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Innenansichten aus Afghanistan |
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Private
Feldpostauszüge eines deutschen Soldaten |
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Itzehoe/Kabul
[27.10.2006]. Der "Totenschädel-Skandal" erschüttert
die Bundeswehr und ganz Deutschland fragt
sich, "was
machen die da eigentlich in Afghanistan?" truppen.info
veröffentlicht exklusiv Feldpostauszüge
eines deutschen Offiziers - machen Sie sich
Ihr eigenes Bild. Die Texte wurden anonymisiert,
um den Soldaten und seine Familie zu schützen
- der Autor ist der Redaktion aber bekannt. |
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Kapitel 1 |
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Hallo
Europäer,
ich melde mich gerade aus der netten Drop Zone im schönen
und sommerlich warmen Kabul. Dort hat es mich für
eine gute Woche hin verschlagen, wobei das so gar nicht
richtig ist. Die meiste Zeit befand ich mich bisher
in Mazar-e-Sharif, einem Nest (500.000 Einwohner) im
Nordwesten AFG. Gestern flog ich dann über Faizabad
nach Kabul weiter und hier gibt es auch wieder Internet.
In Mazar musste ich mich einweisen lassen, um in
Kürze dort meinen Posten im Feldlager zu übernehmen.
Meine Frau hat diesem etwas kurzfristigen Einsatz (weiß ich
seit 9 Tagen) nur unter der Bedingung zugestimmt, dass
ich bis zum Herbst auch zurück bin. Die Androhung
lautet, sie würde sonst einen anderen finden …
Dass ich dann das merkwürdige Glück hatte,
noch schnell auf eine Dienstreise mitzufahren, die mich
innerhalb von 48 Stunden in mein Einsatzgebiet bringt,
war wirklich Glück. Ich berichte kommendes Wochenende
etwas intensiver über das Erlebnis dieser Reise
und vor allem die Dinge hier vor Ort.
Grüße … |
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Kapitel 2 |
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Nur
zur üblichen Kurzmeldung, bevor ich mich für
neun Wochen aus dem Funkverkehr ausklinke. Wir haben
in den vergangenen zwei Wochen unsere Verabschiedungs-
und Vorbereitungstour vor meinem Einsatz durchgezogen.
Deshalb wurde es an den Wochenenden nicht nur terminlich
knackig eng, sondern vor allem nicht langweilig.
Vor zwei Wochen fand freitags noch das Parallelspachteln
der Offiziersgilde am Standort statt, bevor wir tags darauf
zu den Eltern meiner Frau fuhren. War ganz ordentlich
und ich hatte einfach Schwein. Bis 18.00 Uhr musste der
Organisations- und Vorbereitungsplan nur durchhalten,
dann setzten die deutschen Kicker ihrerseits zum Beginn
der FIFA-WM an und für mich ein. Die Stunden vom
nachmittäglichen Beginn der Veranstaltung bis zum
Start der WM füllte ich mit Kuchen und „Grillgut“ (wunderschönes
mundartliches Ergänzungsstück zu dem berühmten
ostdeutschen „Winkelement“).
Das Wetter zauberte an dem Nachmittag den ersten schönen
und vor allem warmen Nachmittag in die Welt und ich hatte
gewonnen. Tags darauf fuhren wir dann durch das Land und
genossen den Trip durch das herrliche Mecklenburg.
Unter der Woche hörten wir uns in B. einen Vortrag
des Generalkonsuls Serbiens (nicht mehr Montenegros) an,
der zur Geschichte des Konfliktes im Kosovo (Kosova-Mehtodija
oder so ähnlich) vortrug. Organisiert vom Verein
für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. in einer Kaserne
der Bundeswehr vor Soldaten, die gerade im Kosovo gewesen
waren oder allgemein in deutschen Einsatzgebieten ständig
präsent sind, den Sanitätern. Kurz vor Ende
des Vortrages hielt ich es dann absolut nicht mehr aus
und verließ mit meiner Frau den Saal und damit auch
diesen Vortrag, denn sowohl inhaltlich als auch in der
Bewertung und Interpretation war das keine Frechheit,
sondern geradezu reaktionär. Jetzt weiß ich
was es heißt, Tatsachen und geschichtliche Ereignisse
zu selektieren, in einem anderen Zusammenhang darzustellen,
in die eigene Vorstellung einzupassen usw. Die serbische
Geschichtsauffassung dazu ist ähnlich krude wie die
deutsche früherer Jahrzehnte, als noch Ideologien
vor Schülern verkauft werden mussten.
Am vergangenen Wochenende waren wir dann bei meiner
Mutter (tolle Tour!) und brachten somit von Freitagmittag
bis Sonntagnacht insgesamt knapp 27 Bahnstunden hinter
uns. Dazwischen lagen drei Stunden, die unserem Traugespräch
vorbehalten blieben, als wir bei einem Zwischenstop
unseren Traupfarrer trafen. Highlight wurde die „konkret“ zeitkritische
Verbindungsaufnahme mit dem Anschlusszug, der 15.12 Uhr
abfuhr bzw. abfahren sollte. Und da wir uns einfach nicht
trennen konnten (ich kenne den Pfarrer aus meiner Vorverwendung)
rannte ich mit meiner Liebsten tatsächlich erst um
15.12 Uhr auf den Bahnsteig. Der Zug hatte 5 Minuten Verspätung.
Solcherart Rennen waren wir aber gewohnt, denn unter
der Woche hatten wir unseren ersten gemeinsamen Testmarsch
zur Überprüfung des allgemeinen militärischen
Könnens über 20 Kilometer hinter uns gebracht.
Und ich habe wieder etwas gelernt. Mit freundlicher Unterstützung
zweier Soldaten erfuhren wir als insgesamt 4 Soldaten
starke Marschgruppe eine Marschbegleitung (Überwachung
ist ein zu kritisches Wort und spiegelt den Charakter
dessen auch nicht wieder), wie ich sie in meiner Bundeswehrzeit
noch nicht erleben durfte. Höhepunkt dieser generösen
Behandlung, die ich so was von eindeutig meiner Begleiterin
zu verdanken hatte, waren bei Kilometer 12 frische Brötchen
vom Bäcker, deren einziges Manko vielleicht darin
bestand, dass sie noch nicht vorgekaut waren. Da wir morgens
um 05.00 Uhr losmarschiert waren, hatte das fast schon
Urlaubscharakter.
Am kommenden Wochenende wollen wir noch mal gen Norden.
Grund ist die Kieler Woche. Für alle Nicht-Sprotten:
kulturelles, politisches, und was weiß ich noch
Highlight des Nordens sowie einziger Termin, wegen dem
Generäle der Bundeswehr oder Wirtschaftsbosse und
Polit-Chargen Gründe erfinden, die ihre Anwesenheit
nördlich des Nord-Ostsee-Kanals begründen könnten.
Na ja, und da fahren wir dann auch mal hin.
Samstag gibt es dann Kultur mit dem Vorschlaghammer:
Die Stadt S. ruft. Für den Unbedarften. Auch diese
nordische Stadt hat ihre Reize. Man(n) sieht also, dass
unser vorletztes prä-Einsatz-Wochenende voll ausgeplant
ist. Zwischendurch gilt es, die Terrasse des Gartens in
einen weniger dschungelähnlichen Zustand zu versetzen.
Für mich heißt das also Säubern des Wohnzimmers.
Den Carport als Ausweichmöglichkeit habe ich bereits
entrümpelt. Damit erfülle ich die strengen Forderungen
des „Cavemen“, der in seinem letztjährigen
Programm im Hamburger Schmitz-Tivoli die genannten Räumlichkeiten
der alleinigen Verfügungsgewalt des Mannes zusprach.
(Zum Wohnen und Schlafen!)
So das war’s. |
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Das
Abenteuer Afghanistan steht bevor...
Foto: PIZ ISAF |
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Kapitel 3 |
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Letztmaliges
Schreiben vor dem Einsatz. Versprochen!
Mein Arbeitgeber schenkte mir unverhofft und ungeplant
drei weitere Tage mit meiner Frau bevor ich nach Nordafghanistan
aufbrechen werde.
Da aber seit der letzten unserer Meldung bereits einige
Tage ins Land gegangen sind, kurz aus unserem persönlichen
WM-Tagebuch:
Achtelfinale gegen Schweden, was für ein Wochenende
für uns. Freitag ans Meer. Mensch, endlich mal fast
gutes Wetter hier oben und der Glaube an den diesjährigen
Sommer kehrt langsam wieder in unsere Herzen zurück.
Bis dahin hatte ich vermutet, den ganzen Sommer über
Winterbekleidung tragen zu müssen. Strandwanderung
an der Nordsee, Kaffeetrinken in Nordfriesland und
am Abend wunderbares Grillen im heimischen Garten. Grandios.
Aber kein Vergleich zum Samstag. Morgens früh raus
und ab an die Ostsee. Das übliche Eis im Lieblingseiscafe
bildete am Nachmittag nur das Warm-up vor der frühabendlichen
Fahrt nach Flensburg: Fußball. War das ein Spiel?!
Noch völlig aufgekratzt von der Faszination Fußball
fuhren wir zurück und kamen über den Ortsrand
von Flensburg kaum hinaus, als wir von weitem bereits
wild blinkende Fahrzeuge sahen. Nun erlebte ich meine
Frau erstmals von der anderen Seite und bin noch im Nachhinein
mächtig überrascht, mit welcher Professionalität
und beruflichem Selbstverständnis sie bei den beiden
Schwerstverletzten Zugänge gelegt und zu Beginn ihrer
Rekognoszierung vor Ort den bereits verstorbenen jungen
Mann noch behandelt hat. Spät abends habe ich dann
allein Fußball gesehen. Am Sonntag lebten wir in
den Tag hinein. Als wir davon genug hatten, fuhren wir
nach Kiel und hörten uns das Konzert von Reamonn
an. Genial! Das abschließende Feuerwerk der Kieler
Woche nahmen wir noch mit und trollten uns anschließend
in Richtung Heimat. Mal muss ja geschlafen werden.
Unter der Woche war noch alles klar mit meinem Abflug.
Das Wochenende verbrachten wir in der ruhigen und abwartenden
Haltung zu Hause. Außer am Sonntagfrüh. Der
war über vier Stunden unserem Abschiedsbrunch vorbehalten.
Oh Gott! Lecker.
Montag sollte es dann losgehen. Als ich meine Unterlagen
abholte, wurde mir eröffnet, dass der Flug um vier
Tage verschoben worden war. Das waren dann die 2 o.g.
Urlaubstage, die ich zusammen mit meiner Frau nun zusätzlich
hatte. Kurzerhand begaben wir uns mit den Fahrrädern,
dem Zelt und unseren Schlafsäcken nach Sylt, mieteten
uns auf einem Zeltplatz ein, „carpe diem“ und
verschwendeten bei Prado sinnlos Geld … Kleine Anekdote
am Rande: Als wir uns gerade einmieten wollten klingelte
mein Handy und das für die Koordination aller Auslandseinsätze
unseres Bataillons zuständige Lagezentrum fragte
mich, ob ich vielleicht nun doch noch kurzfristig mit
dem am nächsten Tag startenden Flieger abheben könne,
wenn sie denn einen Platz für mich darin erkämpfen
würden. Daraufhin erklärte ich ihnen, wo ich
gerade war und beendete das Gespräch.
Außer einem leichten Sonnenbrand, wunderbaren Bildern
und dem Gefühl, das Leben zurück zu lassen,
nahmen wir von der Insel hauptsächlich viel Müdigkeit
mit nach Hause.
Die konnte ich gestern ausreichend ausleben. Nach dem
dramatischen Ausscheiden unserer Helden bei der WM
am Dienstagabend bin ich noch bis morgen im heimatlichen
Dienst, fahre nunmehr am Freitag nach Köln und besteige
dort am Samstagmittag den Flieger in Richtung Karsai-county.
Mein Vorgänger auf dem Dienstposten wird mir am Samstag
bereits aus dem Einsatz entgegen geflogen kommen, weil
er muss. Mir würde das nach fast 5 Monaten Mazar-E-Sharif
wohl ähnlich ergehen.
Also jetzt meine hoch offizielle Abmeldung aus dem
innerdeutschen Funkkreis. Wer Informationsbedarf oder
Wünsche hat nehme bitte mit meiner Frau unmittelbar
Verbindung auf, denn ich werde aller Wahrscheinlichkeit
nach keine direkte E-Mail Verbindung nach Deutschland
nutzen können. Bis zum frühen Herbst wünschen
wir Euch eine wunderbare Sommerzeit hier oder wo auch
immer ihr Euch herumtreibt. |
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Kapitel 4 |
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Ja,
ja , ja, es hat geklappt. Ich darf gar nicht sagen, auf was für einer Leitung
ich mich hier gerade befinde. Also, ich bin gut gelandet, die ersten gut
zwei Wochen waren - man glaubt es kaum - von Arbeit gekennzeichnet, ich
laufe wieder regelmäßig jeden Morgen ab 05.00 Uhr die hier
utopisch große Lagerrunde (ca. 5 km), kontrolliere dabei erstmals
am Tag das Lager (das derzeit eigentlich nur eine größere Baustelle
ist) und hatte bisher keine reale Chance, mich zu melden. Bei bis zu 43°C
im Schatten wird es doch schon gemütlich warm und mein alter hehrer
Grundsatz, aus Gründen der Materialschonung einen Feldanzug mindestens
zwei Tage hintereinander zu tragen, wich hier bereits nach dem ersten "Stinkanfall" (also
5 Minuten nach dem Verlassen des Fliegers).
Die Lage ist nicht unbedingt richtig ruhig oder stabil aber hinnehmbar.
Ich habe genug zu tun, um die 24 Stunden des Tages sinnvoll zu verbringen.
Allein schon für Gespräche, da ich hier in großen Teilen
mit der identischen Crew unterwegs bin, mit der ich bereits vor zwei Jahren
in Kabul gewesen war. |
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Erste Eindrücke
in Afghanistan.
Foto: PIZ ISAF |
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Mir
fehlen hier die Leute, um alle Problembereiche wie gewünscht angehen
zu können, ich bin andauernd auf irgendwelchen abendlichen Stehempfängen,
weil gerade Kontingentwechsel ist und ich überall hin eingeladen
bin. (Gestern war belgischer Nationalfeiertag und ich erlebte beim
hiesigen Catering Anbieter Supreme richtige Porzellanteller und festes
Besteck.)
Ich erlebe hier das Aufwachsen eines Feldlagers von Grund auf, ganz
schlechte und richtig gute Soldaten sowie das pure Feldlagerleben ohne
jede Annehmlichkeit.
Jetzt, da ich um die Möglichkeit einer guten Internetanbietung weiß,
werde ich bald die Gelegenheit nutzen und etwas über meinen Job hier berichten.
Manchmal ist das Leben einfach toll - und das ich diese Möglichkeit gefunden
habe, bringt mich endlich wieder näher an Europa heran. Genießt
es!
Mit ganz lieben Grüßen - hoffentlich bis bald ... |
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Kapitel 5 |
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Hallo
alle zusammen,
ich hatte es ja angedroht, dass ich bei unpassender
Gelegenheit die Zeit nutzen und schreiben werde. Über
das hier kann man sogar Einiges schreiben. Einiges mehr
als über die tägliche Routine, das gemeine tägliche
Allerlei oder den langweiligen Trott an der Heimatfront.
Zum ersten Mal bin ich dabei, wenn aus dem Boden etwas
Neues entsteht. Erstmals erlebe ich das Zusammenwirken
der verschiedenen Träger, Institutionen, Bedarfsdecker,
Firmen und Zivilisationen. Erstmalig spüre ich eine
feindliche Umgebung, die in allem und jedem unseren Erfahrungswerten
und Vorstellungen widerspricht.
Die Tatsache, unter so gut wie keinen Umständen den
Blick über den Gartenzaun (der hier eine Mauer ist)
schweifen lassen zu können, eingesperrt zu sein und
zwischen Unterkunftscontainer, Verpflegungszelt, Arbeitszelt
und Stabscontainer hin- und herschleichen zu dürfen,
ist nicht dazu angetan, wirkliche Freude aufkommen zu
lassen. Aber frohe Kunde: das wird einem nur abends bewusst,
wenn man Zeit hat darüber nachzudenken, warum man
bereits jetzt hier in MeS (Mazar-e-Sharif) ist. Und wenn
man schmerzhaft nach einer Betreuungseinrichtung Ausschau
hält, wie sie in Kabul allenthalben herumstehen sollen.
Ich bin mit zwei Mann zusammen auf dem Container, wir
haben jeder ein Bett und das war es dann auch. Mit im
Zimmer (für das Bett gab es einen Mückenschleier
vom Arbeitgeber umsonst, damit die Sandmücke nicht
so easy an ihre Mahlzeit kommt) stehen von jedem die Kisten
und ein Stuhl.
Das war die vornehme Ausrüstung. Bei vielen derjenigen,
die nach uns rein kamen, ist das Bett über die gesamte
Zeit des Einsatzes ein Luxus. Sie schlafen in den Containern
auf Campingbetten.
Morgens jogge ich die erste Stunde nach dem Sonnenaufgang
durch das Lager (ein irrer Blick ist das manchmal; wegen
der Sandstürme manchmal auch nur irre, weil man mehr
nicht sehen kann), notiere im Hinterstübchen die
Schmutzecken und tausche mich auch mal beim morgendlichen
Training mit dem General aus. (Das ist einmal durch Zufall
passiert, weil ihm etwas stank und er gerade dabei war,
eine unschuldige Wache aus dem Dingo zu bomben.) Nach
der Frühstücksrunde, bei der ich erstmals die
Kameraden treffe und immer den lustigsten Teil des Tages
bestreite, bereite ich meine kleine Morgenlage vor, stimme
mich mit meinen Feldwebeln ab und treffe dann eine Einteilung
zu den mich interessierenden Aufträgen. Zurzeit springen
hier außerdem Tommys, Franzosen, Polen, Rumänen,
Kroaten, Schweden, Finnen, Letten, Ungarn, US-Amerikaner
und Belgier im Karree.
Dieses Lager ist wie seine Belegschaft im Aufwuchs.
Irgendwann erreichen wir hier die Zielstärke und
werden dann so etwas wie eine logistische Drehscheibe
im Norden des Landes, dass sich Deutschland zum Erwachsen-werden
ausgesucht hat. Mit angeschlossener Abfertigung der Flieger,
mit zivil-militärischer Zusammenarbeit, mit Patrouillen
und vor allem mit Arbeit. Hier im Lager arbeiten derzeit
viele LEP´s (local employed people), ca. 900 auf
den parallel stattfindenden Baustellen.
Wenn ich hier schreibe, dass aus der Wüste ein Lager
entsteht, meine ich das auch genauso. Auf einer Fläche
von 1000 auf 2000 Metern mit einem Höhenunterschied
nach Norden von ca. 14 Metern werden Medienkanäle
verlegt, ist eine Baumschule entstanden, haben sich die
Norweger in einem Camp im Camp eingeigelt und betreibt
die Bundswehr derzeit ein Lager, wie sie es bisher noch
nie hatte.
Für einige der hier eingesetzten Soldaten ist das
Erlebnis MeS schlimm. Sie sind die Betreuungseinrichtungsoase
Camp Warehouse gewohnt und kommen mit dem bescheidenen
Standard dieses Lagers weniger zurecht. Hier gibt es für
etwas mehr als 1.000 Soldaten lediglich eine Betreuungseinrichtung,
nur 2 offizielle Fernseher, gerade mal zwei spärliche
Fitnesszelte und – nicht zu vergessen – gegen
Mittag knapp 50°C im Schatten. Unerwartet viele vermögen
nicht mehr, als die Mundwinkel trotz allen Stresses zu
einem Lächeln anzuheben. Es wird sehr viel geschimpft
und – vor allem – besprochen. Das glaubt mir
keiner von Euch, aber ich hatte in dieser zu Ende gehenden
Woche einen Tag, an dem waren von morgens 07.30 Uhr (Ende
der Morgenparole im Zelt) bis abends 20.00 Uhr (offizielle
Dienstunterbrechung) gerade einmal vier Stunden ohne (!)
Besprechung. Heute waren es weniger Besprechungen, dafür
aber etwas mehr Temperaturen, denn sonst hätte ich
nicht den Knall zum Schreiben entwickelt. Die im Kontingent
stehenden Soldaten sind wieder von der Jägerbrigade
xyz und damit dieselbe Truppe mit der ich vor zwei Jahren
in Kabul zusammen war. Ich bekam heute von einem Hauptfeldwebel
ein Abschiedsgeschenk. (Er fliegt morgen, nicht ich.) „Erichs
Luxus Duschbad“ (Wir hatten uns bei einer abendlichen
Veranstaltung als ehemaliges „Ossi-Kaderpersonal“ geoutet.)
Auf der Verpackung des Duschbades steht u.a.: „Von
führenden Kombinaten, Volkseigenen Betrieben und
Genossenschaften empfohlen. Man sagt, dass sich das Zentralkomitee
der SED und die Schwimm-Nationalmannschaft der DDR mit
diesem Duft verwöhnten. Enthält Wirkstoffe befreundeter
Volksdemokratien und durch die Plankommission bestätigte
Importe aus der BRD. … Dieses Erzeugnis belegte
beim Wettbewerb „Schöner unsere Balkons und
Umgehungsstraßen“ einen ausgezeichneten 68.
Platz im Kreis Lauschhammer in der Kategorie CE34.“
Thema Fliegen: Heute kehrte der Airbus auf dem Flug
wieder um und landete erneut in Termez. Einfach Pech!
Okay, das war’s aus Mazar. Euch allen viele Grüße. |
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Kapitel 6 |
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Wie
sieht eine erste Meldung nach der Rückkehr aus
dem Einsatz eigentlich aus? Also, ich weiß es
auch nicht. Egal. Ich bin wohl behalten zurück
aus Afghanistan. Die Jungs vor Ort in Mazar-E-Sharif
haben wirklich alle Hände voll zu tun und es
war eine wundervolle, erfüllende und arbeitsreiche
Aufgabe, im Camp MARMAL zu arbeiten.
Für die knapp acht Wochen hatte ich eine sehr inhomogene
und gleichzeitig effektive Truppe zusammen. Mir unterstanden
insgesamt 10 Trupps aus rund 100 afghanischen Zivilisten.
Diese wurden ihrerseits durch summa summarum 12 deutsche
Soldaten geführt. Ich habe recht interessante Soldaten
anderer Nationen kennen gelernt. (Der belgische Hauptmann
merkte sich eine meiner Frühstückserzählungen
und schenkte mir bei meiner Verabschiedungsfeier einen
Patch mit dem Schriftzug „My lovely Ossi“.)
Das Camp Marmal, größtes deutsches Feldlager
außerhalb Deutschlands, mit einer Ausdehnung von
2000 auf 1000 Metern, ist nicht nur das größte,
sondern von der Planung her auch das am effektivsten angelegte
deutsche Lager überhaupt. Leider auch das heißeste
und staubigste. Das es am Rande eines Wadi liegt und deshalb
beim alljährlichen Frühjahrshochwasser nicht
gerade günstig „located“ ist, wird hoffentlich
nur für ein bis zwei Wochen im Jahr von Interesse
sein. Auf jeden Fall wird es in Kürze das sicherste
der Lager sein und wenn dann erstmals Flugzeuge und Hubschrauber
dort landen und starten, endgültig die Drehscheibe
der NATO in Nordafghanistan. Und ich war dabei. Ich hoffe,
im nächsten Jahr mit meiner Kompanie wieder dorthin
zu können, um beim weiteren Aufbau mit zu helfen.
Die Rückkehr nach Deutschland verlief am Mittwoch
eigentlich gut – bis ich heimatlichen Boden betrat.
Erst noch den kleinen, neugeborenen P. in den Armen haltend
(hey, ihr glücklichen Eltern – das ist echt
ein totaler Wonneproppen. Herzlichen Glückwunsch
noch mal nachträglich zur Geburt) erlebte ich später
eine Ehefrau mit mehr Zurückhaltung in der Gestik,
als ich es erwartet hatte. Bis sie mit der Ursache / Meldung
herausrückte: wenige Stunden zuvor war einer meiner
Soldaten tödlich verunglückt. Damit war der
Rest der Nacht sowieso, die anschließenden zwei
Tage im Dienst aber auch – versaut. Erstmals in
meiner Dienstzeit musste ich eine solche Nachricht überbringen – und
es war sehr schwer. Ich hoffe inständig für
meine restliche Dienstzeit davon verschont zu bleiben.
Samstag das Kontrastprogramm. Mein Stellvertreter heiratete.
Sah alles ganz schön aus und so langsam stellen sich
erste nervöse Ausfallerscheinungen bei mir ein. Heute
Morgen wollten wir zum sonntäglichen Gottesdienst
die Kirche testen und siehe da: sie war überfüllt
(Konfirmation). Das Alternativprogramm bestand im Brunchen.
Danach ging es ans Meer, immer eine Fahrt wert. Ab morgen
der Countdown in Richtung Urlaub.
Was sagt man eigentlich auf die Suggestivfragen der
Pfarrer?
Ganz liebe Grüße! |
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Kinder sind in
Afghanistan überall präsent
Foto: privat |
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| Anzeigen |
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