgier im Karree.
Dieses Lager ist wie seine Belegschaft im Aufwuchs. Irgendwann erreichen wir hier die Zielstärke und werden dann so etwas wie eine logistische Drehscheibe im Norden des Landes, dass sich Deutschland zum Erwachsen-werden ausgesucht hat. Mit angeschlossener Abfertigung der Flieger, mit zivil-militärischer Zusammenarbeit, mit Patrouillen und vor allem mit Arbeit. Hier im Lager arbeiten derzeit viele LEP´s (local employed people), ca. 900 auf den parallel stattfindenden Baustellen.
Wenn ich hier schreibe, dass aus der Wüste ein Lager entsteht, meine ich das auch genauso. Auf einer Fläche von 1000 auf 2000 Metern mit einem Höhenunterschied nach Norden von ca. 14 Metern werden Medienkanäle verlegt, ist eine Baumschule entstanden, haben sich die Norweger in einem Camp im Camp eingeigelt und betreibt die Bundswehr derzeit ein Lager, wie sie es bisher noch nie hatte.
Für einige der hier eingesetzten Soldaten ist das Erlebnis MeS schlimm. Sie sind die Betreuungseinrichtungsoase Camp Warehouse gewohnt und kommen mit dem bescheidenen Standard dieses Lagers weniger zurecht. Hier gibt es für etwas mehr als 1.000 Soldaten lediglich eine Betreuungseinrichtung, nur 2 offizielle Fernseher, gerade mal zwei spärliche Fitnesszelte und – nicht zu vergessen – gegen Mittag knapp 50°C im Schatten. Unerwartet viele vermögen nicht mehr, als die Mundwinkel trotz allen Stresses zu einem Lächeln anzuheben. Es wird sehr viel geschimpft und – vor allem – besprochen. Das glaubt mir keiner von Euch, aber ich hatte in dieser zu Ende gehenden Woche einen Tag, an dem waren von morgens 07.30 Uhr (Ende der Morgenparole im Zelt) bis abends 20.00 Uhr (offizielle Dienstunterbrechung) gerade einmal vier Stunden ohne (!) Besprechung. Heute waren es weniger Besprechungen, dafür aber etwas mehr Temperaturen, denn sonst hätte ich nicht den Knall zum Schreiben entwickelt. Die im Kontingent stehenden Soldaten sind wieder von der Jägerbrigade xyz und damit dieselbe Truppe mit der ich vor zwei Jahren in Kabul zusammen war. Ich bekam heute von einem Hauptfeldwebel ein Abschiedsgeschenk. (Er fliegt morgen, nicht ich.) „Erichs Luxus Duschbad“ (Wir hatten uns bei einer abendlichen Veranstaltung als ehemaliges „Ossi-Kaderpersonal“ geoutet.) Auf der Verpackung des Duschbades steht u.a.: „Von führenden Kombinaten, Volkseigenen Betrieben und Genossenschaften empfohlen. Man sagt, dass sich das Zentralkomitee der SED und die Schwimm-Nationalmannschaft der DDR mit diesem Duft verwöhnten. Enthält Wirkstoffe befreundeter Volksdemokratien und durch die Plankommission bestätigte Importe aus der BRD. … Dieses Erzeugnis belegte beim Wettbewerb „Schöner unsere Balkons und Umgehungsstraßen“ einen ausgezeichneten 68. Platz im Kreis Lauschhammer in der Kategorie CE34.“
Thema Fliegen: Heute kehrte der Airbus auf dem Flug wieder um und landete erneut in Termez. Einfach Pech!
Okay, das war’s aus Mazar. Euch allen viele Grüße.
 Kapitel 6
Wie sieht eine erste Meldung nach der Rückkehr aus dem Einsatz eigentlich aus? Also, ich weiß es auch nicht. Egal. Ich bin wohl behalten zurück aus Afghanistan. Die Jungs vor Ort in Mazar-E-Sharif haben wirklich alle Hände voll zu tun und es war eine wundervolle, erfüllende und arbeitsreiche Aufgabe, im Camp MARMAL zu arbeiten.
Für die knapp acht Wochen hatte ich eine sehr inhomogene und gleichzeitig effektive Truppe zusammen. Mir unterstanden insgesamt 10 Trupps aus rund 100 afghanischen Zivilisten. Diese wurden ihrerseits durch summa summarum 12 deutsche Soldaten geführt. Ich habe recht interessante Soldaten anderer Nationen kennen gelernt. (Der belgische Hauptmann merkte sich eine meiner Frühstückserzählungen und schenkte mir bei meiner Verabschiedungsfeier einen Patch mit dem Schriftzug „My lovely Ossi“.)
Das Camp Marmal, größtes deutsches Feldlager außerhalb Deutschlands, mit einer Ausdehnung von 2000 auf 1000 Metern, ist nicht nur das größte, sondern von der Planung her auch das am effektivsten angelegte deutsche Lager überhaupt. Leider auch das heißeste und staubigste. Das es am Rande eines Wadi liegt und deshalb beim alljährlichen Frühjahrshochwasser nicht gerade günstig „located“ ist, wird hoffentlich nur für ein bis zwei Wochen im Jahr von Interesse sein. Auf jeden Fall wird es in Kürze das sicherste der Lager sein und wenn dann erstmals Flugzeuge und Hubschrauber dort landen und starten, endgültig die Drehscheibe der NATO in Nordafghanistan. Und ich war dabei. Ich hoffe, im nächsten Jahr mit meiner Kompanie wieder dorthin zu können, um beim weiteren Aufbau mit zu helfen.
Die Rückkehr nach Deutschland verlief am Mittwoch eigentlich gut – bis ich heimatlichen Boden betrat. Erst noch den kleinen, neugeborenen P. in den Armen haltend (hey, ihr glücklichen Eltern – das ist echt ein totaler Wonneproppen. Herzlichen Glückwunsch noch mal nachträglich zur Geburt) erlebte ich später eine Ehefrau mit mehr Zurückhaltung in der Gestik, als ich es erwartet hatte. Bis sie mit der Ursache / Meldung herausrückte: wenige Stunden zuvor war einer meiner Soldaten tödlich verunglückt. Damit war der Rest der Nacht sowieso, die anschließenden zwei Tage im Dienst aber auch – versaut. Erstmals in meiner Dienstzeit musste ich eine solche Nachricht überbringen – und es war sehr schwer. Ich hoffe inständig für meine restliche Dienstzeit davon verschont zu bleiben.
Samstag das Kontrastprogramm. Mein Stellvertreter heiratete. Sah alles ganz schön aus und so langsam stellen sich erste nervöse Ausfallerscheinungen bei mir ein. Heute Morgen wollten wir zum sonntäglichen Gottesdienst die Kirche testen und siehe da: sie war überfüllt (Konfirmation). Das Alternativprogramm bestand im Brunchen. Danach ging es ans Meer, immer eine Fahrt wert. Ab morgen der Countdown in Richtung Urlaub.
Was sagt man eigentlich auf die Suggestivfragen der Pfarrer?
Ganz liebe Grüße!

Kinder sind in Afghanistan überall präsent
Foto: privat
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